Weiwei-Kunst

In autoritären Regimen, so heißt es, ist die Kunst automatisch besser, weil der Künstler seine Botschaft doppelt und dreifach verschlüsseln und daher tief in die formale Trickkiste greifen muss. Sollte das stimmen, ist China einer der liberalsten Staaten der Erde, denn die Kunst, die seine Dissidenten in maßloser Produktivität und geradezu blödsinnigem Eifer um den Globus schicken, ist derart flach, betulich, wichtigkeitsheischend, weinerlich, gedankenarm und von einer handwerklichen Armseligkeit, die man sich von europäischen Künstlern niemals bieten ließe. Besonders die Werke aus den Kunstfabriken von Ai Weiwei, Lieblingsrebell der Deutschen nach Snowden und Sarrazin, finden ihre Rechtfertigung allein in der Behauptung, dass es dem Mann da drüben ja sehr schlecht gehe, schlechter fast als dem ärmsten Reisbäuerlein.

Im Berliner Martin-Gropius-Bau kann man sich nun am hochprofitablen Widerstand Ais ergötzen. Da gibt es Selfies, die ihn nackt vor dem Spiegel oder mit einer lustigen Brille zeigen; auf einem Bild - provokant, provokant! - streckt er uns sogar den Mittelfinger entgegen. Nein, bitte nicht den Mittelfinger, diese Wahrheit ist zu unbequem! Wir sind schockiert und im Innersten verstört von einer Geste, die Achtjährigen mutig vorkommt, dargeboten in einer Kunstform, die Millionen Teenies pflegen, und zwar origineller und charmanter als diese dicke alte Trantüte, die in Wahrheit nur eine einzige Aussage hat: »Ich, ich, ich!« Aus jedem kleinen Scharmützel mit den Behörden verfertigt Ai ein neues, so großmäuliges wie nichtssagendes Kunstwerk: Seht her, ich werde unterdrückt, ich kann mich nicht frei äußern, außer in zahllosen Ausstellungen, Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträgen; abgesehen von einer Viertelmillion Twitter-Follower erreiche ich kaum einen.

Und diese totale Ideenlosigkeit! Um an ein Erdbeben zu erinnern, verlötet er Stahlrohre; um eine umstrittene Inselgruppe zu veranschaulichen, bildet er sie in Marmor nach. Das ist nicht mal Kunsthandwerk, das ist bloße Museumspädagogik. Der Gipfel von Eitelkeit und Arbeitsverweigerung besteht im detailgetreuen Nachbau einer Zelle, in welcher er wegen Steuerdelikten eingesperrt war. Warum nicht eine lebensgroße Wachsfigur des Gerichtsvollziehers? Im Gefängnis, weint der »Spiegel«, musste er »seine Kleidung selbst waschen, oder sollte man sagen, er durfte seine Kleidung waschen? Wo hört Unmenschlichkeit auf?« Ja, wo? Vielleicht, wenn Uli Hoeneß im Knast zu malen anfängt. Oder die Chinesen eine Twittersperre entwickeln, die endlich mal funktioniert. Zeit wird’s!

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