Ein Sieger, ein Terrorist

Schauplätze vom Anfang und Ende des Ersten Weltkrieges in und um Serbien

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 8 Min.
Latina-Brücke in Sarajevo: Ort des Attentats vom 28. Juni 1914
Latina-Brücke in Sarajevo: Ort des Attentats vom 28. Juni 1914

Der Kalemegdan liegt in Belgrad dort, wo die Sava in die Donau mündet. Ein etwa zwei Quadratkilometer großes Hochplateau. Seine zum Fluss ziemlich steil, bis zu 80 Meter abfallenden Kalksteinhänge sollen einst strahlend weiß gewesen sein und Einheimische wie Fremde zum Namen der Siedlung inspiriert haben: Beograd, die weiße Stadt.

Auf dem Kalemegdan thront seit rund 700 Jahren die Belgrader Festung. Längst ist dieses, allein ob seiner Lage, faszinierende Fleckchen Erde in einen wunderschönen Park verwandelt worden. In eine Melange aus demilitarisierter orientalischer und europäischer Burgbaukunst, bizarr gegliedert, mit vielen niedrigen Mauerzeilen und Treppen, mit Eichen, Magnolien und Blumenbeeten, Spiel- und Sportplätzen, mit Hunderten Bänken, Verkaufsständen aller Art, vor allem in Form von Ziehwagen. Sowie die Tage jetzt sonniger werden, kommen wieder Alt und Jung hier herauf, um Muße zu suchen und zu finden. Ein beliebter Treffpunkt ist am Pobednik, beim Sieger. Ein auf einer dorischen Säule stehender, überlebensgroßer Nackter, auf seiner linken Hand einen Falken, in der rechten ein gesenktes Schwert.

Das gute Stück stammt von Ivan Mestrovic, einem der wichtigsten jugoslawischen Bildhauer und Architekten. Es erinnert an das für Serbien siegreiche Ende des Ersten Weltkrieges am 11. November 1918. Und es steht sowohl in Sichtweite als auch in entsprechender Blickrichtung zu der Stelle, wo die allerersten Schüsse eben dieses Krieges gefallen waren. Nämlich in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 1914, unmittelbar nach der österreich-ungarischen Kriegserklärung an Serbien. Abgegeben von zwei k.u.k-Kanonenbooten, die vor Belgrad auf der Sava und Donau kreuzten, dort, wo damals die Grenze zwischen beiden Ländern verlief.

Jeden Tag trödeln am Sieger auch Schulklassen vorbei. Auf die Frage, wie sie ihn so finden und was sie von ihm halten, kichert Cvetanka, und Jagos feixt ein bisschen. Natürlich kennen das Mädchen und der Junge, beide 13 Jahre alt, die Geschichte, dass er in den 20er Jahren wegen seines Adamskostüms von unten aus dem Stadtzentrum hier hoch umziehen musste. Ob er ein Freiheitsheld sei? Na klar, ruft Jagos, und er hängt gleich einen gängigen Spruch an, dessen Anfangsbuchstaben man überall im Land als Graffiti sieht: »Allein Einigkeit macht uns Serben stark!«

Bei der Rezeption von Kriegsdenkmälern sollte man ja möglichst um- und vorsichtig vorgehen. Spätestens nach Kurt Tucholskys Anmerkung, dass sich in Deutschland deren Zahl zur Zahl der Heinedenkmäler verhält wie die Macht zum Geist. Im Grunde gibt es so ein »intellektuelles wie politisches Missverhältnis auch bei uns«, räumt Dejan Kovacevic, pensionierter Zeitgeschichtler der Belgrader Uni, ein, der über den »Sieger« auf dem Kalemegdan gerade einen kulturhistorischen Essay für den Druck vorbereitet. Doch einen wesentlichen Unterschied gebe es schon, meint er. »Deutschland war im 20. Jahrhundert ein Hauptakteur dreier Aggressionskriege gegen Serbien. Wir gedenken hingegen derer, die bei uns ihr Land verteidigten.«

Schwierig, dem mehr entgegen zu halten, als dass sich auch Serbien in den regionalen Kriegen zuvor alles andere als ein Waisenknabe aufführte. Fakt ist jedoch, dass es im Ersten Weltkrieg das Land war, das relativ gesehen die größten Menschenopfer aller beteiligten Staaten zu beklagen hatte. Rund 600 000 serbische Soldaten und Zivilisten, fast ein Fünftel der damaligen Gesamtbevölkerung, kamen um. In diesem Angriffskrieg, den die k.u.k-Monarchie erst allein, ab Anfang 1915 dann im Bund mit Deutschland und Bulgarien führte. »Die serbische Armee hat wahre Heldentaten vollbracht, aber vor allem hat das serbische Volk unfassbare Leiden durchlebt«, wird in Serbien bis heute Robert Lansing gern zitiert, damals US-Außenminister unter Präsident Woodrow Wilson.

