Am Ende kommt der Riesenrotstift

Tomasz Kajdanski macht in Dessau aus Nikolai Gogols »Revisor« einen aufregenden Tanztheaterabend

Ob das heutzutage so viel anders laufen würde als 1835 irgendwo in Russland? Was Nikolai Gogol da in seiner beißenden Satire an menschlichen, speziell kleinbürgerlichen Verhaltensweisen aufgespießt hat, ist recht zählebig. Warum sollte man den großen Krach und eine Änderung liebgewonnener Gewohnheiten riskieren, wenn ein bisschen Schmieren auch hilft? Dabei muss der Bestochene nicht mal was verlangen. Er muss nicht mal derjenige sein, der eigentlich bestochen werden müsste, damit alles so bleiben kann, wie es ist.

Im Falle von Iwan Chlestakow ist das so. Er ist ein Fremder aus der Großstadt, der zunächst einfach nur seine Rechnung nicht bezahlt. Und schon denken alle, dass das der angedrohte Revisor ist. Also versuchen sie, ihn bei Laune zu halten. Vorneweg der Bürgermeister nebst Gattin, die ihm sogar das Fräulein Tochter andrehen wollen. Aber auch all die anderen Honoratioren. Es kommt, wie es kommen muss: Kurz vor der Hochzeit mit der Tochter des Bürgermeisters ist der vermeintliche Revisor mit vollen Taschen auf und davon. Das Schlimmste aber steht der kleinen Stadt noch bevor, denn jetzt gibt sich der echte Revisor zu erkennen!

Das Stück ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Wahrheit hinter dem Witz versteckt. Herbert Fritsch hat das neulich in München so überdreht, dass es quasi zu tanzen anfing. Der Dessauer Ballettchef Tomasz Kajdanski hat es jetzt zu einem neuen, richtigen Tanztheater verarbeitet. Es gehört zu den temporeichsten und witzigsten Choreographien, die er in Dessau auf die Bühne gebracht hat. Mit seinem gesamten Ensemble von Tänzern aus aller Welt, dem bewährten Ausstattungspartner Dorin Gal und der wiederum (gemeinsam mit Dramaturgin Sophie Walz) genau passend ausgewählten Musikzusammenstellung: diesmal von Alfred Schnittke, Gundolf Nandico und Balli May. Der zugespielte Mix ist ein abwechslungsreicher Soundtrack für die Geschichte, die Kajdanski mit seiner Truppe erzählt.

Ein paar Birkenstämme verweisen auf Russland, die verschiebbaren Wände eines Glashauses auf das kleinbürgerliche Milieu, eine rote Couch auf den doppelten Boden, sprich die allgemeingültige psychologische Dimension, die das Verhalten der Bürger mit Dreck am Stecken hat.

Joe Monaghan lässt sich als Chlestakow den Aufmarsch gefallen, hält Hof, wenn sie alle etwas von ihm wollen. Allen voran der Bürgermeister (Juan Pablo Lastras-Sanchez) und seine penetrante Gattin (Anna-Maria Tasarz), die ihre Tochter (Charlin Debons) gleich im Hochzeitskleid präsentiert. Mit ihren witzigen Solonummern versuchen sie alle, ihn einzuwickeln. Dazwischen gibt es immer wieder Ensembles, drei flotte Kellnerinnen oder die grauen Damen und Herren, die die Szene zu einem Alptraum weiten. Es macht einfach Spaß, diesen Tänzern zuzusehen, wie sie mit ihrem körperbetonten Einsatz den Figuren Profil verleihen, selbst Freude daran haben und eine Geschichte erzählen, ohne sie nur zu illustrieren.

Anspruchsvolle, oft literarische Stoffe und sinnliches Ballett in einem - das ist in Dessau in den letzten Jahren nicht nur deshalb zum Markenzeichen geworden, weil Tomasz Kajdanski ein fantasievoller Choreograph mit einem exzellenten musikalischem Instinkt ist, sondern auch, weil er sich dafür das entsprechende Ensemble aufgebaut hat.

Wenn auch die klamme Kommune und das ums Überleben kämpfende Theater am Ende nur wenig ausrichten können gegen den kulturpolitischen Crashkurs der schwarz-roten Magdeburger Landesregierung mit ihren verantwortungslosen und eben nicht in die Zukunft gerichteten Kürzungen der Theaterzuschüsse, der personelle Aderlass für das Dessauer Schauspiel und Ballett ist nicht abzuwenden. Einige von Kajdanskis Tänzern werden nach Leipzig wechseln. Er wird zaubern müssen, wenn er weiter auf seinem Niveau Ballett machen will.

Kann sein, dass »Der Revisor« das Finale eines rühmlichen Kapitels der Tanztheatergeschichte in Dessau geworden ist. Am Ende bringt Kajdanskis Sohnemann als echter Revisor den Riesenrotstift mit, der leider nicht nur ein Theaterbild ist.

Nächste Vorstellung: 27. April

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