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Umkämpfte Universalität

Judith Butler, Ernesto Laclau und Slavoj Zizek diskutieren aktuelle linke Theorie

Mit den neuen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre haben sich die Perspektiven linker Theorie verschoben. Hatte bis dahin die Analyse des Kapitalismus im Mittelpunkt der Auseinandersetzung gestanden, so fächerte sich die Sicht nun auf. Rassismus, Naturverhältnis, die Diskriminierung von Homosexuellen oder die Normierung in Schule, Strafanstalten und Familie rückten ins Zentrum der Debatten. Die häufig als »postmodern« adressierte dekonstruktivistische und poststrukturalistische Linke wandte sich von den Universalitätsansprüchen des Marxismus ab und den gesellschaftlichen Einzelverhältnissen zu. An die Stelle der Meta-Theorie rückten historiographische Beschreibungen sozialer Entwicklung.

Mittlerweile scheint das Pendel wieder in die entgegengesetzte Richtung zu schwingen. Der globale Siegeszug des Kapitalismus veranlasst Theoretiker dazu, von Neuem über die Totalität ökonomischer Beziehungen nachzudenken. Man stellt fest, dass Kapitalakkumulation Gesellschaften über jede kulturelle und sexuelle Differenz hinweg bestimmt. Doch nach wie vor unbeantwortet bleibt dabei die Frage, wie sich diese universelle Zwangsbeziehung gegenüber jenen Bewegungen verhält, die das Recht auf Differenz verteidigen. Lassen sich Emanzipationsbestrebungen einfach addieren oder gibt es, wie es Marx einst für die Arbeiterbewegung postulierte, doch so etwas wie Hauptwidersprüche, die andere Befreiungsanliegen repräsentieren?

Bereits Ende der 1990er Jahre erschien zu dieser Frage ein gemeinsames Diskussionsbuch von Judith Butler, Slavoj Zizek und dem vor wenigen Tagen verstorbenen britisch-argentinischen Philosophen Ernesto Laclau, das merkwürdigerweise erst jetzt in einer - von Gerald Posselt trefflich eingeleiteten - deutschen Übersetzung vorliegt. Bemerkenswerterweise bestehen zwischen den drei Autoren, die drei völlig unterschiedliche Theorieschulen repräsentieren - einen dekonstruktivistischen Feminismus, einen popkulturell und psychoanalytisch geschulten Neomarxismus und einen lateinamerikanisch inspirierten Linkspopulismus -, wichtige Übereinstimmungen. Sowohl Butler als auch Zizek und Laclau verteidigen das Konzept universeller Rechte, sind sich gleichzeitig aber auch einig, dass die angestrebte Universalität unvollendet bleiben muss.

So beschreibt Butler das Universelle als etwas Konkretes, das notwendigerweise ausschließend ist und deshalb durch politische Mobilisierung unablässig erweitert werden muss. Die Tatsache, dass die bürgerlichen Menschenrechte in erster Linie die Rechte weißer, bürgerlicher Männer postulierten, stellle die Menschenrechte nicht als solche in Frage. Es gelte vielmehr, diese Partikularität (die mit einer Normierung einhergeht und insofern ausschließend wirkt) offen zu legen und anzugreifen. Die Kämpfe von Schwarzen, Frauen, Homosexuellen, Migranten usw. um Inklusion definieren das Universelle damit ständig neu, schaffen aber auch neue Normierungen, die es erneut zu kritisieren gilt.

Laclau, der sprachtheoretisch, psychoanalytisch und gramscianisch argumentierende Populismus-Theoretiker, kommt zwar zu einer ähnlichen Schlussfolgerung, leitet diese jedoch ganz anders her. Laclau behauptet, dass politische Verhältnisse - anders als von Marx postuliert - eben nicht materiell bestimmt sind, sondern immer erst durch politische Interventionen entwickelt werden. Dementsprechend gibt es eben keine Klasse, die durch ihre soziale Stellung objektiv dazu »bestimmt« ist, die Gesellschaft zu befreien. Welche Gruppe oder welches Anliegen eine führende, »universelle« Rolle entwickelt, sei das Ergebnis von kontingenten, nicht ökonomisch determinierte Prozessen. Konkret: Die Bolschewiki machten nicht deshalb 1917 die Revolution, weil sie die Arbeiterklasse repräsentierten, welche wiederum »objektiv« ein revolutionäres Subjekt darstellte, sondern weil sie mit ihrer Politik Forderungen etablierten, durch die sich eine Vielzahl von Gruppen repräsentiert sahen. Die partikulare Parole »Brot, Frieden, Freiheit« sei - so Laclau - ein »leerer Signifikant« gewesen, in den sich unterschiedliche Forderungen und Wünsche einschreiben konnten. Und genau dies sei der Kern von »Hegemonie«: Eine konkrete, partikulare Bewegung oder Forderung sei politisch erfolgreich und erlange dadurch universelle Bedeutung. Dieser Deutungsprozess sei nie abgeschlossen; die Hegemonie bleibe immer umkämpft.

Auch der slowenische Philosoph Slavoj Zizek distanziert sich von einem »marxistischen Essentialismus«, bei dem dem Proletariat »die revolutionäre Mission« sozusagen »ins gesellschaftliche Sein eingeschrieben« wird. Zizek erkennt die Bedeutung von Kontingenz an. Dennoch widersetzt er sich den »postmodernen« Interpretationen seiner Kollegen, die gesellschaftliche Verhältnisse in erster Linie durch Sprache und Performanz hergestellt sehen und damit für relativ frei definierbar halten. »Postmoderner Politik«, schreibt Zizek, »kommt sicherlich das große Verdienst zu, dass sie eine Reihe von Bereichen ›repolitisiert‹ hat, die zuvor als ... ›privat‹ angesehen wurden; dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass sie den Kapitalismus nicht wirklich repolitisiert, da gerade der Begriff und die Form des ›Politischen‹, in denen sie operiert, in der ›Entpolitisierung‹ der Ökonomie gründet.« Dadurch nämlich, dass »die Märkte« in den neuen kritischen Theorien des Post-Marxismus kaum auftauchen, werden sie als soziales Verhältnis unsichtbar gemacht und verwandeln sie in rein technische Operationen oder gar in »Natur«. Zizek hält hier aus gutem Grund an Marx fest.

Wer sich für radikale Theorie der Gegenwart interessiert, kommt um diesen Diskussionsband nicht herum. Die dialoghafte Struktur - nachdem zunächst jeder Autor bis zu zehn Fragen formuliert hat, folgen drei Diskussionsrunden, in denen auf die Texte der Kollegen erwidert werden kann - zeigt, wo tatsächlich unüberbrückbare Differenzen bestehen und welche Widersprüche nur unterschiedlichen Begrifflichkeiten geschuldet sein könnte. Der erste Lektüredurchgang ist nicht ganz einfach. Als philosophische Debatte angelegt werden die Diskussionen auf hohem Abstraktionsniveau und anhand von zahlreichen Hegel- und Lacan-Verweisen geführt. Doch der Einfluss, den Butler, Laclau und Zizek auf reale politische Bewegungen ausgeübt haben (und sei es auch nur indirekt), ist so groß, dass die konkret-politische Dimension doch recht schnell deutlich wird. Ein Buch, das mehr zur Praxis zu sagen hat, als es auf den ersten Blick scheint.

Judith Butler/ Ernesto Laclau /Slavoj Zizek: Kontingenz, Hegemonie, Universalität. Aktuelle Dialoge zur Linken. Verlag Turia+Kant, Wien. 408 S., geb., 40 €.

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