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Müllabfuhr, bitte!

Stefan Gärtner polemisiert

»Was die Lues [Syphilis] übriggelassen hat, wird von der Presse verwüstet werden. Bei den Gehirnerweichungen der Zukunft wird sich die Ursache nicht mehr mit Sicherheit feststellen lassen.« Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus wusste noch, dass das ihm so verhasste »Preßwesen« einem niederträchtigen Tun nachgeht: das Unwissen vermehren, lügen, hetzen, die Sprache und mit ihr das Denken zerstören.

Heute, in einer Zeit, in der legale Verblödungsanstalten wie RTL 2 die gesellschaftliche Diskurshoheit besitzen und Reklame und »Infotainment« genannte Lumperei (»Heute begleiten wir Sandra beim Shoppen - Sandra, welche Größe haben deine Dessous?«) nahtlos ineinander übergehen, ohne dass dies wem auffiele oder gar irgendwen störte, interessiert das die wenigsten. Im fortgeschrittenen Spätkapitalismus ist der Verstand, der noch übrig ist, auf dem langen Marsch in die innere Emigration.

Einer derjenigen, die noch nicht den Versuch aufgegeben haben, der drohenden totalen geistigen Umnachtung mit ihrem Restverstand entgegenzutreten, ist der linke Sprachkritiker, Polemiker und ehemalige »Titanic«-Redakteur Stefan Gärtner, der der in Medien, Politik und Öffentlichkeit grassierenden Tendenz zur Hohlheit und zur Propaganda mit derselben Verve und Unversöhnlichkeit entgegentritt, mit der einst Voltaire den Schönschwätzern und Gesundbetern seiner Zeit seinen Pessimismus entgegenschleuderte. In seinem allmonatlich in »Titanic« publizierten politischen Essay und seiner sonntäglich online erscheinenden Kolumne »Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück« pflegt er eine radikale Ideologie- und Gesellschaftskritik in einem für unsere Zeit ungewöhnlich elaborierten Stil - in ein und demselben Text gleich zweierlei also, das im politischen Feuilleton dieser Tage als praktisch ausgestorben betrachtet werden kann: Ideologiekritik und Stil. Gärtner ist vor allem ein präziser Medienbeobachter. An Zeitungen und am Fernsehen beklagt er, wie er einmal schrieb, vor allem einen »Verlust von Vielfalt« und einen »Zug ins Eindimensionale und Infantilistische«, von dem er »nicht glaube, dass er geistiger wie gesellschaftlicher Freiheit dienlich« sei. Gärtner ist also ein Moralist, ein Pedant, ein grandioser Besserwisser, einer, der Adorno und Kraus gelesen hat, einer, der es ernst meint mit seiner Kritik, einer also, den man nicht gern als Innenminister hätte.

Kaum etwas, das Gärtners scharfem Urteil entginge: nicht der Journalismus bzw. der Kulturbetrieb insgesamt, in dem überwiegend Stammel- und Stummeldeutsch geschrieben und gesprochen wird und in dem »nichts mehr Gedanke und alles Phrase« ist; nicht das schamlose Orwellsche Neusprech der Politiker, eine Mischung aus Technokraten- und Motivationstrainerjargon; nicht die »abiturientenhaften Prosakrämpfe« und der »Symbolquark« der neudeutschen Literaturbetriebsnudeln. Heute abend stellt er sein neues, gemeinsam mit Jürgen Roth verfasstes Buch »Benehmt Euch!« vor, ein »Pamphlet« gegen »Internetvermüller und Handyterroristen«.

Stefan Gärtner liest aus »Benehmt Euch!«, 25. April, Laidak, Boddinstraße 42, 12053 Berlin, 19.30 Uhr

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