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Familienbande

Heide und Christian Schwochow sind Mutter und Sohn. Derzeit läuft ihr neuer gemeinsamer Film »Westen« im Kino. Ein bisschen erzählt er auch die Geschichte der Familie Schwochow

Zu seinem 18. Geburtstag fuhr Christian Schwochow nach New York. Dort besuchte er das Museum of Modern Art. Im Museumsladen blätterte er in einem amerikanischen Fotoband und entdeckte darin ein Foto aus der Endphase der DDR: eine Aufnahme der Gethsemane-Kirche im Herbst ’89. Der Fotograf war auf eine Empore gestiegen, um den überfüllten Innenraum abzulichten, wo sich Hunderte Menschen zur Mahnwache versammelt hatten. Die Draufsicht zeigte ein Meer von Köpfen. Christian Schwochow entdeckte darin seine eigene Familie. Vater, Mutter, Kind dicht beieinander sitzend.

Die eigene Vergangenheit aus der Vogelperspektive - eine komische Art von Andenken sei das, erzählte Christian Schwochow bei einem Interview vor zwei Jahren. Das Gespräch kreiste damals um Wende-Erlebnisse und um den Zwiespalt, in dem sich seine Familie seinerzeit befand. Die Schwochows hatten einen Ausreise-Antrag gestellt, der ausgerechnet im November ’89 genehmigt wurde. Gehen oder Bleiben sei ein Dauerthema in der Familie gewesen, erzählte Heide Schwochow. Die Mutter des Regisseurs war beim Gespräch dabei. Sie hatte das Drehbuch zu seinem Film »Die Unsichtbare« geschrieben, der gerade in den Kinos lief. Die ungewöhnliche Konstellation, dass Mutter und Sohn gemeinsam arbeiten, war der Grund für ihre Anwesenheit. Meist hat der Drehbuchautor das undankbare Los, nur im Abspann aufzutauchen.

Heide Schwochow kannte das Foto. Sie erinnerte sich an Christians Gavroche-Mütze, die ein geklautes Theater-Requisit war und deshalb leicht wiederzuerkennen auf jenem Bild, das für sie ansonsten keine Ungeheuerlichkeit ausstrahlte. Für Heide Schwochow war das Foto »Erzählstoff«. Das Wort mutete angesichts der bewegenden Erinnerung zunächst technisch an. Doch bei einer Familie wie den Schwochows - der Vater Theaterwissenschaftler und Hörspieldramaturg, die Mutter Regisseurin und Autorin, der Sohn Regisseur - kreist das Leben um Erzählungen. Sie sind der Stoff, der diese Menschen umhüllt und beruflich wie privat zusammenhält. Und es ist ein Stoff, der seine Fäden auch Fremden hinüberwirft: Zwei Jahre später, dasselbe kleine Hotel in Berlin-Wilmersdorf, wieder ein Pressetermin, diesmal anlässlich von »Westen«, der dritte gemeinsame Film der Schwochows. Es fällt ungeheuer leicht, an das vergangene Gespräch anzuknüpfen.

Heide Schwochow wartet auf ihren Sohn. Christian Schwochow ist Obst holen gegangen. Für ihn wird es ein langer Interview-Tag werden. Seitdem er im vergangenen Jahr Uwe Tellkamps »Der Turm« für das Fernsehen verfilmt hat, gehört er zu den bekanntesten Regisseuren Deutschlands. Man ist neugierig, was er nun aus Julia Francks Roman »Lagerfeuer« gemacht hat. Während der Sohn eine Banane isst, erzählt Heide Schwochow, dass ihr die Drehbucharbeit diesmal episch vorgekommen sei. Mehr als drei Jahre hat sie an der Kino-Adaption geschrieben und das vielstimmige Franck-Buch in ein Solostück für die Hauptfigur Nelly Senff verwandelt. Dass trotz der Verschlankung der Roman-Kern nicht verloren ging, ist ihre große Leistung. »Die Atmosphäre ist die Wahrheit des Romans«, sagt Julia Franck über »Lagerfeuer«. Gleiches gilt für »Westen«.

Der Film erzählt die Geschichte einer promovierten Chemikerin, die 1978 mit ihrem Sohn die DDR verlässt. Auf einen kurzen Moment der Freiheit folgt die Ernüchterung im Notaufnahmelager. Mit Erschrecken muss Nelly Senff feststellen, dass sie im Westen auf jene Verhaltensweisen trifft, die sie hinter der Mauer zurücklassen wollte. Alles ist irgendwie genauso, nur anders. Sie wird von den Alliierten verhört. Man glaubt, ihr verstorbener, russischer Mann war ein Agent und sei möglicherweise noch am Leben. In der Schule wird ihr Sohn für sein Anderssein verhöhnt und verprügelt. Der einzige Freund im Lager könnte obendrein ein Stasi-Spitzel sein. Jördis Triebel spielt die Nelly mit einem wandelbaren Lächeln im Gesicht, anfangs euphorisch, dann naiv, schließlich fassungslos. Christian Schwochow kennt die Schauspielerin seit der Kindheit. Als Knirpse spielten sie zusammen Theater in einer Pantomime-Gruppe.

Der Film gibt eine Antwort darauf, was einem Menschen noch bleibt, wenn ringsum das Misstrauen regiert: nur der Mut, doch zu vertrauen. Im Roman brennt am Schluss im Lager ein Weihnachtsbaum. Im Film steht Nelly schließlich in ihrer eigenen Küche und bereitet das erste Weihnachtsessen im Westen vor. Es ist ein versöhnlicheres Ende als im Buch. Heide Schwochow erzählt, dass es ihr wichtig war, das Vertrauen siegen zu lassen. »Man kann nicht vor sich selbst flüchten«, sagt sie. Das ist ihre ganz persönliche Erfahrung aus Ausreise und Heimatverlust. Der Gedanke an Flucht hatte die Familie wie ein Leitmotiv über viele Jahre begleitet.

