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Deutsche »Einsatznostalgie«?

Der Konfliktforscher Michael Daxner über den Afghanistan-Krieg und das Verhältnis zum Islam

Michael Daxner (Jg. 1947) ist Professor für Soziologie und ehemaliger Präsident der Universität Oldenburg. Er lehrt Konfliktforschung und Interventionssoziologie und leitet das Governance-Teilprojekt zu Afghanistan an der Freien Universität Berlin. In Afghanistan ist er seit etwa einem Jahrzehnt regelmäßig präsent und hat unter anderem Studien zum Aufbau eines Hochschulsystems in Afghanistan herausgegeben. Mit dem gebürtigen Wiener sprach Michael Briefs.

nd: Herr Daxner, in Ihrem jüngsten Buch setzen Sie sich mit den Folgen des Krieges in Afghanistan auseinander. Sie benutzen dabei den Begriff Interventionskultur. Was ist darunter zu verstehen?
Daxner: Interventionskultur heißt eigentlich, dass die lokale vorhandene Kultur der intervenierten Menschen und die verschiedenen Kulturen, die über die Intervenierenden ins Land kommen, sich zu einem dritten verbinden. Die Kultur in Afghanistan hat sich durch den Einfluss der Soldaten aus den USA, aber auch durch die aus Deutschland, verändert. Sie ist jetzt auch eine deutsch-amerikanische Kultur. Es gibt kein Zurück zur originalen Kultur. Afghanistan hat aber auch Deutschland verändert, ob wir das wollen oder nicht.

Inwieweit hat sich auch Deutschland durch den Bundeswehreinsatz in Afghanistan verändert?
In der deutschen Öffentlichkeit sind die Leute zufrieden, dass die Truppen abziehen, und die Ukraine, Syrien und Libyen und das verschwundene Flugzeug sind plötzlich alle viel wichtiger als Afghanistan. Aber auf der anderen Seite müssen wir uns natürlich fragen: Was war das für ein Krieg? Wer war eigentlich der Feind? Wer war der Feind der Bundeswehr? Wer war der Feind der Amerikaner? Die Taliban? Es war schon richtig, den Staatsaufbau durch eine Sicherungstruppe zu unterstützen. Aber ob es richtig war, im Zuge dieses diffusen Kriegs gegen den Terror in Afghanistan noch eine zweite Ebene militärischer Operationen einzuziehen, wage ich zu bezweifeln.

In Ihrem Buch schreiben Sie von einer »Einsatznostalgie« in Deutschland, mit der auf die Rückkehr der Soldaten reagiert werde. Die Heimkehrer ihrerseits würden mit Formulierungen wie »Einsatz meines Lebens« das Soldatische mystifizieren, Verstatzstücke wie: »Für Deutschland gestorben« tauchen in der öffentlichen Debatte auf. Sie sprechen von Heimkehrer- und Veteranen-Narrativen als neuem Genre und sehen einen Zusammenhang mit dem Erscheinen der Landser-Hefte nach 1945.
Ja, es wird an soldatische Traditionen angeknüpft, die man schon längst überholt geglaubt hat, wie beispielsweise die Clausewitz-Vereinigungen. Die Bundeswehr ist nicht mehr die Nachfolgerin der deutschen militaristischen Tradition, aber es gibt eine gefährliche Strömung: Man möchte doch eigentlich wieder eine richtige Armee. Und was mich daran stört, ist das Wort »richtig«. Ein Bundeswehroffizier sagte vor einigen Jahren auf einer Pressekonferenz: »Verstehen Sie, die Taliban, das sind richtige Krieger. Dort haben wir einen richtigen Krieg.« Ja, wollen wir das? Was noch immer fehlt, ist die gesellschaftliche Umstrukturierung, die den Menschen die Chance gibt, sich selbst zu definieren: Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben? Die afghanische Gesellschaft wird bislang von den großen Thinktanks in den USA und auch jenen aus Deutschland definiert.

Wie hat die Intervention in Afghanistan das deutsche Verhältnis zum Islam verändert? Der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad stellt gerade in seinem neuen Buch die These auf, dass der Islam eine eigene Form des Faschismus herausgebildet habe.
Wenn man den Begriff anwendet, dann sollte man sich die Mühe machen, zwischen Taliban und Al Quaida zu unterscheiden. Und man muss trennen zwischen dem Verhältnis der Afghanen zu ihren arabischen Glaubensvettern, denn so nahe ist der Wahhabismus in Saudi-Arabien der afghanischen sunnitischen Tradition überhaupt nicht. Dann wird man sehr schnell sehen, dass die Ursachen der afghanischen Konflikte mit Religion wenig zu tun haben, dass aber Religion sich ganz wunderbar eignet als Legitimation für Konflikte und Kriege.

Der Einfluss der Religion und ein gewisser Fanatismus lassen sich aber doch nicht leugnen.
Natürlich gab es immer die Einflüsse von Mission, auch von radikaler Mission. Wenn die mit Geld verbunden war, spielen die Wahhabiten in Saudi-Arabien eine große Rolle, vor allem in Bezug auf die religiöse Literatur der Sunniten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die USA den konservativsten Teil der Volksreligion in Afghanistan über ihre Geheimdienste umso stärker indoktriniert haben, je stärker der KGB und die Sowjets in den Städten eine säkularisierende Unterwanderung organisierten.

Michael Daxner (Hrsg.), Deutschland in Afghanistan, BIS-Verlag der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, Oldenburg 2014, Schriftenreihe; Bestelladresse: Postfach 2541, 26015 Oldenburg, E-Mail: bisverlag@uni, Internet: www.bis-verlag.de.

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