Des Fürsten Turm muss in die Grube

Archäologen entdeckten Reste eines Bauwerks von Pückler - die umgehend dem Kohlebergbau zum Opfer fallen

  • Von Hendrik Lasch, Weißwasser
  • Lesedauer: 4 Min.
Fürst Pückler prägte Landschaften in Ostsachsen. Archäologen haben jetzt Überreste eines von ihm geplanten Bauwerks entdeckt - kurz bevor die Kohlebagger kommen.

Fürst Hermann von Pückler-Muskau war ein großer Landschaftsgestalter. Der »grüne Fürst«, wie ihn sein Biograf Heinz Ohff nannte, verwandelte unscheinbare ostsächsische Auen und Heidelandschaften in anmutige Parks, deren Besucher inmitten von Baumgruppen und an Wasserläufen wandelten, romantische, aber künstliche Grotten und Ruinen entdeckten oder, wie am Jagdschloss Weißwasser, einen Turm im chinesischen Stil bestiegen. Von dem 1843 errichteten Holzturm bot sich ihnen die »Aussicht über ein Waldmeer«, wie ein Zeitgenosse in einem Artikel schrieb.

Auf sehr andere Weise ist auch Vattenfall, der Energiekonzern, der in der Lausitz Braunkohle fördert, ein Landschaftsgestalter. Das wird an der Stelle, an der Pückler den Turm bauen ließ, schnell klar. Von der Kuppe geht der Blick über eine Mondlandschaft. Vom Waldmeer blieben eine Platane und ein paar Kiefern. Immerhin gibt es noch Heidekraut. Ein Stück weiter, jenseits der Bagger und der Abraumbrücke, die sich auf wenige hundert Meter genähert haben, wächst nichts mehr: monoton und kilometerweit nur grauer Dreck.

Es mutet wie bittere Ironie an, dass ausgerechnet die alles verwüstende Kohleförderung eine letzte, kurze Reminiszenz an die Landschaftsträume des grünen Fürsten erlaubt. Denn bevor die Bagger kommen, dürfen Archäologen die Flächen noch einmal erkunden. Am Rand des Tagebaus Nochten fanden sie Relikte aus der Steinzeit - und entdeckten im Januar auch die Fundamente des chinesischen Turms. Sie werden dokumentiert und präsentiert; ein paar Steine wandern ins Archiv. Im Sommer verschwindet der Rest im Tagebau.

Der Laie braucht angesichts der Relikte, die Peter Schöneburg stolz präsentiert, ein gutes Vorstellungsvermögen. Der Grabungsleiter des Landesamtes für Archäologie in Sachsen zeigt auf etliche Haufen Steine, die in Gräben zum Vorschein gekommen sind. Es handle sich um »solide Punktfundamente, die aus Granitblöcken und Feldsteinen gemauert wurden«, sagt er. Sie waren in einem Karree von zehnmal zehn Metern angeordnet und trugen die Holzkonstruktion. Deren Höhe schätzt man auf 30 Meter - und zwar aufgrund einer Lithographie von 1850, die den Turm zeigt und direkt davor Besucher. Bei der Bestimmung der genauen Lage half zudem eine Flurkarte von 1862. Die Wurzel einer auf 1872 datierten Kiefer mitten im Fundament zeigt, dass der Turm nicht einmal drei Jahrzehnte stand.

Ansonsten gibt es nur wenig Zeugnisse. Pückler entwarf eine Skizze bereits 15 Jahre vor dem Bau. Sie findet sich in einem Brief von 1828 an seine Frau Lucie. Ihr schwärmte er von einem Aussichtspunkt vor, auf dem es sich »allerliebst sitzen und die Gegend besehen lassen« muss. Als der Turm stand, saß Lucie indes im Schloss Muskau, wo Pückler ab 1815 einen 830 Hektar großen Park hatte anlegen lassen. Der Fürst war derweil oft auch in Weißwasser. In einem »Cottage« neben dem Schloss verfasste er die »Andeutungen über Landschaftsgärtnerei«. Auch seine aus Ägypten mitgebrachte Geliebte Machbuba soll dort gelebt haben. Die Fundamente des Cottage hoffen die Archäologen ebenfalls aufzuspüren, bevor sie der Tagebau spätestens 2015 frisst.

Während Pückler und die anderen Gartenkünstler des 19. Jahrhunderts versuchten, Landschaft und Industrie in Einklang zu bringen, scheint es heute nur ein Entweder-oder zu geben. Der Muskauer Park gehört seit 2004 zum Welterbe der UNESCO, am Freitag öffnete das restaurierte Schloss dort wieder für Besucher. Der Park in Weißwasser indes fällt dem Hunger nach Kohle zum Opfer - obwohl es inzwischen genug alternative Energiequellen gibt, wie Umweltschützer anmerken. Das Schloss Weißwasser wurde schon 1973 abgerissen. Der benachbarte »Märchensee« und der verzauberte »Urwald von Weißwasser« mit der legendären, 150 Jahre alten Blutbuche verschwinden gerade.

Immerhin: Wenn die Kohle gefördert ist und die Flächen renaturiert werden, sollen auch ein See und eine neue »Jagdschlosswiese« entstehen, sagt Thomas Penk, der bei Vattenfall für Rekultivierung zuständig ist. Das aber wird dauern: Mitte der 2020er Jahre geht es los. Und danach braucht der neue Park noch Jahrzehnte.

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