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Antworten naiver Kunst auf einen surrealen Film

»Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie« erfüllt die Galerie ART CRU

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Anfang stand ein Film aus dem goldenen Fonds der Zelluloid-Historie. Dabei hat Luis Buñuels Oscar-prämierter Streifen »Der diskrete Charme der Bourgeoisie« von 1972 gar keine Handlung im engeren Sinn. Vielmehr entlarvt der spanische Starregisseur in einer Folge zusammenhangsloser Szenen das nichtige Tun des viel geschmähten Bürgertums. Zwei Ehepaare, eine junge Frau und der Botschafter des Fantasielandes Miranda planen ein gemeinsames Essen, das jedoch nie zustande kommt. Stattdessen treten in den vielen Nebensträngen Geistliche, Gefängniswärter und Gangster auf.

Die Akteure vom Theater Thikwa hat dieses Sujet derart inspiriert, dass sie daraus Anfang 2014 ein Stück entwickelten und es, den Filmtitel mehrdeutig umspielend, als »Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie« benannten. Ob hier der Schwarm aus dem Tierreich gemeint ist oder Schwarm als Objekt der Verehrung, bleibt offen. In Vorbereitung auf das Theaterstück und auch während der Vorstellung bastelten die Schauspieler Requisiten respektive verfertigten Zeichnungen, die als Gesamtinstallation nun in der Galerie ART CRU zu sehen sind. Elf Künstler mit und ohne Behinderung, unter ihnen die namhafte Aktrice Anne Tismer, sind mit 26 extrem unterschiedlichen Arbeiten vertreten, die ein beeindruckendes Spektrum in der Auseinandersetzung mit dem Thema auffächern und gleichsam ganz verschiedene Handschriften offerieren.

Rund drei Monate dauerte die Vorbereitungsphase auf das Stück. Den Thikwa-Spielern, die zugleich der »thikwa | werkstatt für theater und kunst« angehören, bot das Gelegenheit zu intensiver Beschäftigung mit der Bildsprache des Films. Ihre Erinnerungen setzten sie in zwei- oder dreidimensionale Exponate um. Zentrum wurde für zwei der Künstler ein - nach dem englischen Wort für Form oder Gestalt - als »Bulk« bezeichnetes Gebilde. Mehrfach zeichnet es Cornelia Glowniewski in Wachskreide: als eine Art vervielfachtes »Kugellager« aus bunten Kullern, wie aufs Papier gerollt, dort dicht und in eher zufälliger Anordnung liegen geblieben. Als räumliche Variante, entstanden gemeinsam mit Tismer, hängt es an anderer Stelle fragil und transparent von der Decke.

Kugeln aus Maschendraht, denen wollene »Mützchen« aufsitzen und Schläuche aus gewundenem Schaumstoff zusätzlich Struktur geben, bilden ein leichthin schwingendes Mobile. Der gestrickte oder gehäkelte Umgang mit Wolle hat es Anne Tismer offenbar angetan. Sie formt daraus Objekte des Films nach, den Servierwagen voller Flaschen, Schalen und Becher als »Hausbar«, eine ganze »Tafel«, vom Teller bis zum Huhn und afrikanischem Gemüse.

Wolfgang Weichert konzentriert sich auf buntgemalte Kakerlaken, die sich als Armee spannungsvoll frontal in Stellung bringen; Martina Nitz modelliert sie aus Stoff und Leder und lässt sie an rosa Garnfäden die Wand erklimmen. Als Kollektivarbeiten entstanden 13 Hampel-Figuren, die für Abhängigkeit des Menschen von äußeren Umständen stehen mögen. Seine »Limousine« fertigte Torsten Holzapfel raumgreifend aus Pappmaché und Maschendraht und mit Strickinventar; dieselben Materialen verwendete Fabian Bischoff für ein »Fluchtauto«. Auf seinen »Landkarten« verortet Holzapfel den Staat Miranda, und Glowniewski entwarf dafür in Wachskreide, Bleistift, Stoff die zugehörige Währung. Wie diese Requisiten in Probe und Aufführung jeweils eingesetzt werden, dokumentieren die 16 gleichformatigen Farbfotos von Jo Goetz. Und Tismer hält das im Video »Schwarmcafé« fest.

Zu den berührendsten Exponaten zählt Holzapfels »Stéphane« als aus Karton geschnittene, inkarnat eingefärbte Hampel-Figur mit olivfarbenem Torsoschurz und schwarzem Langhaar. Mit Auge, Totenschädel und abstrakten Formen imitiert Sammy Serag mit Bunt- und Filzstift die Graffitis auf einem kartonierten kleinen »Waggon« hoch an der Wand; sein »Turnschuh« erreicht hochkünstlerisches Format, wie er schräg auf ebenfalls schräg angeordneten Dosen ein behaartes Männerbein beherbergt und Pop-Art assoziiert.

Alle Arbeiten zusammen, auch Tismers militant baumelnde Gewehre aus dem sanften Material Wolle, spannen ein skurriles, bisweilen schrilles, stets fantasiereiches Universum auf: als beredte Antwort im besten Wortsinn naiver Kunst auf Buñuels surreale Vorgabe.

Bis 5.4., Di-Sa 12-18 Uhr, Galerie ART CRU, Oranienburger Str. 27, Mitte, Tel.: (030) 24 35 73 14, www.art-cru.de

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