Es geht auch ohne Gott

Hubertus Mynarek über die Rangordnung der Werte und den Platz des Religiösen

Wussten Sie, dass der jetzt geschasste Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst einer der schärfsten Kritiker von Christian Wulff war, als der noch das Amt des Bundespräsidenten bekleidete? Das war im Herbst 2010. Damals interessierte sich weder jemand für den Bauwahn des katholischen Klerikers noch für die Hotelrechnungen des katholischen Staatsoberhauptes.

Wulff hatte in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit mit Blick auf »unsere christlich-jüdische Geschichte« den Satz formuliert: »Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Ein Satz, der Tebartz-van Elst eine Philippika verfassen ließ, die das Magazin »Focus« publizierte. Darin warf der Prälat dem Präsidenten Relativismus vor und verteidigte die »christliche Leitkultur«. Denn dieser Begriff, so Tebartz-van Elst, »beschreibt keine utopischen Ziele, sondern eine Realität in Deutschland«.

Es wäre sicher interessant, von diesem Punkt aus die Fäden aufzudröseln, die zu den tatsächlichen Hintergründen und Hinterleuten der inszenierten Kampagne führen, an deren Ende die mediale Vernichtung Wulffs als Person der Politik und des öffentlichen Lebens stand. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Die gleiche Dreistigkeit, mit der Tebartz-van Elst später seine Prunkresidenz finanzierte und rechtfertigte, findet sich bei dem kecken Kirchenmann, als er gegenüber Wulff, der eine integrative Gesellschaft befürwortete, den Vorrang religiöser Werte einklagte. Ein Vorgang, der hierzulande aufgrund der heillosen Verstrickung und Verfilzung von Politik und Religion, von Staat und Kirche durchaus kein singulärer ist. Vor diesem Hintergrund ist es ein gar nicht zu überschätzendes Verdienst, dass der Religionswissenschaftler und renommierte Kirchenkritiker Hubertus Mynarek ein Buch vorgelegt hat, das sich dieses Themas nicht nur polemisch annimmt, sondern es definierend und analysierend in seinem ganzen Facettenreichtum ausbreitet. Der Titel »Wertrangordnung und Humanität« mag etwas sperrig klingen. Doch es sind genau diese beiden Begriffe, die die argumentativen Pfeiler der Kommunikationsplattform bilden, auf der sich die Debatte »zwischen Atheisten, Pantheisten, Monotheisten und Agnostikern« abspielt, um die es Mynarek laut Untertitel seiner Schrift geht.

»Wert ist, was ein Bedürfnis befriedigt.« Diese prägnante Formel, von Mynarek an den Anfang gestellt, bringt die von Medien, Institutionen, gesellschaftlichen Gruppen und Individuen in Gang gehaltene Wertedebatte, die oft in abstrakt-metaphysischen Höhenzonen dahinwabert, auf ihren eigentlichen, menschlich-allzumenschlichen Kern. Denn um eben diesen Nukleus lagern sich die Bereiche und Kategorien der Werte des Menschen: Nützlichkeitswerte wie ökonomische Interessen, Genusswerte wie die Befriedigung sexuellen und kulinarischen Begehrens, Vitalwerte wie Gesundheit und Lebenskraft. Aber auch die »höheren, weil der leib-seelischen Unmittelbarkeit enthobenen Werte«: die ästhetischen Werte, die in ihrer höchsten Ausprägung »das Schöne und das Erhabene« erfassen, die theoretischen Werte, bei denen es um das Erkennen von Wahrheit und das Lösen der Welträtsel geht.

Doch alle diese Werte, das ist für Mynarek unabdingbar, existieren nicht nur in gegenseitiger Verbindung und Abhängigkeit, sondern müssen insbesondere »vor den Richterstuhl der Ethik, einer Ethik, die radikal und universal human ist und mit den für alle geltenden Menschenrechten lückenlos übereinstimmen muss«. Die oberste und für das soziale Leben wichtigste Wertklasse der ethischen Werte ist »also der Maßstab der Wertordnung«.

Die Überbetonung »niederer« Wertklassen ist zweifellos alltäglich und allerorten verbreitet (was sich exemplarisch als Geld- oder Gewinngier, Spiel- oder Sexsucht, aber ebenso als sich abkapselnder Ästhetizismus oder ignorante Wissenschaftsglorifizierung ausdrückt). Insofern ist Mynareks stringent und folgerichtig hergeleitetes Diktum vom Primat des Ethischen in der Wertrangordnung von permanenter Aktualität, aber nicht gerade neu.

