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»Es kommt auf das Konsummuster an«

Drogen-Experte Rüdiger Schmolke über die Risiken von Ecstasy, Speed und anderen Partydrogen

nd: In einigen Wochen beginnt wieder die Zeit der Open-Air-Festivals. Freuen Sie sich schon darauf?
Schmolke: Auf jeden Fall. Dort treffen wir nämlich die jungen Menschen, die wir informieren, begleiten und unterstützen wollen.

Neben Infoständen begleiten Sie solche Partys auch mit Drogenberatung und manchmal einer Notfallbetreuung. Was für Drogen nimmt die Jugend heutzutage?
Die Volksdroge Nummer eins ist natürlich nach wie vor der Alkohol. Also sind Bier, Wein und Schnaps auch die Partydroge Nummer eins. Aber je nach Veranstaltung spielen auch Cannabis, das inzwischen sehr breit verfügbar ist, und andere illegalisierte Drogen eine Rolle.

In manchen US-Bundesstaaten ist Cannabis entkriminalisert. Wie gefährlich ist diese Droge eigentlich?
Da kommt es sehr stark auf das Konsummuster an. Man kann nicht sagen, dass Cannabis gut oder schlecht sei. Der Konsum ist aber mit Risiken verbunden, die bereits gut erforscht sind. Gesamtgesellschaftlich gesehen, sind diese gering, doch individuell kann der Konsum für die eine
Person problemlos sein, während er für die andere risikoreich ist.

Wie sieht ein problematisches Konsummuster aus und wie häufig kommt es vor?
Tatsächlich kann ein Dauerkonsum oder ein intensiver Konsum von Cannabis jemanden in seiner Lebensführung beeinträchtigen. Das ist jedoch nicht die Regel, sondern betrifft nur einen kleinen Teil der Konsumenten.

Sie begleiten vor allem Partys in der Techno-Szene. Welche Drogen nehmen die Gäste solcher Veranstaltung vor allem?
Da spielt eine ganze Palette von Substanzen, die auch illegal sind, eine Rolle. Besonders angesagt sind natürlich die Aufputschmittel. Mittlerweile gibt es diesbezüglich eine Vielzahl von Stoffen, die gehandelt werden - zum Teil halb oder komplett legal. Doch auch die »alten« Drogen wie Ecstasy, Amphetamine, Speed, Kokain und LSD spielen nach wie vor eine große Rolle.

Wie verbreitet ist deren Konsum?
Dazu gibt es keine genauen Zahlen. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass bis zu drei Prozent der Menschen in Deutschland schon Erfahrungen mit synthetischen Drogen gemacht haben. In der Techno-Szene sind es mehr, da diese Drogen dort gewissermaßen etabliert und kulturell eingebettet sind.

Und der Konsum dieser Drogen ist unproblematisch?
Natürlich sind auch diese Substanzen mit gewissen Risiken verbunden. Partydrogen können Probleme machen. Wenn man sich jedoch vorher über die Drogen informiert, Vorsichtsmaßnahmen trifft und sie bewusst probiert, dann kann das ein risikoarmer Konsum sein.

Welche Risiken bestehen?
Das größte Risiko ist eine Überdosierung. Auch bei Partydrogen kann dies zum Tod führen. Doch im Vergleich zu Alkohol, an dessen Konsum jährlich mindestens 70 000 Menschen sterben, sind dies bei den Partydrogen absolute Einzelfälle. Mit Intensität und Dauer des Konsums steigt auch die Gefahr von Neben- und Folgewirkungen. Auch nicht zu unterschätzen ist die Gefahr des sogenannten Filmrisses. Also dass man, wie beim Alkohol auch, das Bewusstsein verliert. Vor allem Frauen sind dann nur noch eingeschränkt vor Übergriffen geschützt.

Was raten Sie Personen, die dennoch diese Drogen ausprobieren möchten?
Sie müssen erst einmal wissen, welches individuelle Risiko der Konsum mit sich bringt. Dazu gehören Fragen wie: Bin ich gut informiert, bin ich körperlich und geistig stabil? Aber zum Beispiel auch, ob es gewisse Vorerkrankungen in der Familie gibt, die das Risiko etwa einer Psychose oder Depression erhöhen. Eine wichtige Grundregel ist daneben, dass der Konsum offen unter Freunden kommuniziert wird. Man sollte nie eine höhere Dosis nehmen, als man sagt, und vor allem nicht alleine konsumieren. Auch sollte immer jemand dabei sein, der nüchtern bleibt und notfalls Hilfe holen kann.

Kann man als Konsument überhaupt sicher sein, dass in den Pillen, die man kauft, auch der Wirkstoff drin ist, den man haben will?
Das können Sie bei illegalen Drogen nie sein, und das ist ein großes Problem. Im Gegensatz zu legalen Produkten gibt es auf dem Schwarzmarkt keine Qualitätskontrollen, und besonders bei synthetischen Drogen ist es sehr schwer nachzuprüfen, was man da genau zu sich nimmt.

In Ländern wie der Schweiz werden deswegen Drogenchecks gemacht ...
Auch wir engagieren uns dafür im Rahmen der Drugchecking-Initiative. Auf der Internetseite drugchecking.de weisen wir ausführlich darauf hin, welche Möglichkeiten der Substanzanalyse es gibt. Das Drugchecking, also das anonyme Testen von illegalen Drogen auf Partys, wie es in anderen europäischen Ländern angeboten wird, wäre auch hierzulande ein gutes Mittel für die Drogenarbeit. Dadurch würden Risiken minimiert und die Konsumenten an einen bewussteren Gebrauch der Substanzen herangeführt.

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