Werbung

Zuckerberg und Zauberberg, Eurythmics und Eurythmie

»Paradiesseits« - ein Kabarettduo aus Hannover erobert die Ufa-Fabrik

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Bei ihnen ist vieles ungewöhnlich. Nicht bloß, dass Wiebke Eymess, Autorin von Kurzgeschichten, davor Journalistin und Fremdsprachenkorrespondentin, und Friedolin Müller Kabarett machen. Die Hannoveraner haben sich als Duo auch noch einen scheinbar unpassenden, zu langen Namen ausgedacht: »Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie«. Nachdem ihr Debütprogramm »Mitternacht-Spaghetti« zwischen Thüringen, Stuttgart und München diverse Kleinkunstpreise eingeheimst hat, gastieren sie mit der Nachfolgeproduktion erneut in der Ufa-Fabrik. Und verstören zwei gute Stunden lang auf angenehme Weise. »Paradiesseits« dreht sich um eine mögliche Rückkehr in den verlorenen Garten Eden oder ein ähnlich von den Unbilden der Welt abgeschirmtes Refugium. Das ließe sich als ParaDiesseits, Hilfsdiesseits, lesen. Kann ja heiter werden.

Zwei Barhocker auf der Vorbühne im Varieté-Salon, zwei Mikros, mehr nicht. Eigentlich sei er Rationalist und sinnlich, kommt Friedolin zur Gitarre singend auf die Szene. Ganz sacht. Als Wiebke hinzustößt, setzt sie den Rhythmusgenerator in Gang, möchte es fetziger, was er unterbricht. Beleidigt geht sie ab, kehrt mit einer Ukulele zurück. Die Grundkonstellation ist so umrissen: Ein Paar sitzt auf jener symbolischen Fensterbank, redet, streitet sich durch die Nacht. Über das Paradies, aus dem man flog, und darüber, ob es uns hier besser geht und auf wessen Kosten. Sie träumt sich in den Urgarten zurück, will zumindest aufs Land ziehen, was er ihr mit fadenscheinigen Argumenten madig zu machen sucht. Gerade seien sie Eltern geworden, aber das Konzept Kind sei überholt, räsoniert er. Nach reichlich geschwollener Begründung flüchtet er sich vor bohrenden Nachfragen in die verquere These: nicht weil die Welt zu schlecht sei, sondern man ihr keine schlechten Kinder zumuten dürfe. In die Enge getrieben, wandelt sich der hehre Rationalist zum gehetzten Sophisten. Das hat Sprachwitz. Und der ist Markenzeichen jenes urnormalen, urkomischen Duos. Ohne clowneske Kostüme oder drastische Requisiten setzen sie ganz auf das lustvoll verdrehte Wort, das sich im Dialog zunehmend verwirrt, weil es jedem andere Assoziationen eingibt. Das führt zu Missverständnissen und Debatten, die schier durch den Kosmos führen, um dann elliptisch wieder beim Ausgangsgedanken zu stranden, ohne Ergebnis freilich. So durchzieht Wiebkes Wunsch nach dem Land den Abend, bleibt aber Traum ohne Aussicht auf Realisierung.

Wie konsequent sich Friedolin und Wiebke dabei dem Tempofaktor verweigern, demonstrativ leis, langsam, fast monoton sprechen, macht sie in einer Branche der Brachialattacken besonders. Die beiden Fensterbänkler agieren vielmehr als Wortakrobaten und Gedankenjongleure und erreichen dennoch mit den fein gesetzten Sprachspielen politisch kritische Dimension. Gegen die Spekulation von Banken mit Lebensmitteln wendet sich ihr Protestsong für Hühner: Eigentlich bräuchten diese nur aus Brust und Schenkeln zu bestehen, den Rest könne Afrika bekommen. Was von Banalem ausgeht wie einem Geschirrspüler und dem Geld dafür, führt nörgelnd und greinend auf die Gender-Problematik, verwechselt genüsslich Rudolf Steiner und Thor Steinar, Eurythmie und Eurythmics, Manns »Zauberberg« und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Nach der Pause trägt sie Radieschen im Muster des Kleids und bietet ihm einen Apfel an. Da verheddern sich die Texte vorübergehend. Als sie im erträumten Landhaus Spinnen nur akzeptiert, solange sie draußen bleiben, erinnert ihn das an Europas Flüchtlingspolitik. Chansonesk singen beide über die Stunde der Großstadtwölfe und den fragwürdigen Lifestyle einer Fair-Trade-Generation im Prenzlauer Berg und wetzen das Wort wider gesellschaftliche Ungereimtheiten. Wenn sie von Liebe singen, ist der Höhepunkt des Abends erreicht. Für sie lege er Magda ad acta, reimt er. Das wunderbare Lied über die »Bordsteinschwalbe« Marie, die nur dem Schlafenden ihre Liebe gesteht und der der Erwachte schnöde das Geld auf die Fensterbank legt, stellt dann auch den Bezug zum Gruppennamen her.

Bis 4. Mai, Ufa-Fabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof, Tickets: (030) 75 50 30, www.ufafabrik.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!