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»Das ist eigentlich schon alles«

Heute wird der Schriftsteller Christoph Hein 70 Jahre alt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Ja oder nein. Die genetische Grundfrage: Wirst du hauptsächlich ein Zustimmender, oder wird dein Lebensformat - die Distanz? »Gelegentlich hat man Glück: noch bevor ich in der Lage war, mir ernsthaft die Frage zu stellen, ob und wie ich mich in die Gesellschaft einbringen sollte, teilte mir der Staat mit, dass er auf meine Mitarbeit keinen Wert lege.« Keine Abiturchance für den Pfarrersohn in der DDR. Immerhin: Das lichte Morgen bot die Abendschule an.

So übte sich eine Seele früh ein in die - Distanz. Als »einzig möglicher« Grundhaltung für den Intellektuellen. Und dessen Verantwortungspflicht? »Er muss vermelden, was er erfuhr. Er hat rücksichtslos zu berichten, das ist eigentlich schon alles.« So wurde Christoph Hein zu einem wichtigen deutschen Schriftsteller.

Er schildert in seinen Büchern Menschen in zerbrechenden Schutzräumen. Zwischen Einzelnem und jeweiliger Geschichte ist das Abenteuer geschaltet: leidend die wahre Lage zu erkennen - und dennoch liebend, lichtsuchend am Leben zu bleiben. In »Der fremde Freund« zum Beispiel gibt es jene Ärztin Claudia, die in den Zeitungen nur noch die Kleinanzeigen liest. Die ganze DDR in einem einzigen Detail. Das Kleinverhalten gegen die herrschende Großlüge. Absage pur. Ausreise nach innen. Ein Mensch, der nicht mehr alle Biegsamkeit aufwenden will, um den Unterschied zwischen Maske und Gesicht zu vertuschen. Das, was man tut, kann eine Kraft sein, aber das, was man nicht mehr tut, die größere.

Was ist Charakter, was Emanzipation? Heins Thema. Jedes Für wird zum Lockruf fürs Wider, so zeigt der seelische Reichtum wachsendes Konto - aber das Außenseitertum, das in solcher Art beschlossen ist, muss man schon auch ertragen wollen. In der Literatur, im Leben. Und Wollen ist mitunter wichtiger als Können. Das war der Glasnost-Impuls, die Glasnost-Tragik. Schriftsteller-Kollege Ingo Schulze erinnert an jene ostdeutsche Aufbruchszeit: »Heins Roman ›Horns Ende‹ ist 1985 erschienen, im Jahr, in dem Gorbatschow die Geschäfte übernahm.« Literatur, »die uns Raum verschaffte zum Atmen, zum Sprechen, zum Erinnern. Schritte, hinter die es nicht mehr zurückging.«

Heins Bücher erledigten sich nicht, als Ostdeutschland mehrheitlich euphorisch in den Westen ging. DDR-Literatur, Literatur in der DDR - sie hat dort überlebt, wo ein Autor, das Leben im Lande betrachtend, in seinem Schreiben doch ganz selbstverständlich aufgeschlossen hatte zur Existenz schlechthin. Das ist die Größe von Literatur: ihre Gerechtigkeit, die sich an keine Partei verkauft, sei sie auch eine Gerechtigkeitspartei. Romanheld Horn (»Horns Ende«) geht an einer SED-Kaltherzigkeit zugrunde, als stünde die Pflicht zum Kafkaesken im Parteiprogramm - aber seine Machtlosigkeit ist doch ebenso übertragbar wie Herrschaft: Es gibt keinen einzigen Menschen, der durch Macht nicht irgendwo auf seiner Seele Totenflecke bekäme. Was heißt da also: DDR?! Welt! So sind alle Romane Heins: konkret, ohne regional zu verkümmern. Nie teilnehmend an einer forsch auftretenden Geschichtlichkeit. Aber fühlend mit denen, die irgend etwas aus Bahnen wirft.

Der 1944 in Schlesien Geborene weiß Sturheit mit Zurückhaltung zu verbinden. Sorgsam umkreist Hein die Kräfteverhältnisse, ein spröder Protestant, der mit Besonnenheit - was kein Gegensatz zur Entschiedenheit ist - in die jeweilige Runde tritt und spricht. Ja, auch spricht. Nicht nur in seiner Literatur (»Der Tangospieler«, »Willenbrock«, »Land-nahme«, »Frau Paula Trousseau«, »Weiskerns Nachlass«), auch im öffentlichen Reden ist der Schriftsteller ein moralisch Fordernder. Moral und Forderungsart: ausgebildet in der Schule des Selbstversuchs.

Auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR, 1987, sagte Hein mutig: »Zensur ist ungesetzlich, denn sie ist verfassungswidrig.« Leipzig, seine Studienstadt, rief er im November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz als Heldenstadt aus; sein Stück »Die Ritter der Tafelrunde« (den Dramatiker Hein gibt es leider kaum mehr; das Paradox besteht darin, dass Dramaturgien sich immer öfter seiner Romane bemächtigen) war zuvor in Dresden zum zornzündenden Gleichnis für die SED-Agonie geworden. Und dieser Zorn wich dem Schriftsteller auch in neuer deutscher Zeit nicht. Fremdenfeindlichkeit trieb ihn hoch (»Freiheit war hier nie die Freiheit des Andersdenkenden«), ebenso das Elend wirklicher Kritik: »Der Knackpunkt bleibt, ob die Demokratie wichtiger ist als das Kapital und der Kapitalismus. Schon die Fragestellung ist unerwünscht.«

Er war nach der Wende erster Präsident des wiedervereinigten PEN-Clubs. Sein Engagement stand für eine vergebliche Hoffnung: Mit dem Ende der DDR könne es zu einer Zeit der gegenseitigen Aufklärung kommen, der gegenseitigen Ergänzung von fehlendem Wissen, von fehlenden Erfahrungen auch - und endlich hätte dieses Zuordnen, Abwerten und Sich-selber-Herausstreichen ein Ende. Nichts da.