Heide Schwochows Ehemann versuchte bereits im Sommer 1972, über Ungarn zu fliehen. Rainer Schwochow wurde verhaftet. Als er sich mit neuen Fluchtgedanken trug, bekam er überraschend die Erlaubnis, in Leipzig Theaterwissenschaften zu studieren. Dort lernte er Heide kennen. Sie studierte Pädagogik, tat sich aber mit ihrem zweiten Fach Staatsbürgerkunde schwer und schied schließlich aus der Volksbildung aus. Sie kellnerte im Leipziger Felsenkeller und arbeitete in einer Krippe. In Berlin begann sie, Regie zu studieren, wurde aber nach vier Semestern exmatrikuliert. Wege endeten in Sackgassen. Beim Hörspiel fand das Ehepaar eine Nische. 1978 kam Christian auf die Welt. Als ihr 1988 wiederholt eine Besuchserlaubnis für den Westen verweigert wurde, schmiss sie schließlich hin. Erst Parteiaustritt, dann Ausreiseantrag. »Wir waren so dünnhäutig geworden und so verletzt«, sagt Heide Schwochow. Dann passierte, womit sie nicht gerechnet hatten: die Wende.

Für den Sohn waren die Herbstmonate prägend. Christian Schwochow sagt heute, dass ihn die Zeit im Schoße der Gethsemane-Gemeinde, die Mahnwachen und die Demonstrationen auf der Schönhauser Allee stärker beeindruckt haben als später die Maueröffnung. Elfjährig erlebte er, wie eines Abends vor der Haustür eine Demonstration gewaltsam endete. Er war allein zu Hause. Die Eltern hatten von einer Feier erzählt. Doch der Sohn wusste, dass sie wahrscheinlich ebenfalls auf der Straße waren. Er hatte Angst um sie. Schaut man sich seine Filme an, spielt die Verletzlichkeit von Familien darin eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt liegt auch in dem Foto aus der Gethsemane-Kirche eine große Verletzlichkeit.

Für die Schwochows ging das Leben nach der Wende in Hannover weiter. Ausgerechnet am 9. November erhielten sie die Ausreisegenehmigung. »Unsere Freunde sagten: Jetzt müsst ihr doch nicht mehr gehen«, erinnert sich Heide Schwochow. Innerlich waren sie vollkommen zerrissen, wollten nicht bleiben und konnten nicht gehen. »Wir sagten uns, wir ziehen einfach nur um.« Doch als sie schließlich in der Adventszeit ihren Berliner Altbau gegen eine kleine Wohnung in Hannover eintauschten, fühlte sich der Umzug trotzdem wie ein Kulturschock an.

Während die Eltern zwischen Heim- und Fernweh, zwischen alter und neuer Welt hin- und hergerissen waren, versuchte Christian Schwochow, in der Schule Fuß zu fassen. Er legte sich mit seiner Klassenlehrerin an, deren oberflächliche Sichtweise auf die DDR den Jungen dazu brachte, Dinge zu verteidigen, die er eigentlich nicht verteidigen wollte. »Du hast ja noch Dein Pioniertuch um«, sagt in »Westen« ein Erwachsener zu Nellys Sohn Alexej und deutet auf dessen rot-weißes Tuch. Christian Schwochow hat den Satz eingebaut, weil er ihn selbst zu hören bekam. Eine späte Rache ist er deshalb nicht. Christian Schwochow betont immer wieder, dass er gute Erinnerungen an seine Schule hat. Die Klassen waren klein, die Entfaltungsmöglichkeiten groß. Er machte Musik und wollte eigentlich bildendende Kunst studieren.

Kaum hatte er das Abi in der Tasche, ging er zurück nach Berlin. Er arbeitete in der Fernsehproduktion von Tita von Hardenberg und studierte anschließend Regie in Ludwigsburg. Schon sein Abschlussfilm gab jenes Thema vor, das ihn die folgenden Jahre immer wieder beschäftigen sollte: deutsch-deutsche Geschichte. »Novemberkind« war in vieler Hinsicht ein ungeheures Wagnis, das mit Erfolg belohnt wurde. Inhaltlich anspruchsvoll und mit Darstellern wie Ulrich Matthes, Anna Maria Mühe, Christine Schorn oder Thorsten Merten hochkarätig besetzt, schürte das Debüt große Erwartungen an den jungen Regisseur. Zugleich bestärkte es Schwochow in einem wichtigen Punkt. Er hatte das Drehbuch gemeinsam mit seiner Mutter geschrieben. Die Zusammenarbeit funktionierte, weil sie einander und der Welt etwas zu erzählen hatten. Wen diese Nähe wundert, weiß nicht, wie viel innere Unabhängigkeit es dafür braucht.

Bis jetzt ist ihnen der Erzählstoff nicht ausgegangen. Im Gegenteil. Das Gewebe ist belastbar. Im vergangenen Jahr haben sie ihr Duo zum Trio erweitert. Für die Fernsehproduktion »Bornholmer Straße« schrieben Heide und Rainer Schwochow das Drehbuch, Regie führt der Sohn. Der Film handelt von der Maueröffnung am Grenzübergang Bornholmer Straße. Unweit der Bösebrücke leben die Eltern heute. Heide und Rainer Schwochow sind in den Prenzlauer Berg zurückgekehrt. Bedauern sie, ihn einst verlassen zu haben? Heide Schwochow verneint. »Es war ein guter, richtiger Schritt«, sagt sie. Der Kreis hat sich geschlossen.

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