Indes ist dies eigentlich erst das Präludium für den Hauptteil des Buches, in dem es um die in der deutschen Wertedebatte immer wieder betonten religiösen Werte geht. Diese Werte, stellt Mynarek unmissverständlich klar, »stellen nur einen Wert für religiöse Menschen dar«. Ethisch verantwortliches Handeln kann zwar seine sittlichen Verhaltensregeln aus der Annahme einer absoluten Instanz, eines göttlichen Gesetz- und Normengebers, ableiten. Zwingend ist das keineswegs, wie der Autor in seiner Polemik gegen das vom katholischen Dissidenztheologen Hans Küng gegründete »Projekt Weltethos« klarmacht. Dieses Projekt gründet sich auf das von Küng in den Weltreligionen ausgemachte ethisch Verbindende und Übergreifende. Dieser zweifellos fruchtbare und originäre Ansatz wird aber von Küng dahin gehend eingegrenzt und verengt, dass er darauf beharrt, dass, so Küng, »das Kategorische des ethischen Anspruchs, die Unbedingtheit des Sollens, ... sich nicht vom Menschen her, sondern nur von einem Unbedingten her begründen« lasse. Das Humanum gründet im Divinum. Ohne Gott geht gar nichts.

Eine im Wortsinn fragwürdige Konnotation, die Mynarek nach allen Regeln einer geistreich-gelehrten und zugleich kurzweilig-unterhaltsamen Disputation auseinandernimmt.

Wohl kaum jemand ist dazu so berufen wie der streitbare Schriftsteller und Philosoph aus Odernheim in Rheinland-Pfalz, der an diesem Sonntag sein 85. Lebensjahr vollendet. Der habilitierte Fundamentaltheologe war Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, als er 1972 als erster Theologieprofessor im deutschsprachigen Raum aus der Kirche austrat. Seither hat er sich in Dutzenden Büchern und Hunderten Artikeln nicht nur mit dem Lehr- und Dogmengebäude der Romkirche, sondern vor allem auch mit dem Phänomen des Religiösen auseinandergesetzt.

So war Mynarek nie bereit, das Religiöse der anmaßend-usurpatorischen Vereinnahmung und Verengung durch die Kirchen, die organisierten und institutionalisierten Religionen zu überlassen. Religiosität ist für ihn in erster Linie das Verhältnis der Menschen zu einem letzten Sinn gewährenden Grund und die daraus entspringenden praktischen ethischen und kulturellen Konsequenzen. In einem früheren Werk bezeichnete er Religion »als umfassenden, ganzheitlichen, Sinn suchenden und grenzüberschreitenden Vitalimpuls des Menschen«, der jede Form radikaler Sinnfrage einschließt. Dass diese Frage nach dem letzten Grund immer von skeptischer Offenheit geprägt ist, setzt eine solche Religiosität diametral zum apodiktisch-personalen Gottesbild von Großkirchen und -religionen.

Da es aber gerade dieses kirchlich-schlichte Gottesbild ist, gegen das sich die wuchtigen Schläge der »Neuen Atheisten«, vor allem des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins (»Der Gotteswahn«), richten, ist es nur folgerichtig, dass Mynarek in seinem neuen Buch ausgedehnte Exkurse in deren Argumentationen unternimmt. Und siehe da: Ganz so »unbefleckt« atheistisch wie behauptet geht es dort nämlich gar nicht zu. Denn auch Dawkins und Co. stehen einer Gott-losen »kosmischen Religiosität«, wie sie beispielsweise Albert Einstein vertrat, durchaus nicht fern, auch wenn sie diesen Begriff und seine Implikationen vermeiden.

Die Suche nach Antworten auf die ewigen fundamentalen Fragen Entstehung des Lebens, Mensch und Universum, Sein, Zeit und Tod, Anfang und Ende sind alles andere als belanglos für das ethische Wertesystem. Selbst wer dabei von »religiösen Werten« spricht, wie das Mynarek tut, ist abgrundweit von dem entfernt, was ein Tebartz van-Elst meint.

Hubertus Mynarek: Wertrangordnung und Humanität. Zur Humanismus-Debatte zwischen Atheisten, Pantheisten, Monotheisten und Agnostikern. Verlag Die Blaue Eule. 180 S., br., 28 €.

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