Risse in der neoliberalen Ideologie

Lena Tietgen über den aberkannten Doktortitel von Annette Schavan und die Folgen

Dass die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, die Anfechtung der Aberkennung ihrer Promotion in erster Instanz verloren hat, deutet auf eine Absetzbewegung der Leistungsträger dieser Gesellschaft von neoliberalen Auswüchsen hin. 1980, das Jahr ihrer Promotion, war nicht nur für Annette Schavan der Anfang einer beispiellosen Karriere: Als frisch gebackene Doktorin wechselte sie von der Uni zum katholischen Cusanus-Werk und später in die Politik. Auch der Neoliberalismus in Deutschland begann in diesem Jahr seinen Siegeszug. Helmut Kohl, damals ein aufstrebender, intellektueller Modernisierer der verkrusteten CDU, stand wie kein anderer für die geistig-moralische Wende, den ideologischen Überbau des neoliberalen Zeitalters. Den 68er Ideologen sollte der Garaus gemacht werden und hinter der Mauer sollten die Kommunisten den Kalten Krieg aufgeben.

Der Wechsel von einer fürsorgenden zu einer aktivierenden Gesellschaft brauchte Akteure, die die demokratisch-liberalen Errungenschaften der BRD konservativ vereinnahmen und in den Dienst der Ökonomie stellen konnten. Das versprach die ehrgeizige, theologisch versierte Studentin Annette Schavan. Diese promovierte in den damals eher linken Erziehungswissenschaften, verband auf diese Weise Aufklärung mit bundesdeutschem Konservatismus.

Nun zeigen sich die ersten Risse in dieser Ideologie, und interessanterweise hat selbige sie verursacht. Die im Neoliberalismus entwickelten dialogisch und basisorientierten sozialen Netzwerke greifen das Klüngelhafte der flachen Hierarchien an, die das strukturelle Rückgrat des Neoliberalismus darstellen. 2013 veröffentlichte der Blog schavanplag die Plagiate in Schavans Dissertation. Und während sie als »Kaiserin ohne Kleider« bloßgestellt wurde, gingen Verbündete auf Distanz - mit Kalkül: zu schnell könnte man der nächste sein, der überführt wird.

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