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Mord für »Entwicklung«

In Chiapas wird ein indigener Aktivist und Widerstandskämpfer gegen Großprojekte von »Unbekannten« aus dem Weg geräumt

In Chiapas wurde der Aktivist Juan Carlos Gómez Silvano erschossen. Der Pro-Zapatist war eine Schlüsselfigur im Widerstand gegen infrastrukturelle Großprojekte. Die Landkonflikte gehen weiter.

Die Repression gegen linke Aktivisten im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas, die sich für eine selbstbestimmte Nutzung ihrer Ländereien einsetzen, hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Am 21. März wurde Juan Carlos Gómez Silvano im Landkreis Chilón von Unbekannten mit über 20 Schüssen ermordet.

Der 22-jährige Tzeltal-Indigene unterstützte seit Jahren den Kampf seiner Gemeinde San Sebastián Bachajón gegen infrastrukturelle Großprojekte, die in der Region von Regierung und Wirtschaft vorangetrieben werden. Zum einen soll eine Autobahn zwischen den touristischen Hochburgen San Cristóbal de las Casas und Palenque entstehen, für die eine Enteignung der Ländereien von dutzenden Gemeinden durchgesetzt werden müsste. Zweitens soll der Ausflugsort Agua Azul, der wegen seiner imposanten türkisfarbenen Wasserfälle berühmt ist, erheblich erweitert werden, doch in der Umgebung leben Zapatistas und andere Oppositionelle, die seit Jahrzehnten Widerstand gegen neoliberale Entwicklungsprojekte leisten.

Ein großer Teil der über 5000 Bewohner von Bachajón unterstützt die »Sechste Deklaration aus dem Lakandonischen Regenwald«. Hier handelt es sich um eine langfristige pazifistische Mobilisierung, zu der die Zapatistische Befreiungsarmee EZLN 2005 die mexikanische Bevölkerung aufgerufen hatte, um eine antikapitalistische und basisdemokratische Gesellschaft aufzubauen.

Ricardo Lagunes, Anwalt der Anhänger der »Sechsten Deklaration« aus Bachajón, schildert gegenüber »nd« den klaren Konflikt zwischen dem Aktivismus von Gómez Silvano und den Regierungsinteressen: »Erst vor zwei Monaten wurde Juan Carlos von seiner Organisation zum regionalen Koordinator ernannt, als Anerkennung für sein Engagement bei der Verteidigung des Territoriums von Bachajón. Er lebte in dem Dorf Virgen de Dolores, das 2010 im Rahmen einer Landbesetzung gegründet worden war. Die Menschen fingen an, das Land zu bearbeiten. Es wurde dadurch immer fruchtbarer und erlaubt ihnen nun, sich selbst zu versorgen und Überschüsse zu verkaufen. Daher sind sie nicht gezwungen, die Hilfsprogramme der Regierung anzunehmen. Die Compañeros sehen die brutale Ermordung von Juan Carlos als eine Aggression gegen ihre Organisation mit dem Ziel, ihre Bewegung zu zerschlagen.«

Auch unter dem neuen Gouverneur Manuel Velasco von der Grünen Partei PVEM, die eng mit der autoritären Institutionellen Revolutionären Partei PRI verwoben ist, hat sich der Charakter der Entwicklungsprojekte nicht verändert. Die Regierung setzt weiter auf eine markt- und technologiefixierte Modernisierung von oben. Mit sogenannten Hilfsprogrammen wird die Bevölkerung dazu gebracht, ihre Selbstversorgungsfelder auf marktförmige Produkte wie Ölpalme oder Kautschuk umzustellen oder sie für Infrastruktur- und Tourismusprojekte freizugeben. Erst kürzlich präsentierte sich Mexiko auf der Tourismusmesse ITB in Berlin als ambitioniertes Gastland. Doch bei nahezu allen Tourismusprojekten profitiert nur eine kleine Minderheit, viele Gemeinden werden durch die Projekte gespalten und paramilitärische Banden greifen Oppositionelle in ganz Chiapas an. Gómez Silvano ist das zweite Todesopfer - allein in Bachajón. Bereits am 24. April 2013 wurde Juan Vázquez von Unbekannten erschossen. Die Täter können mit völliger Straflosigkeit rechnen.

Die Aktivisten aus Bachajón machen Gouverneur Velasco und Präsident Peña Nieto für die Morde verantwortlich und geben sich weiterhin kämpferisch: »Unsere Organisation ist trotz der Repression vorbereitet, Widerstand zu leisten und den Aufbau der Autonomie fortzuführen.«

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