Ich erinnere mich an einen Dezembertag 2004. Lügen. Diffamieren. Denunzieren. Abgestraft. Vergiftet. Feindselig. Vernichtet. Das sind Worte, die Hein an diesem Morgen sagt. Sie stehen in einer Presseerklärung, die er Journalisten vorliest. Er huscht über diese Wörter hinweg, als wolle er sie beiläufig ausspucken. Dass niemand merke, in welchem Unton sich ein gebildeter, höflicher Mensch da vergreifen muss. Gezwungenermaßen. Der Schriftsteller ist in etwas geraten, wohin er nicht gehört. Er wird es »geistiges Klima« nennen und es so aussprechen, dass Klimavergiftung deutlich wird. Jene wahrlich nicht feinen Begriffe, die Hein da wählte, sind auf ihn selber gemünzt. Und die Pressekonferenz ist der Rücktritt weit vorm Antritt: Hein wird nicht Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Er wollte es werden, sollte es werden, aber eine Medienkampagne hatte dagegen angebrüllt. Ein ostdeutscher Schriftsteller? Drohte nun die Revitalisierung eines nostalgisch ummoosten Nationaltheaters? Hein sagt, das sei »Apartheid«. Er taugt nicht zum Futter. Verstummt. Noch in seinem Schweigen klingt etwas mit vom explosivsten deutschen Wort, dem »Ehrenwort«. Das gaben andere auch, hier klingt's wirklich nach Ehre.

Ehre ist auch dem ehemaligen Gymnasialdirektor Richard Zurek ein Grundwort. Im Roman »In seiner frühen Kindheit ein Garten«. Zureks Sohn, seit Jahren im antistaatlichen Untergrund, war zu Tode gekommen. Erschossen? Selbstmord? Ein Terrorist? Wie viele unglückliche Begegnungen mit staatlicher Willkür verträgt ein junger Mensch, ohne wegzudriften? Der alte Westdeutsche Zurek, ein Muster an Loyalität, wird auf der Suche nach dem Sohn, den er lang vor dessen Tod verlor, auch den Glauben an jene Ordnung verlieren, der er treu gedient hat. Ein Abschied vom Trugbild der aufgeklärten Bürgergesellschaft.

Heins Prosa ist sperriger Realismus aus Knappheit und Mählichkeit. Es gibt in seinen Büchern keine glaubhafte Versicherung gegen Unrecht, auf das jede Ordnung letztlich baut. Immer steht der Selbsterhaltungstrieb eines Staatswesens gegen jene, die Anstand für eine politische Kategorie halten. Hein ist Utopist, das klingt seltsam, aber er ist es nicht im Sinne falscher Hoffnungen auf eine andere Welt - er ist Utopist im Geiste einer störrischen Vernunft, der Zukunft nicht ausgehen möge. In der es schon viel bedeutet, eine furchtbare Wahrheit einfach nur auszusprechen und sich, wenn's not tut, abzustoßen von zu tiefer Gläubigkeit an die herrschende Regel des Verhaltens.

Gegen das herrschende Gesetz übrigens erschien 1985 in der DDR der erwähnte Roman »Horns Ende«. Zwei Jahre Kampf gegen die Zensur. Dann ließ Elmar Faber vom Aufbau-Verlag einfach drucken, ohne Erlaubnis. Ein einmaliger Vorgang. Die Obrigkeit forderte daraufhin eine »Lösung des Falles Hein«. Weg mit Schaden, über die Grenze am besten! Hein erinnert sich an eine Reaktion des Politbüromitglieds Kurt Hager: Der »erwiderte einem, der sich gegen eine ›Lösung des Falles Hein‹ wandte: Auf einen Fall mehr oder weniger komme es nicht an. Ein klassischer Satz.« Klassisch zynisch. Herrschaft eben. Und weitere Totenflecke auf der roten Weste der Idee.

Christoph Hein blieb - und blieb rücksichtslos distanziert. Sagt seit jeher schreibend Ja zum Nein. Das wegführt von Zentralismen. Ziele fortan auf Umwegen suchen? Ohne Hass, ohne Eifer? Es ist möglich - »das ist der eigentliche Humor dieser Welt«. So lächelt der Dichter. Hein? Ein Dichter? Klar: Gedichte. Aus seiner Feder. Der Freund Hans-Eckardt Wenzel hat sie vertont, gesungen, »Masken« heißt die CD. Lyrische, musikalische Porträts unserer grandiosen Fähigkeit, Erinnerung zu kostümieren: Am Ende war alles so, dass es für uns spricht. Ja. Nein!

Heute wird Christoph Hein 70 Jahre alt.

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