Feiern wie zum Thronjubiläum

Zum Weltkriegsgedenken in Großbritannien

Der Torbogen wirkt monumental. Wer nach Ypern möchte, muss durch dieses marmorne Portal hindurch. Doch das Menenpoort, das Gedenktor, ist kein Triumphbogen. Es überspannt den Ausgang der flandrischen Stadt in Richtung Westfront, den Abertausende Soldaten der Westalliierten im Ersten Weltkrieg durch Ypern nahmen. Im Inneren des Tores sind die Namen von 54 896 toten Soldaten aus dem Commonwealth gemeißelt, die kein Grab auf einem der zahllosen Soldatenfriedhöfe fanden.

Auf der Rückseite des Torbogens, hin zur heute wiederaufgebauten Stadt steht ein riesiger marmorner Sarkophag. Denn dieses Tor sei, schrieb Stefan Zweig 1928 für das Berliner Tageblatt, ein riesiger Grabstein für jene, »die irgendwo liegen, zusammen in ein Massengrab geworfen, bis zur Unkenntlichkeit entstellt durch Granaten oder halb verwest im Wasser, für all diejenigen, die - im Gegensatz zu den anderen - keinen glänzend weiß polierten Stein auf einer der Begräbnisstätten rund um die Stadt haben, als individuelles Kennzeichen ihrer letzten Ruhestätte.« Die Namen der Soldaten, egal welcher Herkunft, welcher Religion oder welchen Dienstgrades, sind in gleicher Größe golden eingraviert.

Besucher aus den ehemaligen Commonwealth-Staaten machen auch heute neben Belgiern und Franzosen den Großteil der Besucher Yperns und Flanderns aus. Der Erste Weltkrieg, »the great war« oder »la grande guerre« wird in diesen Staaten als historisch viel bedeutsamer betrachtet als in Deutschland, wo der Zweite Weltkrieg der geschichtliche Fixpunkt ist. 2014 ist in Großbritannien beispielsweise ein wahrer Gedenkmarathon zu erwarten.

An der Frage, wie dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu gedenken sei, haben sich dort bereits heftige Debatten entzündet. Der konservative Premierminister David Cameron kündigte er im vergangenen Oktober an, mehr als 50 Millionen Pfund für das Erinnerungsjahr bereitzustellen. Dabei äußerte Cameron, er wolle »Gedenkfeiern sehen, die wie jene zum diamantenen Thronjubiläum Elisabeths II. zeigen, wer wir als Volk sind.« In einem offenen Brief der »no glory in war«-Kampagne, den Regisseur Ken Loach, Musiker Brian Eno, der Schauspieler Jude Law unterzeichneten, zeigten sich die Verfasser verstört über diese Art des Gedenkens: Der Vergleich zum Thronjubiläum sei höchst unangemessen, gleichzeitig hätte Cameron geäußert, dass das Ziel des Gedenkens sei, »unseren nationalen Geist« zu stärken. »Wir glauben stattdessen, dass es wichtig ist, daran zu erinnern, dass dieser Krieg um weltweiten Einfluss der Großmächte rund um den Globus geführt wurde und zu 16 Millionen Toten und 20 Millionen Verwundeten geführt hat. In Zeiten internationaler Spannungen rufen wir dazu auf, sich mit uns zusammen dafür einzusetzen, dass dieses Gedenken den Frieden und internationale Kooperationen fördert.« stf

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