Ra-ma-da-kah-ra-man-ma-ras

Ulrike Winkelmann über Journalistenreisen zur Ministerbeobachtung, die Schwierigkeit, ein lockeres Gespräch mit einfachen Soldaten zu beginnen und deutsche Patriot-Raketen

  • Von Ulrike Winkelmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Ramada-Hotel im südanatolischen Kahramanmaras hat die wunderbare Netzadresse www.ramadakahramanmaras.com. Es gibt Journalisten, die sich den langen Weg vom NATO-Flughafen Incirlik bis nach Kahramanmaras damit versüßen, dass sie immer weiter ra-ma-da-kah-ra-man-ma-ras vor sich hin sprechen und sich vorstellen, sie seien Rezeptionskraft am Telefon des besagten Hotels. Früher hieß die Stadt übrigens nur Maras (unter das s gehört ein Haken, es spricht sich dann Marasch), aber dann schaffte es die Stadt selbst, sich 1920 von den Franzosen zu befreien, noch bevor die türkischen Regierungstruppen kamen, und seither heißt sie eben Kahramanmaras, »siegreiches Maras«.

Dass eine wachsende Zahl von Bundesbürgern sich in diesen Fragen auskennt, rührt daher, dass die Bundeswehr 300 Soldaten und zwei Patriot-Raketenabwehrstaffeln dort hingebracht und aufgebaut hat. Es ist das deutsche Kontingent der Nato-Operation »Active Fence« Turkey, welches die Großstadt Kahramanmaras, 100 Kilometer von der syrischen Grenze, vor Raketenbeschuss aus Syrien schützen soll. Die Raketenwerfer sind auf Schwerlastfahrzeuge montiert, fünf davon sind lose über einen Hang bei Kahramanmaras verteilt. Direkt nebenan ist ein Vergnügungspark. Bunte Plastikdächer einer großen Kinderkletterburg grüßen herüber zu den gen Süden ausgerichteten Raketenpaketen.

Die Bundeswehr ist zu Gast in einer türkischen Kaserne, und wie schwierig sich das Gastverhältnis zunächst - ab Anfang 2013 - gestaltete, ist deutlich aus dem »Lagevortrag« des stellvertretenden Kommandeurs herauszuhören. Es sei ja auch »ein deutscher Sanitärcontainer eingeflogen worden, um die Sanitärsituation ein wenig zu entlasten«, man habe nunmehr »modernste Anlagen«, sagt er und zeigt dazu Fotos von tadellosen Waschbecken. Es sei in der Türkei im übrigen »die Beziehungsebene ganz wichtig«. Um diese herzustellen, habe man »an einem Sonntag auch eine gemeinsame Bergwanderung durchgeführt«. Am Freitagsgebet in der Moschee von Kahramanmaras nähmen regelmäßig zehn bis 15 Bundeswehrsoldaten teil.

Über Sinn und Zweck von Journalistenreisen zum Zweck der Minister- oder Ministerinnenbeobachtung im Ausland wurde an dieser Stelle schon vor zwei Wochen nachgedacht. Zweifellos ist mehr menschlicher Kontakt zwischen Soldaten und Politikern und Journalisten immer besser als weniger. Es fällt zwar ein wenig schwer, der Aufforderung des Presseoffiziers Folge zu leisten, sich nun »in ein lockeres Gespräch mit den einfachen Soldaten, die dort drüben auf Sie warten«, zu begeben, jedenfalls was die Lockerheit angeht.

Doch andererseits ist es immer wieder verblüffend zu erleben, mit welcher professionellen Unverbindlichkeit schon sehr junge Personen ohne entsprechende Ausbildung sich Journalistenfragen vom Halse zu halten vermögen. Um mehr zu erfahren, müsste man abends die beiden »Efes«-Biere nicht in der Ramadakahramanmaras-Bar trinken, sondern im selbst gezimmerten Soldatenclub im Dröhnen der Patriot-Stromgeneratoren. Aber das ist nicht Teil des Reiseplans, den das Verteidigungsministerium so liebevoll penibel zusammengestellt hat. Am Morgen des Abflugs gab es sogar noch eine SMS, wonach eine 30-prozentige Regenwahrscheinlichkeit bitte zu berücksichtigen sei.

Es bleibt sonnig. Kein Mensch scheint in Kahramanmaras ernsthaft damit zu rechnen, dass die Raketenwerfer auch nur ein einziges Mal eingesetzt werden müssen. Was es an Vorfällen an der türkisch-syrischen Grenze gibt, erledigen die Türken schon selber. Gefechte an Grenzstationen, abgeschossene Flugzeuge in der Grenzregion, Nutzung türkischer Grenzflughäfen durch islamistische Mörderbanden, wachsende Flüchtlingszahlen in der Türkei - mit nichts dergleichen ist der solidarische NATO-Partner am Hang über Kahramanmaras befasst, und er kommentiert es auch nicht. Mehrere hundert Meter hoch liegt die Raketenstellung, doch die Sicht nach Süden ist durch eine kleine Bergkette versperrt. Der Krieg ist dahinter. Aber die Ministerin, die Bundeswehr und die Journalisten, sie sind solidarisch, und sie sind bloß zu Gast, sie erlauben sich hier kein Urteil. Sie sind dankbar für diese Bergkette. Sie könnte ruhig noch höher und breiter sein.

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