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»Herzen gesunden« mit Kultur

In Neapels Problembezirk Sanità entsteht eine faszinierende Alternative zur Camorra

Schlagzeilen macht das Quartier Sanità in Neapel meist wegen blutiger Camorrafehden. Dank der Restaurierung frühchristlicher Kapellen durch einige Jugendliche mausert sich der Kiez inzwischen zum Kultort. Und die Aktivisten fanden dank ihrer Initiative Arbeit und Unabhängigkeit. Mit dem ansässigen Priester und Auslöser der Entwicklung, Antonio Loffredo, sprach Tom Mustroph für »nd«.

nd: Padre Antonio, was war Ihr erster Eindruck, als sie 2001 in die Sanità kamen?
Padre Antonio: Ich bin in der Innenstadt Neapels aufgewachsen, habe dann aber 15 Jahre als Priester in der Peripherie gearbeitet. Als ich zurückkam, war mir klar, dass man für die vielen Wunden hier neue Strategien finden musste. Ein Jahr lang beobachtete ich in aller Stille. Dann habe ich bemerkt, dass ein Ausweg nur über die Kultur zu finden war. Wir haben hier ja besondere Schätze: die Kirchen, die Katakomben, die Paläste. Das meiste war allerdings verwahrlost und vom Müll verschüttet. Und so haben die jungen Leute, als sie diese Schätze freigelegt haben, gleichzeitig den Schutt von ihren Herzen geräumt. Das hat auf das gesamte Viertel abgefärbt und bietet jetzt sogar eine wirtschaftliche Basis.

Wieviele Arbeitsplätze sind entstanden?
Ungefähr 40 Leute haben eine Festanstellung in den verschiedenen Assoziationen als Führer durch die Katakomben, im Bed and Breakfast, der Kinderbetreuungsstelle und der Handwerksabteilung. Die Effekte reichen aber weiter. Vom Touristenstrom - im letzten Jahr hatte allein die Katakombe San Gennaro 30 000 Besucher - profitieren auch die Geschäftsleute des Viertels. Die Pizzeria »Tre Santi« hat deshalb eine Pizza mit dem Namen unserer Stiftung kreiert.

Die Anfänge wurden im Untergrund Ihrer Kirche mit der Wiederherstellung der Katakomben San Gaudioso gemacht?
Ja. Wir haben hier im Kleinen ausprobiert, was wir dann mit San Gennaro umgesetzt haben: Mit dem Tourismus das Ghetto befreien. Wir achten aber auch darauf, dass sowohl wir als auch das Viertel mit der Entwicklung mitwachsen. Wir haben deshalb auf den sehr aggressiven Kreuzfahrt-Tourismus verzichtet.

Eine spektakuläre Aktion war die Besetzung des unterirdischen Friedhofs Fontanelle. Was hat Sie, einen Priester, dazu gebracht, gemeinsam mit ein paar Jugendlichen eine Stätte, in der etwa 30 000 Schädel lagern, zu erobern?
Unsere Leute, die die beiden Katakomben managen, waren sehr erbost darüber, dass die Kommune auch fünf Jahre nach der Restaurierung der Fontanelle diesen besonderen Ort nicht für das Publikum öffnete. Also sind wir abends dort hineingegangen, haben die Nacht mit Musik, Tee und Kartenspielen verbracht und die dauerhafte Öffnung erreicht. Jetzt passen wir auf, dass die Kommune keinen Unsinn anrichtet.

Das Verhältnis zur Staatsmacht scheint mir von einer gesunden Portion Skepsis geprägt. Wie ist das Verhältnis zur anderen Großinstitution, der in diesem Viertel stark verwurzelten Camorra?
Sie ist hier stark verwurzelt, das stimmt. Sie bereitet uns aber keine Probleme. Was man von außen nicht so wahrnimmt, ist, dass bei ihr ja auch ein Stolz auf die Kunstschätze hier im Viertel ausgeprägt ist. Und auch Camorristi wollen nicht unbedingt, dass ihre Kinder ihren eigenen Lebensstil kopieren. Sie wünschen für ihre Kinder ebenfalls eine Zukunft. Und so kann es sein, dass ein Junge auf der Piazza vor der Kirche Drogen verkauft und sein Bruder bei uns im Orchester spielt.

Die Camorra fährt also zweigleisig?
Es gibt keine genetische Disposition für das Verbrechen. Wir zielen auch gar nicht darauf ab, jemanden von etwas abzuhalten. Wenn dies geschieht, so sind dies positive kollaterale Effekte. Uns kommt es darauf an, dass die Herzen gesunden.

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