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Enkelin Priyanka erinnert an Indira

Indiens Kongresspartei spielt im Wahlkampf ihren letzten Trumpf aus

  • Von Hilmar König, Delhi
  • Lesedauer: 4 Min.
Sehr spät hat Indiens Kongresspartei bei den bis 12. Mai dauernden Parlamentswahlen ihr Zugpferd ins Rennen geschickt: die Tochter von Parteipräsidentin Sonia Gandhi.

Priyanka Gandhi soll mit ihrem Charisma, das an Großmutter Indira erinnert, die Kastanien aus dem Feuer holen und das Blatt vielleicht doch noch wenden. Denn alle Meinungsumfragen deuten bislang auf einen haushohen Sieg der Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party/BJP). Angesichts der Attacken Priyankas, die keinerlei Parteifunktionen innehat, zeigt sich die BJP sichtlich nervös und feuert erbittert zurück.

Die Medien haben die 42-jährige Priyanka Gandhi Vadra zum »Star« der Wahlkampagne der Kongresspartei gekürt, obwohl sie erst seit gut 14 Tagen im Rennen ist. Sie unterstützt nur ihre Mutter Sonia und ihren Bruder Rahul in deren Wahlkreisen Rae Bareli und Amethi im Unionsstaat Uttar Pradesh. Der »Star« zeigt sich also nicht landesweit auf Massenmeetings, wie der siegesgewisse Spitzenkandidat der hindunationalistischen BJP, Narendra Modi.

Priyanka ist kämpferisch, schlagfertig, beredt. Sie ist hart in der Sache, geschickt in der Wortwahl. Sie zerpflückt verbal das »Gujarat-Entwicklungsmodell«, auf das Modi so stolz ist. Sie greift ihn frontal an: Indien brauche keinen Mann mit Heldenbrust, um die Nation zu führen, sondern einen mit Herz fürs Volk und mit moralischer Stärke. Es sei gefährlich, alle Macht in die Hand eines Mannes zu legen. Die BJP rede von der Stärkung der Rolle und der Gleichberechtigung der Frauen. Diese Partei sollte zuerst aufhören, »unsere Telefongespräche abzuhören«.

Eine Anspielung auf eine undurchsichtige Affäre Modis mit einer jungen Frau, die er angeblich auf Schritt und Tritt verfolgen ließ. In einer ihrer kurzen, aber würzigen Reden zitierte Priyanka sogar den unlängst verstorbenen Schriftsteller Gabriel García Márquez: Man müsse bei der Wahrheit bleiben und »ausdrücken, was in unserem Herzen ist«.

»Ich bin nicht hier, um für meine Mutter zu werben«, erklärte sie in Rae Bareli, »sondern ich bitte euch, für die Nation zu stimmen, um der destruktiven Ideologie der BJP eine Abfuhr zur erteilen«. Auf das Gerücht, sie habe ursprünglich in Varanasi direkt gegen Modi antreten wollen, sei aber von der eigenen Partei zurückgepfiffen worden, entgegnete sie selbstbewusst: »Wenn ich das wirklich gewollt hätte, dann hätte ich dafür auch grünes Licht vom Kongress erhalten.«

Die Wahlkämpferin kommt gut vorbereitet zu den Meetings: Im Distrikt Amethi verwies sie darauf, dass dort dank der Kongresspartei 1,2 Millionen Frauen von Wohlfahrtsprogrammen profitieren, technische Institute sowie Berufsbildungszen᠆tren entstanden sind und in Rae Ba᠆reli ein Werk für Eisenbahnwaggons und ein riesiges Krankenhaus gebaut werden.

Obwohl die BJP argumentiert, Priyanka Gandhi Vadra sei eigentlich niemand und habe keinerlei Funktion, reagiert sie gereizt und nervös auf jeden ihrer Auftritte. Schnell haben die Hindu-Fundamentalisten begriffen, dass es sich um eine ernste Widersacherin handelt, die - anders als der oft unsicher wirkende Rahul - ihrem Spitzenmann Narendra Modi das Wasser reichen kann.

Die Propagandaabteilung greift deshalb Priyanka an ihrer schwächsten Stelle an. Das ist wohl ihr Ehemann Robert Vadra, den sie 1997 heiratete und mit dem sie zwei Kinder hat. Vadra soll sich durch Immobiliengeschäfte in zwei von der Kongresspartei regierten Bundesstaaten enorm illegal bereichert haben. Am Sonntag zeigte die BJP auf einer Pressekonferenz ein achtminütiges Video, in dem sie sarkastisch »Robert Vadras Entwicklungsmodell« vorführte und Aufklärung darüber verlangte, wie er in ein paar Jahren so steinreich werden konnte. BJP-Sprecher Ravi Shankar Prasad kommentierte das Video als einen »Fall von Korruption, wie er im Lehrbuch« stehe. Priyanka verteidigte ihren Mann. Sie habe von ihrer Großmutter Indira Gandhi gelernt, dass am Ende immer die Wahrheit siege. Die BJP habe ein Lügengebäude errichtet, und ihre Leute liefen herum wie »aufgescheuchte Ratten«.

Viele Sympathisanten der Kongresspartei fragen allerdings, warum diese ihr bestes Pferd so spät ins Rennen geschickt hat. In den Medien herrscht nur eine Meinung: Im Gegensatz zu Rahul habe Priyanka das Zeug, das Erbe des Nehru-Gandhi-Klans fortzusetzen - vielleicht nach den nächsten Parlamentswahlen im Jahr 2019.

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