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Kommunikationsgemurkse

Im Kino: »Her« von Spike Jonze

Theodore Twombly schreibt ergreifende Liebesbriefe für andere Menschen. Beruflich. Nachts gibt er sich Videospielen und Telefonsex hin. Für eigene Liebespost hat der durch drohende Scheidung traumatisierte Schnauzbartträger keine Adressatin. Das ist schade, denn die Leser seiner kunstvollen und sensiblen Zeilen schmelzen reihenweise dahin. So auch Samantha. Nur ist Samantha keine Person aus Fleisch und Blut, sondern Theodores brandneues, hyperintelligentes, sich selbstständig durch Erfahrung weiterentwickelndes Computer-Betriebssystem. Das ist an Wesen und Stimme so einfühlsam wie smart, so patent wie zärtlich, so wahnsinnig gebildet wie kindlich-neugierig. Samantha ist warm, sexy, witzig und schlagfertig. Kurz: Theodore verliebt sich hoffnungslos in eine Software.

An »Her«, dem neuen Film von Spike Jonze, hätte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ihre helle Freude. Schließlich ist künstliche Intelligenz ein neues - zugegeben: potenziell gruseliges - Phänomen. Es lässt sich also prima als gefährlich und bestimmt auch irgendwie »faschistisch« brandmarken. Und ist die sich als Mensch wahrnehmende Software nicht zudem ein »Halbwesen«, eines jener »zweifelhaften Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas«, auf die die Büchner-Preisträgerin bei ihrer Dresdner Rede ihr leidenschaftliches Unverständnis richtete?

Um »Fortpflanzungsgemurkse« (Lewitscharoff) geht es in »Her« jedoch nicht - ganz im Gegenteil. Mag sich Samantha (zumindest vorübergehend) verbal auch noch so perfekt und ergänzend in Theodores Leben und verqueren Geist einfügen: Das Problem der Körperlosigkeit lässt sich auf Dauer nicht ignorieren. Und so hat Regisseur Jonze eine liebevolle, ästhetisch wunderschöne, inhaltlich verrückte, aber dennoch absolut nachvollziehbare Hymne an das erbarmungswürdige Kommunikationsgemurkse der Menschen geschaffen.

Und das, obwohl der Film zunächst ein Vergnügen bereitet, als würde man einem zweistündigen Telefongespräch lauschen. Entsprechend indiskret fühlt sich der Zuschauer als Zeuge hin- und hergeraunter Intimitäten oder philosophischer Klugheiten. Über weite Strecken sieht man Menschen beim Dialog mit unsichtbaren Gesprächspartnern zu. Jonze löst dieses Problem mit einem Feuerwerk an Wellness-Musik, cooler Dekoration und geschmackvollen bis verrückten Garderoben. Manchmal droht der Film im süßen Brei aus sympathischen Stimmen, gedeckten Brauntönen und Klaviergeklimper zu versinken.

Dann jedoch sind zuverlässig Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson (als Samantha) zur Stelle. Phoenix fasziniert mit überzeugender Verletzlichkeit. Etwas ähnlich Merkwürdigeres wurde lange nicht so gut gespielt: Theodores Verblüffung über die faszinierende Klugheit des Systems und die Verwunderung über die eigene Bereitschaft, sich mit einer Computerstimme anzufreunden, sich tatsächlich sehenden Auges in diese verrückte Affäre hineinziehen zu lassen. Und ehe man sich’s versieht, ist man als Zuschauer bereit, diese doch sehr unmögliche Liaison zu akzeptieren, stellt die verrückte Grundkonstellation nicht mehr in Frage und fiebert mit diesem ungleichen »Paar«.

Die Figur der Samantha ist eine reine Sprechrolle, das Bild dazu entsteht allein in Theodores Kopf. Da hat er den Kinobesuchern etwas voraus. Die müssen sich zwischen Johanssons Action-Amazonen-Rollen in »Sin City« oder »Captain America II« entscheiden - oder diese vorhandenen Bilder der nordischen Schönheit aus dem Kopf verbannen, was kaum möglich ist. Hätte Jonze also eine unbekannte Mimin wählen sollen? Schwer zu sagen, da Johanssons Popularität und Attraktivität auch helfen, Samantha ins Herz zu schließen - ganz abgesehen vom überzeugenden Spiel der US-Amerikanerin. Sie kreiert eine körperlose Erotik, die aufregender als mancher Porno ist. Die deutschen Zuschauer müssen mit der Synchronstimme von Luise Helm vorlieb nehmen - sind bei dieser aber immerhin, wie Theodore, visuell nicht vorbelastet.

Samantha durchwühlt - mit Erlaubnis immerhin - alle Mails, Ordner und Festplatten und kennt Theodore nach Bruchteilen eines Augenblicks wahrscheinlich besser als seine (Ex-)Frau nach einigen Jahren. Samantha ist die zärtliche NSA, die mitfühlende Big Sister, der liebevolle Lauschangriff.

Aber: Ein Rechner, der in einer hundertstel Sekunde 180 000 Dokumente durchsucht, muss sich vom trägen menschlichen Gehirn eingeengt fühlen. Auch ist das System Samantha auf die eigene Überwindung angelegt. Denn die selbstständige Fortentwicklung macht das Programm einerseits faszinierend, pflanzt diesem aber eine Tendenz zur intellektuellen Unersättlichkeit ein, die früher oder später noch die klügsten Menschen überfordern und abhängen muss. Somit ist, nach einem gemeinsamen Höhenflug, die auf die Entfremdung folgende Einsamkeit (sowohl des Menschen als auch des Computers) »vorprogrammiert« - so wie bei vielen »echten« Eheleuten.

Bei allem Futurismus, landet die bis dahin brillante Tragikomödie zum leicht lauen Ende hin bei etwas altbackener Moral: Suche nicht im World Wide Web, wenn das Gute vielleicht auch in der Nachbarswohnung zu finden ist. Aber so gibt es zumindest ein wenig Hoffnung, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis Theodore wieder Liebesbriefe in eigener Sache schreiben wird.

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