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Ein Leben voller Brüche und erhoffter Siege

»Gelindes Grausen« - Erich Loests Tagebuch seiner letzten beiden Lebensjahre

  • Von Matthias Biskupek
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Verlag hat ein großes, schweres Buch in sehr großzügiger Typographie aus den letzten Tagebuchnotizen Erich Loests gemacht; die Stiftungen der Sparkasse Leipzig haben daran ihren Anteil. Im umfangreichen Foto-Einschüben sind deren Vertreter denn auch recht oft abgelichtet. Man findet zum Teil auch unbekannte Bilder aus Loests Mittweidaer Jugendzeit. Vor allem aber viele farbige Festlichkeiten - mit Bundespräsident und Ehrendoktorhut, mit Stadtoberhäuptern, Schriftstellern, Malern und auch Leuten, denen Loest in seinen Notizen grollt.

Vom bekannten Ende her - Loest stürzte sich am 12. September 2013 aus dem Fenster der Leipziger Universitätsklinik - liest man letzte Eintragungen eines Schriftstellers anders, hellsichtiger, mitleidvoller. Der Buch-Nachtrag der Lebensgefährtin Linde Rotta tut ein übriges: Sie beschreibt die letzten vierzehn Lebenstage Erich Loests im Krankenhaus, ihre täglichen Besuche, die Berg- und Talfahrt einer Krankengeschichte, Loests Drängen auf Redigieren und Weiterführen des Tagebuchs.

»Gelindes Grausen« setzt vor den Feiern zum 85. Geburtstag ein. Das »Letztbuch« »Man ist ja keine achtzig mehr« ist gerade erschienen, darin ein unerquicklicher, um nicht zu sagen unappetitlicher Streit mit seinem ältesten Sohn. Auch in diesem Tagebuch gibt es Streit in Menge, vor allem um ein Bild von Reinhard Minkewitz, das Loest der Universität stiften möchte, ein Gegenbild zu Tübkes berühmtem »Arbeiterklasse und Intelligenz«. Loest möchte auch die Deutungshoheit über den 9. Oktober 1989 in Leipzig. Die damaligen Akteure um Kurt Masur und Bernd-Lutz Lange teilen seine Sicht aber nicht.

Ja, er ist rechthaberisch, dagegen kommt sein Humor nicht immer an, seine manchmal kleinen, oft aber feinen Beschreibungen von Gastereien, Ausflügen und dem Grauen mit und vor dem Alter: »Wer von ›Schönheit des Alters‹ redet, war noch nie dort und hat keine Ahnung.«

Hier gelingt ihm eine feine Parodie im Chandler-Stil und da gelingt ihm zum Tode von Christa Wolf so gar nicht die passende Notiz. Er führt die alte Feindschaft zu den Linken, den Erben seiner einstigen Partei, weiter, doch die erwünschte Freundschaft zur SPD funktioniert nicht. Man hört den Ton des Romanciers, für den die einstige DDR-Roman-Marke »Spannend erzählt« wie auf wenige zutrifft und wundert sich, dass der Hass eines DDR-Sachsen auf Berlin noch immer nicht abgeklungen ist.

Als Mittweidaer Landsmann und in den Neunzigern ihm gelegentlich naher Kollege hätte der Rezensent sich ein anderes Allerletzt-Buch gewünscht. Doch wäre ein versöhnlicherer, weniger polternder, ein gerechterer Text diesem Leben voller Brüche, Niederlagen und dringend erhoffter Siege angemessen?

Vieles steht über den Freitod im Buch, mal besonnen, mal im Loestschen Duktus: »Am einfachsten und andere am wenigsten belastend ist der Freitod durch Schlaftabletten ... Die Abschlusspackung sollte rezeptfrei in den Apotheken zu kaufen sein. Meinetwegen mit einem schwarzen Bändchen drum rum. Die nette Verkäuferin murmelt ›Mein Beileid‹. Und tschüss.«

Erich Loest: Gelindes Grausen, Tagebuch 2011-2013. Mitteldeutscher Verlag. 336 S., geb., 34,95 €.

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