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Hilfe für Gestrandete

Seit nunmehr 120 Jahren gibt es Bahnhofsmissionen in Deutschland - ein Bericht aus Halle

  • Von Luise Poschmann, Halle
  • Lesedauer: 3 Min.

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Mehr als 100 Bahnhofsmissionen kümmern sich in Deutschland um Hilfsbedürftige. Immer mehr Scheidungskinder, orientierungslose Migranten - die Aufgaben haben sich mit der Zeit sehr verändert.

Wenn in der Bahnhofsmission in Halle in Sachsen-Anhalt morgens um acht die Türen aufgeschlossen werden, stehen meist schon ein paar Menschen davor. In den nächsten Stunden wird fleißig Brot geschmiert, Kaffee aufgebrüht, auch ein süßes Teilchen ist mal dabei. Zwei ältere Damen unterhalten sich mit einem 42-Jährigen über das Wetter, schimpfen über die Blumenkohlpreise auf dem Markt und nippen an dem Kaffee. Der kostet 50 Cent, das Frühstück ist für alle gleich und kostenlos. »Was soll ich allein zu Hause essen?« fragt eine 67-Jährige. »Da ist ja niemand.«

Vor 120 Jahren wurde die erste Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof gegründet, heute gibt es mehr als 100 der christlichen Einrichtungen, viele sind ökumenisch aufgestellt. Frühstück gibt es nicht überall, aber immer einen Tee, ein offenes Ohr und die Hilfe auf dem Bahnsteig. Am vergangenen Samstag öffnten zahlreiche Einrichtungen ihre Türen zum »Tag der Bahnhofsmission«.

Rund zwei Millionen Bedürftige werden den Angaben zufolge pro Jahr versorgt. »Bei uns kommen Probleme aller Art vor, vom abgerissenen Knopf über gestrandete Arbeitsmigranten bis hin zu Menschen, die sich das Leben nehmen wollen«, erklärt die Bundesvorsitzende der evangelischen Bahnhofsmission, Ute Volz. Ein »Knotenpunkt« sei die Bahnhofsmission, für Menschen unterwegs, die Hilfe beim Ein- und Aussteigen in Zügen brauchten, ebenso wie für jene, die gar kein Ziel mehr hätten.

Dass diese Hilfe ausgerechnet am Bahnhof stattfindet, hat vor allem auch historische Gründe, wie Volz erklärt. 1894 wurde die erste evangelische Bahnhofsmission von dem Berliner Pfarrer Johannes Burckhardt gegründet. Er wollte Frauen Schutz bieten, die in die Stadt kamen, um einen Arbeitsplatz in einer Fabrik oder eine Anstellung als Dienstmädchen zu suchen. 1897 eröffnete in München die erste katholisch-evangelische Bahnhofsmission. Auch wenn die Umsteigehilfen für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung oder Familien mit Kindern seit Jahrzehnten ein zentraler Schwerpunkt sind, verändert sich die Arbeit stetig.

Ein echter Wechsel im Aufgabengebiet sei zum Beispiel das Programm »Kids on Tour« gewesen, das vor etwa zehn Jahren eingeführt wurde, berichtet Volz. Die Bahnhofsmission habe auf veränderte soziale Verhältnisse reagiert, sie sah, dass es immer mehr Scheidungskinder gab - der Vater in Hamburg, die Mutter in München, die Kinder immer unterwegs auf der Strecke dazwischen. Mit »Kids on Tour« starteten die begleiteten Fahrten. Heute wird das Angebot auch für Reisen in die Ferien oder zu den Großeltern in Anspruch genommen.

Eine weitere Herausforderung sind Migranten, die auf der Suche nach Arbeit aus den südöstlichen EU-Ländern nach Deutschland kommen. »Auch da ist die Bahnhofsmission oft erste Anlaufstelle«, sagt Volz. Zwar könne die Einrichtung nicht alle Probleme lösen, aber auf der »Klaviatur der Netzwerke« in den Städten spielen. Heißt: Übernachtungsplätze werden organisiert, Termine bei Beratungsstellen oder Ämtern gemacht. Doch Armut sei in Deutschland nicht nur materiell vorhanden, meint Volz. Genauso gehe es der Bahnhofsmission um die Vermittlung von seelischer Hilfe und sozialen Kontakten.

Das leistet auch Heike Müller, die als Leiterin der Bahnhofsmission in Halle jeden Tag ganz nah an den Menschen ist. »Die psychischen Probleme haben zugenommen«, meint sie. Die Gründe dafür seien wohl darin zu finden, dass in der Saalestadt viele Menschen schon seit Jahren arbeitslos seien, dazu kämen Alkohol- und Drogenprobleme. »Perspektivlosigkeit«, sagt Müller.

In die Bahnhofsmission kann jeder kommen, egal, in welcher sozialen Situation er sich befindet. An vielen Stationen gibt es auch Räume der Stille, wo Gebete gesprochen werden können, in Halle hängt in jedem Raum ein Kreuz. Auch wenn nicht alle Besucher das Bedürfnis nach einem Gebet haben, so fühlen sich die meisten in der christlichen Einrichtung doch gut aufgehoben. »Manche sagen, die Bahnhofsmission ist ihnen ein Stück Heimat geworden«, sagt Müller nicht ohne Stolz. epd/nd

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