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Niedersächsischer Gedenk-Eintopf

In Wennigsen wollen SPD und FDP am 9. November »Schicksalstag« feiern

Für die Nazi-Pogromnacht, die Grenzöffnung 1989 und weitere Ereignisse des 9. Novembers soll ein gemeinsamer Gedenktag geschaffen werden. Antifaschisten verurteilen dieses Ansinnen.

Wenn wir den 9. November als »Schicksalstag der Deutschen« begehen, dann packen wir so viel Schicksal wie möglich in ihn hinein. Dieses Motto mag die Ratsfraktionen von SPD und FDP im 14 000 Einwohner zählenden Wennigsen zu dem Antrag bewogen haben, mit dem sie den Kalender der Gemeinde bereichern wollen. »In seiner komplexen Bedeutung« solle das Datum der Einwohnerschaft ins Gedächtnis gerufen werden. Der Gedenkkomplex, den Sozial- und Freidemokraten in dem nahe Hannover gelegenen Ort ersonnen haben, umfasst gleich fünf historische Ereignisse. Sie sollen in einer jährlichen Feier mit dem Titel »Der 9. November in der deutschen Geschichte« gewürdigt werden. Ein Sammelsurium, ein unwürdiger Gedenk-Eintopf, meinen Kritiker.

Um diesen Topf bis an den Rand zu füllen, haben die Gedenkaktivisten sogar den Märzrevolutionär Robert Blum »ausgegraben«, der wegen seines entschlossenen Engagements für die Demokratie zum Tode verurteilt und am 9. November 1848 in Wien erschossen wurde. An Blum soll zu besagtem Datum ebenso erinnert werden wie an die Proklamation der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann 1918 und an Hitlers Umsturzversuch 1923 in München. Und der Reichspogromnacht, dem organisierten Naziterror gegen jüdische Menschen im Jahr 1938, folgt auf der Gedenkliste von SPD und FDP das ehemalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski. Er wird im Wennigser Papier mit den Worten »ab sofort« zitiert. Mit ihnen habe er, nach dem Beginn der neuen Reiseregelung gefragt, am 9. November 1989 »die neue Freiheit besiegelt«.

Das Gedenk-Konglomerat hat über Wennigsen hinaus Beachtung gefunden. Der Landesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) bekam Wind von der Sache und appelliert nun an den Gemeinderat: Er möge es ablehnen, den 9. November als »deutschen Schicksalstag« zu benennen. Wenn die Pogromnacht zu einem Ereignis unter vielen erklärt werde, relativiere das den Naziterror. Der 9. November sei neben dem 27. Januar - Befreiung des KZ Auschwitz - der bedeutendste Gedenktag für die Toten des Holocaust. Eine Vermischung mit anderen Ereignissen sei eine Beleidigung der Opfer.

Das bisherige Gedenken an die Novemberpogrome der Nazis dürfe nicht durch einen »Schicksalstag« ersetzt werden, fordert auch das Bündnis gegen Rechtsextremismus aus Bad Nenndorf. Alljährlich initiiert diese Gemeinschaft bunte Aktionen gegen den Aufmarsch von Neonazis. In ihrer Resolution, unterzeichnet auch von der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, mahnen die Nenndorfer: Die vom Hitlerregime inszenierten Gewalttaten gegen die Juden »haben mit Schicksal nichts zu tun«. Die Erinnerung an den Holocaust hebe den 9. November deutlich hervor, er dürfe nicht um andere Ereignisse erweitert werden.

Demnächst befasst sich ein Ausschuss des Gemeinderates mit der Sache. Sollte der Wunsch von SPD und FDP erfüllt werden, dürften die Wennigser mit ihrem »Schicksalstag« ziemlich allein dastehen. Bei der Internetrecherche ist in ganz Deutschland kein Ort zu finden, der mit solch geballter Gedenkladung am 9. November aufwartet. Auf ihrer Liste haben die Wennigser übrigens jemanden unterschlagen: Karl Liebknecht. Auch er proklamierte am 9. November 1918 die deutsche Republik - eine freie sozialistische.

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