Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Rotierende Schieflage

Die Semperoper hat zwar keinen Intendanten, aber eine neue »Così fan tutte«

Diese neue »Così« steht natürlich für sich selbst. Mozarts und DaPontes Laborexperiment der Gefühle aus dem Jahre 1790 ist ein für die Zukunft gemachtes Stück. Eine Komödie mit Hintersinn. Eine Steilvorlage für flotte Orchester-Raffinesse, Solisten-Virtuosität und fürs Ensemblespiel. Aber auch eine Herausforderung für die Regie. Bei der man sich, wie an der Komischen Oper Berlin selbst ein Peter Konwitschny, ziemlich albern vergaloppieren oder, wie am gleichen Haus Alvis Hermanis, im Nacherzählungstableau langweilen kann.

So wie Andreas Kriegenburgs Bühnenbildner Harald Thor sie an der Semperoper in einem sterilen Bühnenrund auf eine dauerrotierende Drehscheibe gesetzt und erst mit Gardinen umweht und dann mit Gartenbänken umstellt hat, entfaltet die Dresdner Neuproduktion darüber hinaus einen gewissen metaphorischen Witz, wenn man sich die Schieflage des Hauses vergegenwärtigt.

Das fängt damit an, dass Christian Thielemann, der Chef der Sächsischen Staatskapelle, beim Auftakt dieses DaPonte-Zyklus nicht im Graben steht. Was nicht sonderlich bemerkenswert wäre, wenn er seinen Dienst an, respektive in der Oper nicht prinzipiell nach dem Rosinenprinzip gestalten würde. Und sich auch im nächsten Jahr (von der »Arabella«, die er schon bei den Salzburger Osterfestspielen dirigieren wird, und den ersten Vorstellungen des neuen »Freischütz« abgesehen) bei den Neuproduktionen vornehm zurückhalten und ansonsten seiner Strauss-Obsession folgen würde. Was für die Richard-Strauss-Gemeinde ein Fest sein dürfte, ist für das Haus eher ein Problem.

Das ist wohl einer der Hauptgründe dafür, dass es mit dem vorgesehenen, im letzten Jahrzehnt in Lyon ziemlich erfolgreichen Intendanten Serge Dorny nichts wurde. Der designierte Nachfolger der verstorbenen Ulrike Hessler wurde ziemlich unsanft wieder gefeuert, noch bevor er richtig loslegen konnte. Die faktische Übermacht der Staatskapelle und das Selbstbewusstsein ihres Chef-Dirigenten sind leicht als die eigentliche Ursache für diesen missglückten Intendanten-Neustart auszumachen. Damit es kein Missverständnis gibt: Dieses Orchester ist ein Welt-Spitzenensemble, sein Chef ein begnadeter Strauss- und Wagner-Interpret, der Klangkörper die Basis für den möglichen Wiederaufstieg des Hauses an die nationale und internationale Spitze. Aber es gibt nicht nur die lichten stargespickten Höhen, sondern auch die Mühen der Täler, das Repertoire, die Verantwortung fürs Ganze. Nach dem Desaster ist es zwar fast unmöglich: Aber beim zweiten Anlauf der Intendantensuche muss eine Quadratur des Kreises gelingen. Es muss sowohl ein ambitionierter Kandidat (oder eine Kandidatin) aus der ersten Reihe sein, der oder die mit Thielemann auskommt. Und der müsste verinnerlichen, dass die Semperoper der Staatskapelle genauso wenig gehört wie der Brauerei, die mit ihr wirbt.

Beim neuen Mozart nun lässt sich der junge israelische Dirigent Omer Meir Wellber, der vom Hammerklavier aus die Rezitative begleitet, vor allem auf das Tempo ein, das die Regie dem Bühnenpersonal verordnet hat. Rachel Willis-Sørensen steckt in puppig geschnürtem Rosa und ist eine Fiordiligi, die öfter mal ins Wagner-Format ausbricht, Rachel Frenkel in einem quietschgelbem, tropfenförmigen Wabenkleid die wackere Dorabella an ihrer Seite. Bei Christoph Pohl (als sicher markanter Guglielmo) und Christopher Tiesi (als noch etwas überforderter Nachwuchs Ferrando) erinnern die lächerlich übergroßen Hosen an einschlägige Filmgrößen aus der albernen Ecke. Der souveräne Georg Zeppenfeld als Spielmacher Don Alfonso und Ulte Selbig als Despina kommen da in Anzug und Kostümgrau noch am glimpflichsten davon.

Den Chor hingegen trifft der Kostümblödsinn von Andrea Schraad bei seinen kurzen Aufmärschen mit voller Wucht. Es sieht aus wie eine halbe Herbert-Fritsch-Inszenierung. Das ist vor allem anstrengend. Und reduziert diese wunderbar heutige Operation am offenen Herzen auf einen Kalauer über die Weiber, die eben alle so sind. Die Rezeptionsgeschichte ist da längst weiter. Und Kriegenburg war es auch schon mal.

Nächste Vorstellungen: 3., 5., 6., 8. April

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln