Von Danuta Schmidt

Bilder vom Verschwinden

Der Architekt Martin Maleschka hält schrumpfende ostdeutsche Stadtlandschaften für die Nachwelt fest

Ein junger Eisenhüttenstädter dokumentiert, wo wir noch vor 25 Jahren gelebt haben und wo wir in 25 Jahren nicht mehr leben werden.

Staatsbürgerkunde hieß das Fach, in dem es um die DDR, ihre Errungenschaften und ihre Pläne, um den Aufbau und den Erhalt des Sozialismus ging. Das weiß der 32-jährige Martin Maleschka nicht aus eigenem Erleben. Obwohl er viel mit seinen Eltern über die Vergangenheit redet. Der gebürtige Eisenhüttenstädter stellt die Frage nach diesem Schulfach gar nicht. Es stand nicht mehr auf seinem Stundenplan. Ihn beschäftigten andere Fragen aus dem früheren Leben, auch inspiriert durch sein Studium: das Wohnumfeld damals; die Plattenbauten, in denen er groß wurde; Planzeichnungen; die gebaute Realität; die Stadt Eisenhüttenstadt, seine Heimat.

Das Viertel, in dem Martin Maleschka aufwuchs, steht nicht mehr. Da, wo er einst Fußball spielte, Räuber und Gendarm, Klingelrutsche, ist heute wieder grüne Wiese. Seit neun Jahren dokumentiert Maleschka alles, was verloren geht und noch verloren gehen wird - zunächst in Eisenhüttenstadt, in Frankfurt/Oder und in Cottbus. Seine Eltern sind da leidenschaftslos. Sie verbinden andere Erinnerungen mit der Zeit der Plattenbauten als der Sohn.

Mit den Jahren erweiterte sich sein Radius über Brandenburg hinaus. Martin Maleschka fuhr mit seinem Studententicket und seiner kleinen Kompaktkamera auch in die Großsiedlungen nach Chemnitz, Neubrandenburg, Rostock, Jena. Mittlerweile hat er ein beachtliches Fotoarchiv beisammen. Nicht selten wirken die Plattenbauten auf seinen Bildern wie Grafiken: Entrahmte Fenster sind nur noch schwarze Quadrate, eine Hauswand mit Balkonen erinnert an eine leere Pralinenschachtel, eine Fassade mit gleichmäßiger Fensteranordnung an kariertes Papier. Es sind Grafiken voller Melancholie.

Martin Maleschka ist frisch diplomierter Architekt, 1982 ganz in Eisenhüttenstadt geboren, in der einzigen Planstadt der DDR. 1953 wurde der Grundstein gelegt. Zu Spitzenzeiten lebten hier, an der Grenze zu Polen 53 000 Menschen. Heute sind es noch 27 000. Sein Großvater war Technischer Zeichner, er entwarf Plattenbauten. Maleschkas Vater war Plattenbauer. Er hat die Platten hergestellt, die vor Ort montiert wurden. Die beiden Männer bauten die sozialistische Stadt um die Eisenhütte mit auf. Der Großvater hat die Plattenbauten konzipiert, der Vater setzte die Pläne um und der Sohn interessiert sich heute dafür.

Ob es ein familiäres Vermächtnis sei, dass er nun Architekt geworden sei? »Mein Großvater lag mir sehr am Herzen, auch jetzt noch. Es ist schade, dass er nicht mehr erfahren wird, dass ich Architekt geworden bin und das ich jetzt, wo meine Fragen konkreter werden, nicht mehr mit ihm sprechen kann.« Dass die Stadt seit 20 Jahren zurückgebaut wird, dass sie schrumpft, dass es erst seit letztem Jahr keine Abwanderung mehr gibt, hat den jungen Mann nicht an seinem Entschluss gehindert. »Ein Freund studierte schon in Cottbus, er lockte mich dorthin. Ich solle doch Stadtplanung studieren.« Nach einem Jahr rieten ihm die Professoren umzusatteln. Begonnen hat Maleschka sein Studium 2003, da war der Rückbau in vollem Gange. Seine Diplomarbeit im letzten Jahr war der Entwurf eines vertikalen Friedhofes in Berlin-Kreuzberg.

Maleschka lebt heute mit seiner Freundin, einer Modemacherin, in Cottbus in einer preiswerten Vier-Zimmer Plattenbauwohnung. Er hat sich gerade bei einem Architekturbüro in Basel beworben, das schon Bibliotheken in Eberswalde und Cottbus entwarf, und hatte ein Vorstellungsgespräch für ein Promotionsstipendium an der Bauhaus-Universität Weimar. Dass er mal seinen Doktor machen könnte, daran hat er als Jugendlicher keinen Gedanken verschwendet. Maleschka musste für das Abitur zweimal schwitzen, bezahlte Bußgeld, weil er als Sprayer erwischt worden war. »Meine Eltern sagten, ich hätte damit mein Lehrgeld bezahlt.«

Der junge Mann in schwarz-weiß kariertem Hemd, Sneakers und Koteletten war immer schon eher der optische Typ. Graffiti waren für ihn auch Grafiken. »Ich habe nie auf neue Fassaden gesprüht, meist waren es Flächen an Bahnstrecken.« Dort hat er immer wieder seinen Künstlernamen hinterlassen.

Er war sieben Jahre alt, als die Mauer fiel: »Ich finde es schade, dass ich nicht fünf Jahre früher geboren wurde, dass ich so wenig vom Osten mitbekommen habe. Ich weiß nur, dass ich eine gut behütete Kindheit hatte. Für mich war die DDR sehr schön.« Dreimal ist die Familie umgezogen, »immer in einen noch komfortableren Plattenbau«.

Die Kindheitsorte, diese drei Wohnhöfe in Eisenhüttenstadt und die Wohnungen, in denen er mit seinen Eltern lebte, gibt es nicht mehr. Sie sind beim Stadtumbau Ost verschwunden. Maleschkas Kindheit ist nur noch Erinnerung, Kopfkino. Noch Ende der 90er zogen die Eltern in einen Plattenbau, den sie sich für lebenslang einrichten wollten: Sie änderten den Grundriss, indem sie Trennwände herausnahmen und die Wohnung auf 120 Quadratmeter vergrößerten. Das ist im Plattenbau mit seiner Modulbauweise leicht möglich. Doch auch hier schlug die Abrissbirne zu: »Die Interessen beim Stadtumbau wogen schwerer als die privaten Interessen meiner Eltern.« Für die Abfindung bauten sie sich ein kleines Häuschen im Nachbardorf. Siehdichum heißt die Gemeinde.

Maleschka trägt eine Armbanduhr mit einem integrierten Taschenrechner aus den 80er Jahren. Er hat eine Affinität zur Vergangenheit und zu stylischer Ästhetik. Als Hipster würden ihn Freunde und Bekannte bezeichnen. Dabei sei es ihm egal, ob es modern ist, wie er sich kleidet. »Außenwirkung, meine Güte.« Er mag die Hemden von »Fred Perry«, der Marke des britischen Tennisspielers, die in radikalen Kreisen zelebriert wird. Ungefragt stellt der junge Mann mit dem rasierten Schädel klar, dass er da nicht hingehört. Viele würden das vermuten. Natürlich habe er »Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration« gelesen, das Buch der Journalistin Sabine Rennefanz, das auf den Bestsellerlisten stand. Es geht darin ja um seine Heimat, damals und heute. Das Buch lieferte einige Bausteine, die sein Bild, seine Erinnerung vervollständigten, auch wenn es ihn das Buch nach der Hälfte, als es um Kirche und orthodoxen Glauben ging, nicht mehr interessierte.

Zehn Jahre studierte Martin Maleschka in Cottbus Architektur: »Ich habe mich selber studiert.« Das klingt besser als »Ich habe nebenbei gejobbt.« Es klingt nach Reflexion. Natürlich hat er auch gearbeitet, als Paketzusteller, und viel gesehen von der Umgebung. In dieser Zeit begann er, sich für das Heute und Gestern aus Beton zu interessieren und bemerkte schnell, wie sich das Gestern beinahe über Nacht verflüchtigte. Wie aus seiner Heimat demontierte Bauelemente wurden.

2005, also schon recht spät, als dem Gebiss der Stadt bereits einige Zähne gezogen waren, griff er zum ersten Mal zur Kamera, um den Prozess festzuhalten. Seine Bilder fallen durch ihre reduzierte Art auf. Außer der Architektur gibt es nichts zu sehen. Keine Autos, kein menschlicher Maßstab. Meist sind es Umrisse, Linien, fast immer ist es nur ein Gebäudeausschnitt. Allein tausend Bilder hat er zum Thema Plattenbau gemacht: geblümte Balkonjalousien, Wabenstrukturen, gestapelte Betonplatten nach dem Rückbau, Fensterformate, Spiegelungen, Werbeschriften von damals.

Früher wurden Häuser für die nächsten 100 Jahre gebaut. Und so wurde Architektur auch errichtet: möglichst unzerstörbar. Das Fundament, die Mauern, das Dach. Auch wenn die Architektur die beständigste und die öffentlichkeitswirksamste aller Künste ist, sie verschwindet mit dem verschwundenen Gesellschaftssystem sukzessive aus Raum und Zeit, wie es vor ihr schon Kunstwerke (in Rostock gibt es derzeit eine interessante Ausstellung über Kunstwerke in DDR-Schulbüchern), Bücher, Musik, Alltagsgegenstände getan haben.

Im fünften Semester entwarf der Architekturstudent Martin Maleschka aus »Hütte«, wie er Eisenhüttenstadt nennt, für eine Baulücke in der Berliner Mulackstraße ein sehr kleines Glasmuseum. Dafür gab es einen internationalen Studentenpreis. »Mich interessieren klare Betonbauten, einfache Strukturen und Kubaturen. Ich mag keine Kleinteiligkeit.« Einen Preis der Architekturzeitschrift »arch+« erhielten er und seine Partnerin für die Infografik »Out of ballance« zur »zunehmenden sozialen Ungleichheit« in Eisenhüttenstadt: »Wir haben ein Szenario dargestellt, von 1951 bis 2020. Billiger Wohnraum wird in Zukunft rar.« Das Stadtzentrum, das »Ur«-Eisenhüttenstadt, wird saniert, aber auch da wird noch abgerissen. Dort ist Wohnen teuer. Die Studenten bekamen von den Mitarbeitern der Stadtentwicklung im Rathaus die Zahlen und Fakten. »Als eine Kollegin die Statistiken der einzelnen Wohnbezirke zeigte, hatte sie Tränen in den Augen.« Die beiden haben den Ist-Zustand dargestellt und gezeigt, wie schlecht es der Stadt geht. »Von einer Stadt-Entwicklung kann man ja gar nicht sprechen.« Was entwickele sich denn außer der Zahl der Waffendelikte, dem Altersdurchschnitt und steigenden Mieten? Und dennoch bleibt Eisenhüttenstadt für die Dagebliebenen, aber auch für viele Weggegangenen Heimat.

Martin Maleschka ist zum Dokumentaristen geworden. »Je öfter ich mit der Kamera losgehe, desto mehr trainiere ich meine Augen, ich schule meine Beobachtungsgabe.« Es ist wie Naturstudium. Immer wieder Hinsehen, Details wahrnehmen, Perspektiven wechseln, mit dem nötigen Abstand der Abstraktion, aber auch mit emotionaler Nähe. Maleschka fotografiert, was von seinen Erinnerungen in der Realität noch da ist. Es ist nicht nur die Suche nach der besonderen Ästhetik, sondern auch die Suche nach der verschwundenen Heimat. Er versucht festzuhalten, was nicht aufzuhalten ist.

40 Arbeiten von Martin Maleschka sind in der Ausstellung »Neu-Bau-Welt« noch bis zum 30. April 2014 in der Bauhaus-Universität Weimar zu sehen (Montag -Freitag, 9 bis 20 Uhr).

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