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Aufrecht durch schwierige Zeiten

Elmar Faber wird achtzig und schenkt uns ein großartiges Buch: seine Autobiografie

Lange, seit August 1945, war das Haus eine berühmte Adresse. Leute aus aller Welt verkehrten hier, namhafte Verleger und die Creme deutscher Autoren. Später, als nach dem Mauerfall ringsum alles ins Wanken geriet, die DDR zum Ausverkauf stand und scharenweise Glücksritter durchs Land zogen, um sich die Beute zu sichern, erschien einer, der war weder bedeutend noch respektabel. Er kam, um sich den Aufbau-Verlag zu sichern. Ausgerechnet Aufbau, das Prunkstück der östlichen Buchproduktion. Er hielt sich wohl für besonders gewitzt, geeignet sowieso, denn er hatte früher Geschäfte mit dem Verlag gemacht und Lizenzen bezogen. Bezahlt freilich hatte er nichts. Jetzt war der Gauner da, stand vor Elmar Faber, vor dem er schon mal wegen der offenen Rechnungen geflohen war, und erklärte, dass er diesmal keine Titel, sondern den ganzen Verlag haben will. Es war Goldgräberzeit. Doch der Coup misslang. Der Mann, etliche Nummern zu klein für dieses Haus, musste wieder abziehen. Aber da war längst abzusehen, dass nichts so bleiben würde, wie es war.

Elmar Faber erzählt seine Geschichte. Erzählt, wie er Verleger wurde und sich durch schwierige Zeiten kämpfte, beharrlich und selbstbewusst, wie er 1983 Aufbau-Chef wurde und wie es war, als das Werk, an dem er zuletzt mitgebaut hatte, in der Marktwirtschaft landete und allmählich sein Gesicht verlor. Manches hat er in den letzten Jahren schon in seinen Betrachtungen und Essays berührt, gesammelt in den Bänden »Die Allmacht des Geldes und die Zukunft der Phantasie« sowie »Die Mysterien der Vergeßlichkeit«, nun aber erzählt er alles von vorn, die ganze Geschichte, das ganze Leben mit seinen Höhen, den Idealen und Zumutungen, der Lust und dem Frust.

Er kommt aus einem Gebirgsdorf im Thüringischen. Da lebte man still und bescheiden, die Großmutter versorgte die Kinder mit Märchen und Geschichten und dem Wissen über alles, was da kreucht und fleucht, der Vater, ein Hallodri, zog erst in den Krieg und später in den Westen. Der Junge musste, weil das Geld vorn und hinten nicht reichte, als Lehrling zur Post, trug Briefe aus, schleppte Säcke, saß am Telefon, nahm Telegramme auf, lernte alles, was man dort lernen kann, lernte es schneller als andere und wurde, Facharbeiter schon nach anderthalb Jahren, zur Arbeiter- und Bauernfakultät in Jena geschickt, dieser »meisterhaften Erfindung der Umbruchszeit«. Von dort ging’s zur Universität nach Leipzig, wo Hans Mayer, der enzyklopädische Geist und Feind aller Sprücheklopfer, im legendären Hörsaal 40 durch die Epochen der Literatur führte, wo der Sprachwissenschaftler Theodor Frings lehrte, der Romanist Werner Krauss und der Philosoph Ernst Bloch. Da konnte sich einer wie er, von der Leidenschaft fürs Buch, für die Literatur schon lange gepackt, alles holen, was er später brauchen würde: Wissen, Maßstäbe und den Horizont, den einer braucht, wenn er nicht bloß mittrotten will.

Elmar Faber ist, nachdem er eine Zeitlang die »Wissenschaftliche Zeitschrift« der Leipziger Uni redigiert und danach im Bibliographischen Institut gearbeitet hat, Verleger geworden, erst im feinen Exportverlag Edition Leipzig, schließlich bei Aufbau. »Aufbau«, sagt er, »war kein Königreich. Es war eine Weltrepublik.« Und die Erfüllung eines Traums. Der Verlag war ja, als er das Chefzimmer bezog, noch keine vierzig Jahre alt, aber er hatte sich eine Reputation erworben, die ihn von allen anderen Editionshäusern in Deutschland unterschied. Vieles, was Faber als ganz junger Mann gelesen hatte, Heinrich und Thomas Mann, die Seghers, Brecht, Feuchtwanger und Leonhard Frank, war aus diesem Haus gekommen, und nun stand er in der Reihe derer, die diesen Verlag geformt hatten, von Erich Wendt, Walter Janka und Klaus Gysi bis zu Fritz-Georg Voigt.