Waren die Kanonenbootschüsse vor Belgrad noch eine Art symbolisches Angriffsraunen, wurde es am 12. August 1914 blutig ernst. Die Wiener Hofburg, durch Wilhelm II. von Berlin aus zu einem »schnellen fait accompli (vollendete Tatsache - d. A.)« ermuntert, ließ 200 000 Österreicher und Ungarn, Tschechen, Kroaten, Slowenen und Bosnier in Serbien einfallen. Und zwar nur 100 Kilometer westlich von Belgrad, aus Bosnien kommend, das Österreich-Ungarn bereits 1908 völkerrechtswidrig annektiert hatte. »Heute sind wieder ein Pope und ein Student gehenkt worden«, notierte ein Chronist, der als Gemeiner mitmarschierte und Egon Erwin Kisch hieß. »Anderentags teilte der Divisionspfarrer in einer Feldpredigt mit, dass Papst Pius X. den Soldaten Ablass für alle Sünden gewährt.«

In der Schlacht von Cer (16. bis 24.8.) trieben die Serben die Angreifer jedoch wieder über die Grenze zurück. Die darauffolgende Schlacht an der Drina (6.9. bis 4.10.) endete mit einem strategischen Patt. Die dritte in Folge, die Schlacht an der Kolubara (16.11. bis 15.12.), in der es auf beiden Seiten zusammen gerechnet 250 000 Tote und Verwundete gab, wurde zur vernichtenden Niederlage für den Aggressor. Erst ein Jahr später, 1915 im Balkan-Herbstfeldzug der Mittelmächte, konnte ein deutsch-bulgarisches Heer Serbien, »den am Weltkrieg schuldigen Mörderstaat endlich zerquetschen«. So Rudolph Stratz, ein deutsch-nationaler Historiker im Jahr 1932.

Der Schauplatz der drei Schlachten von 1914 lag in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern west-südwestlich von Belgrad. In einer, mit heutigen Augen gesehen, malerischen Touristengegend. Mit der sich durchs Mittelgebirge den Weg bahnenden Drina, dem Tara-Nationalpark mit seinen Gänsegeiern, zahlreichen Klöstern und Dörfern. Einst aber tauchten Städte wie Lozniza, Valjevo und Sabac, Krupanij und Ljubovija immer wieder in den Kriegstagebüchern beider Seiten auf. Und das sind - wie anderenorts zu anderen Kriegsdaten - die Orte, die sich in diesem 100. Gedenkjahr besonders auf interessierte Besucher vorbereiten. Mit Neugestaltung von Museen, vielen Publikationen und teilweise restaurierten Denkmälern. »Schauen und hören sie sich um bei uns«, lädt Pope Nicola ein, der sich um die Gedächtnis-Krypta bei Sabac kümmert. »Unser Gedenken an die Toten soll nicht neuen Hass, sondern künftigen Frieden säen.«

Der Krieg, der über Serbien im Sommer 1914 von Westen und Norden herfiel, endete mehr als vier Jahre später mit einer Großoffensive der Entente von weit im Norden her. Sie hatte am 14. September 1918 an der so genannten Saloniki-Front mit rund 600 000 Mann begonnen, davon jeder vierte ein Serbe. Die Hauptstoßrichtung hieß Belgrad. Bereits nach vier Wochen war die Linie Kraljevo-Kragujevac-Krusevac-Nis erreicht. Das sind übrigens alles Städte, die dann von deutschen und bulgarischen Truppen auch im Zweiten Weltkrieg - sicher nicht zuletzt aus Rache für die Niederlage von 1918 - besetzt und drangsaliert worden sind. Fast jede dritte Familie in Kraljevo verlor Angehörige durch Geiselerschießungen. In Kragujevac waren am 21. Oktober 1941 von zwei Wehrmachtseinheiten »als Vergeltungsmaßnahme für Partisanenangriffe« fast 2400 Zivilisten massakriert worden. Darunter 318 Schüler und Lehrer des Abiturientenjahrgangs der beiden örtlichen Gymnasien.

