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Wer will mit den Korrupten tanzen?

»Berliner Sportgespräche«: Die meisten befürworten eine erneute Olympiabewerbung der Hauptstadt - nur nicht beim IOC

  • Von Oliver Händler
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach den viel kritisierten Olympischen Spielen von Sotschi ist die Diskussion um eine erneute Bewerbung Berlins wieder entbrannt.

Vor mehr als 20 Jahren scheiterte die Bewerbung Berlins um die Olympischen Sommerspiele 2000. Seitdem wird immer wieder über einen erneuten Anlauf diskutiert, zuletzt zum Auftakt der »Berliner Sportgespräche« des Landessportbundes Berlin (LSB) im Olympiapark in dieser Woche. Eine Sportlerin, ein Journalist, eine Soziologin und ein Philosoph sollten besprechen, ob es Sinn mache, und irgendwie wollten alle Olympia haben - nur nicht so, wie die Spiele derzeit nun mal sind.

Unter dem Titel »Nach Sotschi - Wo steht Olympia?« kam die Runde zunächst auf die vergangene Ausgabe in Russland zu sprechen. Journalist Jens Weinreich erinnerte sich sogleich an die Vergabe 2007: »Als Salzburg verlor, hatten die Österreicher die klar beste Bewerbung. Sotschi hatte nichts. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sagte damals zu mir, dann solle das IOC die Spiele doch gleich versteigern. Und seitdem hat sich nichts geändert. Es gibt noch immer keinen fairen Wettbewerb.«

Obwohl Jessy Wellmer, Moderatorin des ZDF und dieser Runde, vorauszusetzen schien, dass alle Anwesenden Probleme mit den Spielen von Sotschi hatten, fand sie doch den ein oder anderen Widerspruch. So relativierte Sportsoziologin Petra Tzschoppe die angebliche Geltungssucht Russlands: »In meiner Wahrnehmung wollte noch jeder Gastgeber seine Vorzüge positiv präsentieren.« Auch Eisschnellläuferin Jenny Wolf - leider die einzige auf dem Podium, die während der Spiele in Sotschi war - berichtete: »Wir Sportler hatten drei wunderbare Wochen und viel Spaß. Von daher war der olympische Gedanke schon vorhanden.« Doch schränkte sie ein: »Ich habe vermisst, dass das IOC mal was für die Völkerverständigung unter den Sportlern tut. Wir bekamen Handys geschenkt mit Hunderten Apps. Es wurde gezeigt, was Olympia technisch kann, aber nicht, was emotional möglich wäre.«

Das Thema Völkerverständigung war auch dem Sportphilosophen Gunter Gebauer das liebste: »Hat denn Thomas Bach nach den Spielen etwas zur Krim gesagt? Hat er Bilanz gezogen und zugegeben, dass Olympia nicht den Weltfrieden gefördert hat? Das wäre mal ehrlich gewesen.« Ohnehin wisse niemand mehr, wofür die olympische Idee stehe. »Fairness und Chancengleichheit gibt es weder bei den Bewerbungen noch im Sport mit seinem Dopingproblem. Und Regionen wirtschaftlich zu entwickeln, ist nicht Aufgabe des IOC.«

Letzteres hatte das Internationalen Olympischen Komitee aber immer wieder als Argument dafür angeführt, die Spiele nach Sotschi oder Pyeongchang zu vergeben anstatt in weiter entwickelte Regionen in Westeuropa oder Nordamerika. Für Gebauer ein Vorwand, um die nicht transparenten und damit latent korrupten Entscheidungen des Komitees zu verteidigen. In diesem System habe Berlin jedenfalls keine Chance. »Das IOC muss sich erst selbst reformieren. Ich sehe aber bei Herrn Bach nicht den Willen, das Ganze demokratischer zu machen«, so Gebauer.

Auch Weinreich sieht dafür keine Anzeichen trotz der jüngsten Reformoffensive Bachs. »Mit der ›Agenda 2020‹ macht das IOC ein paar kosmetische Operationen, aber man wird nichts aus der Hand geben. Die Pflichtenhefte degradieren Länder und Städte weiterhin zu Juniorpartnern«, kritisierte er jene Anforderungen, die dem IOC Steuerfreiheit gewähren und die Übernahme von anfallenden Schulden garantieren.

Trotzdem habe Weinreich grundsätzlich nichts gegen einen deutschen Versuch, wenn sich das IOC doch ändere: »Ich wünsche mir endlich eine Bewerbung, die mal mit einer Idee beginnt, was man damit erreichen will für die Stadt und das Land.« Die bisherigen Anläufe in Deutschland seien jedenfalls nur von Privat- und Parteiinteressen gelenkt worden, so Weinreich.

Das mit der Idee fanden alle Diskutanten und sogar Berlins Staatssekretär für Sport, Andreas Statzkowski (CDU), toll. Nur hatte keiner der Anwesenden einen Einfall, wie genau die aussehen sollte. Statzkowski wollte ohnehin erst mal darauf warten, ob sich der Deutsche Olympische Sportbund überhaupt für eine Bewerbung entscheide. Man brauche schließlich eine gute Strategie, um die Spiele an Land zu ziehen.

»Nein, wir brauchen erst mal eine Strategie, wie wir die Leute für Olympia begeistern«, widersprach Özcan Mutlu, Mitglied der Grünen im Bundestagssportausschuss. Schade, dass auch er nicht in Sotschi war. Dort hätte er gesehen, dass die Spiele die meisten Einwohner Sotschis begeistert hatten, obwohl auch sie vorher nie gefragt worden waren. Das hat Olympia so an sich. Doch im Fall Sotschis hat das nur die Wenigsten interessiert.

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