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Riga lockt mit Schengenvisa - nur ungern Russen

Wer in Lettland Immobilien erwirbt, kann die »Eintrittskarte für Europa« lösen

  • Von Toms Ancitis, Riga
  • Lesedauer: 4 Min.
Hunderte Millionen Euro hat Lettland bisher durch die Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen gegen Immobilienkauf verdient. Nun will die Regierung den »Preis« für ein Schengenvisum erhöhen.

Jinan Li steht im Hof eines Wohngebäudes in Riga und telefoniert. Kaum hat er ein Gespräch beendet, klingelt das Telefon schon wieder. Alle Anrufer sprechen chinesisch und interessieren sich für dasselbe Thema: Wohnungen und Häuser.

Jinan Li berät Landsleute aus China beim Immobilienkauf in Lettland. »Ich habe keine Ahnung, woher die meine Nummer bekommen. Ich werbe gar nicht«, sagt er. Er freue sich zu helfen und werde dafür auch belohnt, aber langsam werde es anstrengend. »Die Zahl der Anrufer ist derart gestiegen, dass ich überfordert bin. Es bleibt mir fast keine Zeit mehr für meine kleine Tochter. «

Bereits seit 2010 vergeben die Behörden in Riga Aufenthaltsgenehmigungen samt Schengen-Visa an Ausländer, die in Lettland eine Immobilie erwerben. Im Vergleich mit anderen EU-Länden, die solche Investmentprogramme anbieten, ist Lettland billig: Mindestens 142 000 Euro muss man in Riga und Umgebung in den Immobilienkauf investieren, um eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Außerhalb der großen Städte liegt die Mindestsumme sogar nur bei 71 000 Euro. Anfangs kamen die Interessenten, die damit ein »Ticket in den Schengenraum« erwerben wollten, überwiegend aus Russland. Doch in letzter Zeit wächst das Interesse in China: mehrere Hundert Chinesen kommen jedes Jahr.

Jinan Li ist selbst einer von ihnen. Vor zwei Jahren erwarb er eine Wohnung in der lettischen Kleinstadt Ozolnieki. »Ich fühle mich hier wohl«, sagt der 33-Jährige. In Lettland sei die Lebensqualität besser als in Peking: »Die Luft ist frischer, es gibt es mehr Platz und schöne Landschaften.« Eine feste Stelle hat Li in Lettland nicht. Mal hilft er einer chinesischen Firma, Geschäfte zwischen Deutschland und China zu organisieren, mal bekommt er Geld von Leuten, denen er hilft, eine Immobilie zu finden: »Vielleicht suche ich mir hier einen Job, wenn meine Tochter größer ist.«

»Die Immobilienpreise in China sind zurzeit so hoch wie nie«, erläutert Li. Am Pekinger Stadtrand koste eine Wohnung 3000 bis 4000 Euro pro Quadratmeter, im Zentrum sogar 10 000 Euro. Um nach Lettland auswandern zu können, genüge es also, wenn man die Eigentumswohnung in China verkauft, in der man wohnt. »Das reicht nicht nur für eine schöne Wohnung am Stadtrand von Riga, die vielleicht 2000 Euro pro Quadratmeter kostet, es bleibt sogar noch so viel übrig, dass man davon lange Zeit leben kann.«

In Ozolnieki, 4000 Einwohner, 36 Kilometer von Riga entfernt, gehören heute bereits 60 Wohnungen Staatsbürgern Chinas. Tendenz steigend. Anderswo fallen ein paar Chinesen mehr oder weniger vielleicht nicht auf, aber Lettland mit seinen 2 Millionen Einwohnern ist kein typisches Einwanderungsland. Im Gegenteil: Nach Schätzungen haben rund 200 000 Einwohner das Land seit dem EU-Beitritt verlassen, 10 Prozent der Bevölkerung. Sie sind nach Irland, Großbritannien, Deutschland und Skandinavien gezogen und haben Wohnungen und Häuser in der Heimat hinterlassen. Auch in Ozolnieki standen vor einigen Jahren viele Wohnungen leer. Für eine Zwei- bis Dreizimmerwohnung fand sich selbst bei Preisen von 20 000 oder 30 000 Euro nur schwer ein Käufer. Jetzt gibt es kaum mehr Wohnungsangebote unter 70 000 Euro in Ozolnieki - weil gerade das die Mindestsumme war, die Ausländer investieren mussten, um eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen zu können.

Das Leben in Ozolnieki hat sich verändert, gibt Mārtiņš Prīsis zu, ein Einheimischer. »Meine Nachbarn sind Chinesen. Da vorne lebt noch eine chinesische Familie, und in dem Gebäude über die Straße sind die Wohnungsbesitzer auch chinesisch.« Er habe sich daran gewöhnt. »Das sind nette Leute. Ich finde es auch gut, dass durch den Immobilienverkauf zusätzliches Geld in den Staat fließt.« Die Postfrau Inga ist anderer Meinung: »Ich habe nichts gegen die Chinesen. Aber es ist doch traurig, dass unsere Leute das Land verlassen und Fremde hierher kommen.«

Die Mehrzahl der Chinesen lebt allerdings gar nicht in der Kleinstadt. Für sie sind Wohnungen und Häuser lediglich die Eintrittskarte nach Europa, sie besuchen ihr Eigentum nur ab und zu, sagt Pēteris Veļickis, Ozolniekis Bürgermeister. »Die bei uns wirklich wohnen, die sind gut integriert, lernen Lettisch und schicken ihre Kinder in die lettische Schule.«

Insgesamt sind durch das Geschäft mit Aufenthaltstiteln seit 2010 über 600 Millionen Euro nach Lettland geflossen. Der Verein lettischer Immobilienmakler rechnet sogar mit rund 2 Milliarden Euro. Damit rettete sich der Immobiliensektor aus einer tiefen Krise, in der er vor einigen Jahren steckte.

Aber die mitregierende Nationale Allianz forderte schon im vergangenen Jahr, dass das Investmentprogramm beendet wird, weil es »eine moderne Kolonialisierung« einleite, den »lettischen Kulturraum« begrenze und die Wohnungssuche für einheimische Familien erschwere, denn die Preise für Eigentumswohnungen sind wegen des Zustroms aus dem Ausland gestiegen. Freilich ist die Partei weniger wegen der Chinesen besorgt als viel mehr wegen der Immobilienkäufer aus Russland. Die Regierungskoalition fand kürzlich einen Kompromiss: Die Mindestsumme eines Immobilienkaufs, der zum Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung berechtigt, wird auf 250 000 Euro erhöht.

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