»Der Erste Weltkrieg war hier nicht weniger grausam als der Zweite«, bilanziert Museumshistoriker Aleksandar Popovic in Nis nüchtern. Daran erinnert auch ein Denkmal auf dem Bubanj-Hügel im Stadtteil Crveni Krst. Bis Oktober 1918 unterhielten hier deutsch-bulgarische Besatzer ein Gefangenendurchgangslager, in dem es Tausende Seuchen- und Hungeropfer gegeben hat. Besatzer mit gleichen Uniformfarben meuchelten dann an fast gleicher Stelle zwischen 1941 bis 1945 in einem Konzentrationslager 12 000 Serben, Juden, Roma, Kommunisten.

Von all den dem Ersten Weltkrieg gewidmeten serbischen Denkmälern dürfte eins jedoch in diesem Jahr die Gemüter am meisten bewegen. Und zwar jenes, dessen Enthüllung erst am 28. Juni auf dem Belgrader Kalemegdan geplant ist. Es soll Gavrilo Princip gewidmet werden, der genau 100 Jahre zuvor als 19-Jähriger in Sarajevo den Wiener Thronfolger und dessen Frau erschoss. Die einen sehen in Princip den Terroristen und Mörder, die anderen den Helden und Freiheitskämpfer. Höchste Verehrung fand er im Königreich Jugoslawien nach 1918 ebenso wie im Tito-Jugoslawien nach 1945. In Serbien ist das auch heute kaum anders, und in den anderen jugoslawischen Nachfolgestaaten ist zumindest die Alltagsmeinung nicht selten ähnlich.

»Die Habsburger hatten Bosnien 1908 militärisch besetzt und damit die große alte Idee einer Vereinigung aller Südslawen machtpolitisch durchkreuzt«, sagt Olivera Vukasovic, die in Sarajevo an einem Gymnasium Geschichte unterrichtet. »Wilhelm Tell hat einst, als Attentäter in einer hohlen Gasse lauernd, auch einen Habsburger Landvogt erschossen. Er gilt als Nationalheld, und Schiller setzte ihm als Tyrannenmörder ein literarisches Denkmal.«

Unweit der Schule von Frau Vukasovic soll übrigens eine Kopie des geplanten Belgrader Gavrilo-Princip-Denkmals aufgestellt werden. Sie lebt und arbeitet nämlich in Ost-Sarajevo, das zum bosnischen Teilstaat Republika Srbska gehört. Im westlichen Stadtteil, der zum bosnisch-kroatischen Teilstaat Federacija Bosne i Hercegovine gehört, will man indes dem ermordeten Thronfolger ein Denkmal setzen - und vergleicht den Attentäter regierungsoffiziell mit einem Al-Qaida-Kämpfer. So wie es der in Deutschland hoch preisgeehrte britische Historiker Christopher Clark (»Die Schlafwandler«) übrigens ebenfalls tut. Der bosnisch-serbische Regisseur Emir Kusturica (»Golden Globe«, »Goldene Palme«, »Silberner Bär«) ist gerade dabei, zu dessen Position mit einem Dokumentarfilm einen Kontrapunkt zu setzen. Auch als kritische Lese- und Sehhilfe für dieses Buch und diesen Film wäre eine Studienreise nach Serbien und Ex-Jugoslawien gerade in diesem Jahr nur zu empfehlen.

Infos

Nationale Tourismus Organisation Serbiens: www.serbien.travel

nd-Leserreisen:
Dr. Irene Kohlmetz, Frank Diekert, Tel. (030) 29 78 - 1612, -1610, E-Mail: leserreisen@nd-online.de,
Internet: www.neues-deutschland.de/leserreisen

Literatur:

  • Karl Kraus, Franz Ferdinand und die Talente, in: Grimassen, Volk und Welt, 1977,
  • Egon Erwin Kisch, Schreib das auf, Kisch - ein Kriegstagebuch, Aufbau, Berlin und Weimar, 1976,
  • Willibald Gutsche u.a., Von Sarajevo nach Versailles, Akademie-Verlag, Berlin, 1974,
  • Rudolph Stratz, Der Weltkrieg, Scherl, Berlin, 1932,
  • Knaurs Historischer Weltatlas, Droemersche Verlagsanstalt, München, 1990,
  • Brigitta G. H. Moser, Serbien, Trescher Verlag, Berlin, 2009.

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