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Ohne hinzusehen

Lothar Hentschel, Ex-Bergmann und Linker, hat schon 190 Mal Blut gespendet – und denkt nicht daran aufzuhören.

Er kann nicht hinschauen. Die Kanüle steckt in der Ellenbeuge, das Blut läuft in den Plastikbeutel, der sanft auf einer Art Wippe geschaukelt wird, und Lothar Hentschel öffnet und schließt routiniert die Faust, um den Blutstrom zu beschleunigen. Den Blick aber hält er eisern abgewendet. »Vor Spritzen habe ich Schiss«, gesteht der 71-Jährige. »Und Blut?«, fügt er hinzu, »Blut kann ich schon gleich gar nicht sehen.«

Das sind ja gute Voraussetzungen. Da kann Hentschel wohl von Glück reden, dass man in der Hettstedter Waldschule auch anderswohin schauen kann als auf die Nadel und den Schlauch, durch den ihm wieder einmal ein Quäntchen seines Lebenssaftes abgezapft wird. Sonst müsste er sein Ziel womöglich fahren lassen. Er liegt gerade zum 190. Mal auf einer solchen Liege; wenn alles gut läuft, braucht er noch zweieinhalb Jahre, dann hat er 200 Mal Blut gespendet. 200 Mal einen halben Liter, »das ist fast eine Badewanne voll«, sagt er und lacht. Man kann auch anders rechnen.

200 Blutspenden - das sind im äußersten Fall 600 gerettete Leben. 600 Menschen, die Glück haben, dass Hentschel sich von seiner Abneigung gegen den Anblick von Blut nicht übermannen lässt. Immerhin: Er hat genügend Zeit gehabt, sich an den unangenehmen Gedanken zu gewöhnen. Seine erste Blutspende gab Hentschel vor fast einem halben Jahrhundert, im Dezember 1965. Bis kurz zuvor hatte er unter Tage gearbeitet: im Schacht »Fortschritt«, einer der Gruben, in denen im Mansfelder Land das Kupfererz gefördert wurde. Dann ging er in den Werkzeugbau des Walzwerks Hettstedt, das zum Mansfeldkombinat »Wilhelm Pieck« gehörte. Ein Kollege stachelte ihn an, Hentschel ging - trotz der Aversion gegen Spritzen - mit. Seitdem gehört das Blutspenden zu seinem Leben wie Essen und Zähneputzen. Alle drei Monate legt er sich auf die Pritsche; höchstens fünf Termine sind ihm in all den Jahren durch die Lappen gegangen. Einmal war er zur fraglichen Zeit im Urlaub in Prerow. Zum Glück gab es auch an der Ostsee Gelegenheit zum Spenden. Zwischen Baden und Strandspaziergang ließ sich der Arbeiter aus Hettstedt noch schnell anzapfen.

Ums Geld geht es Hentschel dabei nicht - ganz im Gegenteil. Zwar gab es in der DDR für jede zweite Spende 48 Mark, doch darauf kann er verzichten. »Spende heißt: Man gibt etwas ohne Gegenleistung«, sagt er. Selbst einen Hotelgutschein, den er für seine 50. Spende erhielt, nutzte er nicht. Auch persönliche Betroffenheit scheidet als Motiv aus: Weder er noch Verwandte hätten nach einem Unfall oder einer Operation selbst Blut benötigt. Was treibt ihn dann? »Für mich ist das eine humanitäre Angelegenheit«, sagt Hentschel: Er will helfen und Gutes tun.

So wie bei vielen anderen Aktivitäten, die eher politischer Natur sind - schließlich ist der Mann, der so bereitwillig seinen roten Saft spendet, durch und durch ein Roter. Er war Betriebsrat im Walzwerk; er nahm als Ex-Kumpel am legendären Hungerstreik der Bergarbeiter aus der Kaligrube Bischofferode teil; er war bei über 200 Demos gegen Hartz IV in Aschersleben und sitzt für die LINKE in Stadtrat und Kreistag. In dicken Ordnern hat er Hunderte kämpferische Artikel und Leserbriefe gesammelt, in denen er für seine Überzeugungen streitet. Nicht nur beim Blutspenden scheint große Beharrlichkeit eine Grundeigenschaft.

Es sind vor allem Menschen wie Hentschel, die in Deutschland für den dringend benötigten, steten Nachschub an Blutkonserven sorgen. »Stammspender«, sagt Thomas Bischoff vom DRK-Blutspendedienst NTOSB in Hannover, »sind das Rückgrat der Patientenversorgung.« Zwar bringen es nur wenige auf eine solch stolze Bilanz wie Hentschel; im Einzugsgebiet des NTOSB, das neben Sachsen-Anhalt auch Niedersachsen, Thüringen und Bremen abdeckt, gibt es 283 Menschen, die zwischen 150 und 200 Blutspenden geleistet haben. Doch auch Spender, die bei 25, 50 oder 75 Spenden liegen, sind enorm wichtig. Auf sie stützen sich die Hoffnungen in den deutschen Krankenhäusern, deren Bedarf durch täglich 15 000 Blutspenden gedeckt werden muss. Allein in Sachsen-Anhalt werden 600 Spenden am Tag gebraucht, um Opfern von Unfällen, Operierten und Krebskranken helfen zu können. Zwar kamen im Land allein im vergangenen Jahr 125 141 Spendewillige zu einem der 2200 Termine. Der Bedarf allerdings ist so groß, dass die Reserven jeweils für nur drei Tage reichen.

