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Schwarze Erdlöcher

Von einem Nazi vergrabene Waffen sind noch lange kein Anlass für Ermittlungen in Richtung Rechtsterrorismus

Sonntag für Sonntag werden in Deutschland schwere Verbrechen aufgeklärt. Im »Tatort«-Fernsehkrimi. Da sind die Ermittler top. Wenn es um Rechtsterrorismus geht, sieht die Wirklichkeit anders aus.

Der 25. Mai 2008 war ein Sonntag. Also »Tatort«-Zeit. Noch bevor das TV-Ermittler-Team Thomalla und Wuttke auf dem ARD-Bildschirm auftauchte, gab es in Bayreuth einen echten Krimi. Der ging für einen Michael Krause tödlich aus. Der Mann war zwei Polizisten aufgefallen, weil er sich an einem Fahrrad zu schaffen machte. Statt seinen Ausweis zu zeigen, zog er eine Walther-Pistole, schoss, verletzte einen Uniformierten schwer. Dessen Kollege traf Krause mehrmals in die Brust. Der floh dennoch, um sich dann mit einem Schuss in den Rachen selbst zu töten. Die Ermittler fanden am Tatort Krauses Tasche mit einer selbst gebastelten Waffe, mit Munition und Einbruchswerkzeug.

Rätsel gaben verschlüsselte Lagepläne auf. Sie wiesen auf geheime Erddepots in den Wäldern von Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Bayern und in Österreich hin. Schon im August 2008 wurden die Ermittlungen eingestellt. Der wohnungslose Krause, geboren in Berlin, Betonbauer von Beruf, sei ein durchgeknallter Typ, weil krank gewesen. Nun ist er tot. Fall erledigt. Die Kripo Bayreuth hat anderes zu tun.

Erledigt? Man hatte zu dem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung, wo Krauses geheime Depots waren, was er darin versteckt hatte, für wen er sie angelegt hat. Ein Zufall half beim Entschlüsseln der codierten Angaben. Es konnten - so bestätigt nun auch die Bundesregierung in einer Antwort auf die Anfrage der Bundestagsabgeordneten Martina Renner von der Linksfraktion - »30 Depots lokalisiert werden. Zwei Depots hatte M.K. selbst bereits aufgelöst, fünf weitere wurden bis heute nicht aufgefunden.«

Woher weiß man, dass er sie selbst aufgelöst hat? Und was lag in den anderen Löchern? »In einigen Depots wurden neben Bekleidungsstücken, Campingausrüstungen, CDs mit Volksmusik, Kfz-Kennzeichen auch Patronen, ein Lauf 7,65 mm, Handgranaten, Sprengbehälter, Zeitzünder und eine Gaspistole sichergestellt.« An anderer Stelle werden dann »die Schusswaffen« erwähnt. Also fand man offenbar mehrere.

Welche, wo stammen sie her, wurden sie eingesetzt? Martina Renner schaut zwar nicht so oft »Tatort«-Krimis, doch als Innenexpertin und langjährige LINKE-Obfrau im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss weiß sie auch so die richtigen Fragen zu stellen. Wo lebte Krause? Wovon lebte Krause? Welche Sprengstoffe fand man - gewerbliche, militärische oder selbst hergestellte? Wer baute die Bomben und Sprengvorrichtungen? Woher hatte Krause die entsprechenden Kenntnisse und Fertigkeiten, um damit umzugehen? Hat man DNA-Spuren festgestellt? Gibt es Fingerabdrücke, hatte man Treffer bei deren Abgleich in Dateien? Wozu waren die Kfz-Kennzeichen gelagert? Welche Erkenntnisse hat man hinsichtlich der gefundenen »Feindnamenlisten«?

Man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht herauszufinden, ob Michael Krause einen Führerschein besaß. Und bei den aufgeführten Feindnamen handle es sich »um Personen, die persönliche Bezüge zu M.K. hatten«. Was ist damit wohl gemeint? Meist gebrauchte Floskel: »Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor.« Dennoch versucht man vehement, jeden Gedanken an eine Verbindung zwischen Krause und dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) als absurd abzutun. Da gebe es nichts, das hätten Ermittlungen der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) »Trio«, der SoKo »Bosporus« des Landeskriminalamtes Bayern und des Bundeskriminalamtes (BKA) bereits im September 2009 ergeben.

September 2009? Das war über zwei Jahre vor dem Auffliegen der NSU-Terrorzelle. Offenbar ist seitdem nichts mehr ermittelt worden. Und wer sagt, dass der NSU die einzige Neonazi-Terrorzelle in diesem Lande ist? Es gibt zahlreiche sogenannte »Anfasser« für weitere Ermittlungen. Beispiel: Acht Krause-Depots wurden im Bereich der Polizeidirektion Saalfeld, also in einem Gebiet gefunden, das als Hochburg militanter Neonazis gilt. Einige der Thüringer Neonazis haben enge Kontakte zu Kameraden in Oberösterreich. Das wurde deutlich, als dort bei Wels unlängst das »Objekt 21« ausgehoben wurde. Es laufen Prozesse, auch deutsche Neonazis müssen sich verantworten. In Wels war Krause 2006 bei einer Fahrzeugkontrolle mit mehreren Äxten, Messern und einer selbstgebauten Gasdruckpistole erwischt worden. Jahre später hob man in Wels zwei der Krause-Depots aus. Doch der Bundesregierung liegen zu Ermittlungen in Österreich »keine Erkenntnisse« vor. Egal was die Innenbehörden behaupten, Ländergrenzen schützen Neonazis offensichtlich noch immer vor Strafverfolgung, meint Renner.

Bleibt die Frage: Ist Michael Krause einfach nur ein geistig Verwirrter, wie Polizei und Staatsanwaltschaft meinen, oder hat er tatsächlich etwas mit Rechtsextremismus zu tun? Man weiß, dass Krause im Januar 2007 bei der Zulassungsstelle in Plauen den rechten Arm gereckt und »Heil Hitler« gerufen hat. Bei einer von der Berliner SPD 2007 organisierten Reise zur Sicherheitskonferenz in München wurde er wegen »rechter« Äußerungen aus dem Bus geworfen. Interessanterweise hat dann offenbar doch irgendjemand tiefer gegraben in Sachen Krause. Und ist bei der Stasi-Unterlagenbehörde fündig geworden. Die Abteilung XX der MfS-Bezirksverwaltung Berlin hatte Michael Krause in einer Kartei »NPD-Mitglieder in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West)« als Mitglied der JN (Junge Nationaldemokraten) erfasst. Ungeachtet dessen ist in der Antwort auf Renners Anfrage zu lesen: »Hinweise auf Kontakte des M.K. zu rechtsradikalen Kreisen sind der Bundesregierung nicht bekannt.«

Im Dezember 2011, also einen Monat nach Auffliegen der NSU-Terrorzelle, schien es so, als würde sich der Generalbundesanwalt (GBA) für den Fall Krause interessieren. Er forderte die Akten an, verpasste allen bisher involvierten Behörden einen Maulkorb und äußerte sich selbst trotz beharrlicher nd-Nachfragen mit keiner Silbe. Vor einigen Wochen jedoch empörte sich die Bundesanwaltschaft über das fortgesetzte mediale Bohren. Schließlich habe man mit dem Fall Krause nicht das Geringste zu tun!

Das sah man noch am Mittwoch bei der Polizei in Bayreuth anders. Dort ist man noch immer an die vom GBA verkündete Schweigepflicht gebunden. Doch auch sonst hätte man nichts mitzuteilen, denn: Eine Aufarbeitung des Altfalles Krause erfolgt nicht.

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