Farages Antieuropäern wird Wahlsieg prohezeit

Großbritanniens Unabhängigkeitspartei liegt in Umfragen vor Labour und den Konservativen

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Die großen britischen Parteien boykottieren die Idee gemeinsamer Spitzenkandidaten für die Europawahl 2014. Den EU-feindlichen Gegenspielern der UKIP verschafft das Auftrieb.

»Spinner, Verrückte, verkappte Rassisten« - so schilderte David Cameron seine rechten Gegenspieler der United Kingdom Independence Party (UKIP). Jetzt führen die Spinner bei einer YouGov-Umfrage vier Wochen vor der Wahl des Europäischen Parlaments mit 31 Prozent - nicht nur vor Camerons Konservativen mit mickrigen 19, sondern auch vor der Labour Party mit 28 Prozent.

Dabei geben sich die Kippers tausend Blößen. In einem teuren Plakatfeldzug werben sie mit einem bettelnden britischen Bauarbeiter, dessen Arbeitskraft angeblich von billigeren EU-Konkurrenten unterboten wird. Der Bauarbeiter entpuppte sich als irischer Schauspieler, der seit Jahren in Britannien lebt. Ein zweites Plakat beschwört »26 Millionen arbeitslose Europäer«: Wessen Job suchen sie? Den Job als Sekretärin des UKIP-Chefs Nigel Farage nicht, das besorgt seine deutsche Ehefrau aus des Spesen seines Sitzes im EU-Parlament. »Wer regiert dieses Land wirklich? 76 Prozent unserer Gesetze stammen aus Brüssel«, heißt es auf einem dritten Plakat; doch für die Austeritätspolitik sind Cameron und Finanzminister George Osborne verantwortlich.

Bei den parallel stattfindenden englischen Kommunalwahlen vertreten UKIP-Kandidaten noch abstrusere Ideen. Andre Lampitt will nicht glauben, dass Oppositionschef Ed Miliband überhaupt Brite sei; Vater Ralph Miliband floh als linker Jude Ende der 30er Jahre aus Belgien und kämpfte gegen die Wehrmacht. William Henwood lud den schwarzen Komiker Lenny Henry ein, nach Afrika auszuwandern, wenn es ihm hier nicht passe; Henry stammt aus Dudley bei Birmingham und ist englisch wie warmes Bier.

Eine Trumpfkarte besitzt UKIP trotzdem. Farage besuchte eine Eliteschule wie Cameron, Osborne und Vizepremier Nick Clegg, war wohlhabender Bankier, bis er die große Politik entdeckte, in Brüssel gegen die EU hetzt und von deren Steuerzahlergeld ein Schmarotzerleben führt. Farage hat neulich in zwei Fernsehdebatten mit Stammtischparolen den telegenen Liberalenchef Clegg an die Wand gespielt. Vorwürfe prallen von ihm ab wie einst vom US-Teflonpräsidenten Ronald Reagan. Wieso?

Lange hieß es, UKIP-Wähler seien von Cameron enttäuschte, antieuropäisch gesinnte Tory-Kleinbürger. Labour tröstete sich mit der Hoffnung, wer den Tories Stimmen abnahm, könnte Miliband den Schlüssel zum Amtssitz in der Downing Street auf dem Silbertablett überreichen. Doch eine Studie der Politikwissenschaftler Robert Ford und Mat- thew Goodwin warnt, dass auch Labour massenhaft Wähler nach rechts verlieren könnte. Ungelernte Arbeiter sehen Jobs verschwinden, Ältere sehnen sich nach den guten alten Tagen zurück, als die Bevölkerung aus weißen Christen bestand. Ganze Landstriche an der Ostküste verlieren traditionelle Erwerbszweige, vom Tourismus bis zur Fischerei.

Daran muss irgendjemand schuld sein. Und Labour macht den Unzufriedenen nicht klar, dass der Hauptschurke im Stück »Markt« heißt, mit Austerität im Bunde. Da bietet Farage mit EU-Einwanderern ganz andere Zielscheiben. Goodwin und Ford warnen Miliband vor Camerons Fehlern. Mag der UKIP-Chef einer der größten Zyniker seit Goethes Mephisto sein und sich auf eine Nachwahl im Tory-Wahlkreis Newark freuen: Seine Wähler sind nicht alle Verrückte oder Rassisten, sondern von der traditionellen Politik Enttäuschte. Bis zur Parlamentswahl 2015 gilt es für Labour, eine Menge von ihnen zurückzugewinnen.

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