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Linden aus dem Reagenzglas

Forscher klonen Bäume für die berühmte Barock-Allee von Schloss Bothmer im Nordosten

  • Von Iris Leithold, Klütz
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Bäume der einzigartigen Lindenallee am Schloss Bothmer in Mecklenburg-Vorpommern werden brüchig. Doch die um 1730 gepflanzte Sorte gibt es nicht mehr. Die Wissenschaft muss helfen.

Die 300 Jahre alte Lindenallee am Schloss Bothmer in Mecklenburg-Vorpommern gilt als gartenarchitektonische Einmaligkeit: Die beim Bau des Barockschlosses um das Jahr 1730 gepflanzten Bäume sind so in Form geschnitten, dass ihre Kronen beiderseits des Wegs eine 270 Meter lange, grüne Girlande bilden. Doch sie werden gebrechlich. »Wir lehnen nicht einmal mehr eine Leiter an«, sagt der leitende Gartenbauingenieur der Staatlichen Schlösser und Gärten in Mecklenburg-Vorpommern, Dietmar Braune. Das Ende der berühmten Feston-Allee ist absehbar, wenn nicht bald nachgepflanzt wird. Nur: Die einst gesetzte Lindensorte »Konings« gibt es nicht mehr.

Als vor einiger Zeit ein Sturm mehrere Bäume umwarf, pflanzte man eine ähnliche Sorte. Doch Braune ist nicht glücklich damit: »Schon leichte Abweichungen beim Glanz der Blätter oder bei der Färbung der Triebe beeinträchtigen den Gesamteindruck ganz erheblich.« Hilfe kommt von Klon-Forschern aus Berlin. Im In-vitro-Labor der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität arbeiten sie an der Herstellung genetisch identischer Bäume. Linden sind von besonderem wissenschaftlichen Interesse, denn sie machen Schwierigkeiten. »Sie bilden nur sehr schwer Wurzeln«, beschreibt Klonforscher Matthias Zander das Hauptproblem. Je älter der Ursprungsbaum, desto schwieriger werde es mit der Wurzelbildung.

Die Berliner Wissenschaftler sind gefragt bei Gartendenkmalpflegern. So haben sie bereits für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Kopien einzelner historischer Bäume in Potsdam und Berlin im Reagenzglas gezogen, erzählt Zander. Im Fall der Bothmer-Linden setzten die Forscher vorsichtshalber mehrere hundert Reagenzgläser mit Zellmaterial aus Blattknospen der Alleebäume an. Das Experiment ließ sich gut an: Auf der gallertartigen Nährlösung sprossen bald zarte Triebe. Keimfreiheit ist jetzt das oberste Gebot. Obwohl das Labor in Berlin steril arbeitet, gehen die meisten Pflänzchen bald kaputt. »Oft ist bereits das Material von der Mutterpflanze von Pilzen oder Bakterien befallen«, sagt Zander. »Bei der Linde ist man froh, wenn fünf Prozent pathogenfrei durchkommen.«

Wer diese Hürde genommen hat, hat das Schwerste erst vor sich. Die einen Zentimeter kleinen Pflänzchen müssen Wurzeln bilden. Die Wissenschaftler stellen sie dazu in Reagenzgläser mit einer neu gemischten Nährlösung, der neben Hormonen und Vitaminen auch sogenannte Auxine zugegeben werden. Diese sollen die Wurzelbildung anregen. Dennoch ist die Ausfallrate enorm. Nur zehn Prozent schaffen es, sagt Zander. Um das Ergebnis zu verbessern, tüfteln die Wissenschaftler an neuen Methoden. So versuchen sie, die Pflänzchen mehrmals täglich für 20 Minuten mit der Nährlösung zu überschwemmen. »Dabei kann die Pflanze die Nährstoffe mit allen ihren Teilen aufnehmen«, sagt Zander.

Haben sie erst einmal eine Wurzel, müssen die kleinen Linden nur noch wachsen, sich an Erde gewöhnen und nach und nach auch an die Keime der natürlichen Umwelt. Von dem Berliner Bothmer-Experiment, das 2011 mit fast tausend Reagenzgläsern begonnen hatte, waren Anfang 2014 rund 80 Pflanzen übrig geblieben.

Sie sind inzwischen 80 Zentimeter hoch und können demnächst abgeholt werden. Bis sie in die Allee eingesetzt werden können, werden sie aber noch zehn Jahre in einer Gärtnerei gehütet. Denn sie müssen etwas aushalten, wenn sie in die Allee kommen. »Stellen Sie sich vor«, sagt Braune mit Schaudern, »wenn da ein Reh kommt und die kleinen Bäumchen aus dem Labor einfach abfrisst.« dpa/nd

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