Dafür, dass sie nicht zu sehr schwinden, ist unter anderem Lothar Hendrich zuständig. Er ist Gebietsleiter beim NTSOB, einem der bundesweit sechs regionalen Spendedienste des DRK. Hendrich schickt täglich sechs Teams los, die mit Lastwagen voller Gerät ausschwärmen und binnen Stunden ein Haus wie die Waldschule in eine Art Poliklinik verwandeln: mit Aufnahme und Arztzimmer, Kantine und »Zapfraum«. Dort stehen neben Kühlgeräten, Präzisionswaagen und Computern auch die sechs Liegen, auf denen sich die Spender für jeweils acht bis zehn Minuten niederlassen: So schnell geht die Blutentnahme. Zuvor muss jeder Spendewillige ein Formular ausfüllen: Gab es Erkrankungen, und wenn ja - welche? Nehmen sie Medikamente? Auch nach Transfusionen, Transplantationen und sogar längeren Aufenthalten im England der 90er Jahre wird gefragt. Weil dort der womöglich auch für Menschen gefährliche Rinderwahn grassierte, nimmt man von Spenden in solchen Fällen vorsichtshalber Abstand.

Ist die Liste abgearbeitet, werden Temperatur und Blutdruck gemessen; für Lothar Hentschel eine niedrige Hürde: Seine Ergebnisse passen eher zu einem jungen Mann als zu einem 71-Jährigen. Der Rentner ist der lebende Beweis, dass es richtig war, eine früher bestehende Altersgrenze für Blutspender aufzuheben. Heute sind 2,9 Prozent der Spender in Sachsen-Anhalt älter als 69. Hentschel war, wie er sagt, nie ernsthaft krank; Pillen und Tropfen brauche er, anders als viele Altersgenossen, nicht: »Höchstens mal eine Aspirin.« Er ist überzeugt, dass die regelmäßigen Spenden und die damit verbundene »Auffrischung« seines Blutes ihren Teil zur guten Gesundheit beitragen.

Auch Ratschläge, wie fürsorgliche DRK-Mitarbeiter sie für Erstspender bereit halten, braucht Hentschel nicht mehr. Trinken, trinken, trinken!, heißt der wichtigste. Wer das beherzigt, sollte die Spende ohne spürbare Folgen verkraften - auch wenn es, anders als einst für die Spender im Walzwerk, keinen Schnaps mehr gibt: »Da haben manche auch zwei oder drei genommen«, lacht Hentschel. Die Entnahme eines halben von insgesamt fünf bis sechs Litern Blut werde, sagt der Arzt, vom Körper binnen Stunden kompensiert; nach acht Wochen dürfe die nächste Spende geleistet werden. Maximal dürfen Männer sechsmal, Frauen viermal im Jahr zur Blutspende kommen.

Schwerer zu verkraften als die eigentliche Blutentnahme sind für Zartfühlende die derben Scherze mancher Spender. Was da in den Beutel fließe, erklärt eine ältere Frau ihrer Enkelin, »kommt heute Abend als Rotwurst auf den Tisch«. Im Interesse der Gewinnung neuer Spender ist zu hoffen, dass dem Mädchen auch der tatsächliche Werdegang erläutert wird.

Der besteht, wie Lothar Hendrich erklärt, in der Untersuchung und Verarbeitung, sprich: der Zerlegung des Blutes. Anders als einst, erhalten Patienten keine »Vollblutspende« mehr verabreicht. Statt dessen wird nach Plasma, roten Blutkörperchen und Blutplättchen getrennt. Letztere sind vor allem für Krebskranke wichtig - und müssen besonders schnell ihre Adressaten erreichen. Sie sind nur 72 Stunden haltbar. Rote Blutkörperchen werden binnen 30 Tagen verbraucht, das Plasma kann zwei Jahre im Frost liegen.

Während sein Blut in einem Dessauer Labor verarbeitet wird, hat Hentschel freilich schon den angenehmsten Teil des Tages hinter sich: das Buffet. Freiwillige haben wie bei jedem Termin in Hettstedt Brötchen belegt, Kuchen gebacken und Soljanka gekocht; für Erstspender gibt es eine kleine Flasche Sekt. Vom »wunderbaren Essen« schwärmt Hentschel auch, wenn er an seine bisher größte Ehrung als Spender zurückdenkt: die Einladung zu einer Veranstaltung anlässlich des »Weltblutspendetages« im Juni 2012 in Berlin. Dort gab es ein Festessen und einen Empfang, bei dem es sich der rote Rentner aus Hettstedt nicht nehmen ließ, dem DRK-Präsidenten und Ex-Kanzleramtsminister Rudolf Seiters ein paar kritische Worte zum Stand der deutschen Einheit mitzugeben. Außerdem gab es eine Stadtrundfahrt und eine goldene Anstecknadel in Form eines Bluttropfens.

Hentschel hat sie zu dem guten Dutzend weiterer Abzeichen gesteckt, die er im Laufe eines langen Spenderlebens erhalten hat. Wenn alles gut läuft, gibt es in zweieinhalb Jahren die nächste: Dann hat Hentschel 200 Blutspenden geschafft - und das alles, ohne auch nur einmal hinzusehen.

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