Der Tastsinn

Donatas Banionis 90

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 1 Min.

Er war gedrungen und konnte doch so machtvoll wirken. Wer ihn betrachtete, bekam Lust darauf, weichgestimmt zu sein - und begegnete zugleich einer Energie, die bedachtsam auf ihren Ausbruch wartete. Donatas Banionis ist ein Schauspieler, der Kraft in Gemütszittern zu verwandeln und Entschiedenheit in fragende Vorsicht aufzulösen vermag. Die Tat als Trumpf, der jedoch ein skeptischer, zögernder Tastsinn eingeschrieben bleibt.

Er war Andrei Tarkowskis Psychologe Kris Kelvin in »Solaris«: Der Mensch begegnet seinen bedrängenden materialisierten Erinnerungen - der Weg an die Grenzen des eigenen Bewusstseins ist unergründlicher als der Vorstoß in die Weiten des Alls; keiner entkommt, nirgendwo und nirgendwann, seinen Leiden und Lasten. Er war Horst Seemanns Beethoven im gleichnamigen DEFA-Film und Konrad Wolfs Goya: zwei Künstler, zwei extrem unterschiedliche Filme darüber, dass Schönheit ein hochmoralischer Begriff ist, der Exemplarik bedeutet, Sinnstiftung; Kunst bedeutet, im Innern der Geschichte wertschaffend zu leben - und zu scheitern.

Banionis, geboren 1924 im litauischen Kaunas, war einer der bekanntesten Schauspieler der Sowjetunion, spielte bei Regisseuren wie Shalakjevicius, Kalatasow. Am Montag wird er 90 Jahre alt - er hat am gleichen Tag Geburtstag wie sein mehrfacher deutscher Synchronsprecher Kurt Böwe. hds

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