Weite Teile dieser Erinnerungen, die das private Umfeld dezent nur hier und da in den Blick nehmen, handeln von der Verlagsarbeit, von Autoren, Büchern, Kollegen, den Erlebnissen im Westen (in einem Züricher Hotel musste er einst Leipzig buchstabieren, und in London sollte er seine Rubel, die heimatliche Währung, vorzeigen), von den Reibereien und Konflikten mit der Politbürokratie und der stillen, zähen Behauptung gegenüber bornierten Ideologiewächtern. Faber schreibt über die Provinzialität der DDR und den zunehmenden Sittenverfall, über Zivilcourage und verlegerische Leistungen (dreihundertfünfzig Bücher im Jahr bei Aufbau) und wie man im privaten Kreis eine eigene Republik erdachte, »nicht die ostdeutsche, nicht die westdeutsche, nur von beiden das Beste«.

Es kam anders, und plötzlich hatte alles, was man gedruckt hatte, ob Klassisches oder Zeitgenössisches, einen Makel: Es kam aus der DDR. Was nun folgte, beschreiben die bittersten Seiten des Buches. Faber erzählt, wie die Produkte der Westverlage tonnenweise in die östlichen Buchhandlungen geschwemmt wurden, wie diese Büchermassen alles aus den Regalen drängten, was vorher dort stand und jetzt auf der Müllkippe landete; wie zweit- und drittklassiges Westpersonal maßgebliche Posten besetzte; wie gleichzeitig das neue Geschichtsbild, ein Bild krasser Gegensätze, kreiert wurde: hier weiß, dort schwarz, auf der einen Seite Demokratie, auf der anderen das geballte Unrecht, die Verleger nichts weiter als Vollstrecker politischer Vorgaben, ihr tägliches Geschäft eine unablässige Kette von Zensurmaßnahmen.

Natürlich gab es in der DDR drastische Eingriffe, Verbote, rigide Feldzüge gegen missliebige Werke und Autoren, auch fortgesetzte Drangsalierung wie im Fall Peter Huchel. Keiner weiß das besser als Elmar Faber, der als Verlagschef ein gebranntes Kind gewesen ist, aber wer, wenn nicht er, könnte als Kronzeuge für das Geschick und die List von Männern wie Hans Marquardt (Reclam), Jürgen Gruner (Verlag Volk und Welt) oder Konrad Reich (Hinstorff) fungieren, die sich der politischen Einmischung, den Zumutungen der Hardliner immer wieder entzogen, Freiräume eroberten, auf Qualität drangen, auf Weltläufigkeit.

Er habe sich immer, schreibt Faber, »als souveräner Verleger gefühlt«. Er kann das so berechtigt wie gelassen sagen. Er stand mit den wichtigen Kollegen im Westen, mit Siegfried Unseld oder dem dtv-Gründer Heinz Friedrich, auch dessen Nachfolger Wolfram Göbel nicht nur auf gutem Fuß, er stand auf gleicher Höhe. Man wusste, was für ein Mann ihnen gegenüber saß: kein Befehlsempfänger, kein Apparatschik, kein orthodoxer Funktionär, vielmehr ein großer, findiger Verleger mit Köpfchen, Charakter, Geschmack und beachtlicher Standfestigkeit, ein Buchliebhaber, gebildet, kunstsinnig, anspruchsvoll, ablesbar am fantastischen Programm, das unter seiner Leitung realisiert wurde. Später, als Bernd F. Lunkewitz, der millionenschwere Immobilienmakler aus Frankfurt am Main, die Geschicke des Hauses bestimmte (und den Einflüsterungen seiner jungen Frau erlag), blieb von alledem nicht mehr viel übrig. Er, Faber, wollte den Suhrkamp-Verlag des Ostens, Lunkewitz, sagt er, wollte eine »literarische Parfümfabrik«. Da zog er sich wieder nach Leipzig zurück, um im eigenen Verlag Faber und Faber, gegründet mit seinem Sohn Michael, Bücher zu produzieren, die seinem Verständnis entsprachen, lohnende, anspruchsvolle, bestens ausgestattete Bücher, bibliophile Kostbarkeiten, keine in Windeseile produzierte Dutzendware, die das schnelle Geld bringt.

Jetzt ist er achtzig, was man kaum glauben mag, und schenkt uns seinen Lebensbericht. Das Buch, zugleich eine bravouröse Kulturgeschichte der DDR, bringt in Erinnerung, was in den stereotypen Debatten über die DDR seit langem ausgeblendet wird und in Stasi-Akten nicht vorkommt. Es gab Unrecht und Willkür und bornierte, verbohrte, geistferne Machthaber, alles wahr, aber es gab auch den unvergleichlichen Aufbruch nach 1945 und diesen Verlag, der nicht zufällig Aufbau hieß, es gab die folgenreiche Berufung auf die Literatur der Nazigegner und Exilanten, eine fantastische, angesehene Buchproduktion und, bitteschön, so leidenschaftliche, durchsetzungsstarke Leute wie Elmar Faber.

Elmar Faber: Verloren im Paradies. Ein Verlegerleben, Aufbau Verlag, 398 Seiten, geb., 22,99 €. Buchpremiere am 3. April um 19 Uhr im Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. Moderation: Friedrich Schorlemmer.

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