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Alstom zieht es in US-Nähe

Konzernchef soll schon seit Wochen mit General Electric verhandelt haben

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Der französische Wirtschaftsminister mahnt Alstom, alle Angebote zu prüfen. Damit stärkt sie auch Siemens den Rücken.

Trotz der Mahnung der Regierung, allen Angeboten eine gleiche Chance zu geben, hat sich der Aufsichtsrat von Alstom auf einer Sitzung am Mittwoch einstimmig für General Electrics (GE) entschieden. Mit dem US-Konzern werden jetzt privilegierte Verhandlungen aufgenommen, die bis Ende Mai zum Verkaufsvertrag für den Energiebereich von Alstom führen sollen. In dieser Zeit wolle man auch ein eventuell nachgebessertes Gegenangebot von Siemans prüfen, versichert Alstom-Konzernchef Patrick Kron, der damit aber niemanden überzeugen kann.

Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg hat ihm öffentlich vorgeworfen, die Regierung belogen zu haben. »Er hat schon seit Wochen mit den Amerikanern verhandelt und uns in dieser Zeit versichert, Alstom habe keine Verkaufsabsichten«, sagte der Minister vor dem Parlament. Kron, der dem GE-Angebot »sehr große Qualität« bescheinigt, begründet den Schritt mit der unzureichenden »kritischen Größe« des Alstom-Energiebereichs, der bislang 70 Prozent der Aktivitäten des Konzerns ausmacht. Die restlichen 30 Prozent entfallen auf den Bereich Schienenfahrzeuge, der TGV und andere Personenzüge sowie Loks und U-Bahnen baut und der dringend frisches Kapital braucht, um rentabel bleiben zu können.

Da kommt das Angebot von GE, das in den vergangenen Tagen noch einmal von 10 auf 12,35 Milliarden Euro aufgestockt wurde, gerade recht. »Alstom hat im vergangenen Jahr zehn Gasturbinen verkauft, General Electric dagegen 150«, sagte Kron in einem Interview. »An GE angelehnt hat dieser Bereich künftig ganz andere Chancen auf dem Weltmarkt, wo die Industrie von China und anderen aufstrebenden Ländern eine scharfe Konkurrenz beim Ausbau der Energiewirtschaft dieser Weltregionen ist.«

In einem Video für die weltweit 75 000 und vor allem die 18 000 in Frankreich Beschäftigten kündigte Konzernchef Kron an, dass sich Alstom, wenn das Geschäft mit General Electric zustande kommen sollte, »ganz auf den Fahrzeugbereich konzentrieren« werde. Dafür sei dann eine »solide finanzielle Grundlage« vorhanden. Alstom habe jedenfalls das Zeug, »ein autonomer und mächtiger Akteur im Spitzenfeld des Weltmarkts für Schienenfahrzeuge« zu werden.

Die Pariser Börse, an der am Mittwoch der vor Tagen ausgesetzte Handel mit Alstom-Aktien wieder aufgenommen wurde, reagierte mit einem Kursanstieg um zwölf Prozent. Um die Regierung zu überzeugen, die einen Zusammenschluss von Alstom und Siemens zu einem Energiekonzern von europäischen Dimensionen favorisiert und die Siemens für ein Gegenangebot den Rücken stärken will, hat der GE-Konzernchef Jeff Immelt in einem Brief an Präsident François Hollande die Verlegung von vier Industriezentren von General Electric nach Frankreich angekündigt. Hier verfügt der US-Konzern heute bereits über drei Werke mit insgesamt 10 000 Beschäftigten.

Im ostfranzösischen Belfort stehen ein Alstom- und ein General-Electric-Werk direkt nebeneinander. Die Mitarbeiter benutzen dieselbe Kantine. Das gibt ihnen Gelegenheit zum Vergleich und zur Diskussion über die Fusionspläne. Während die Führungsspitzen der Gewerkschaftsverbände in Paris die Pläne zur Übernahme von Alstom durch General Electric ablehnen, sehen das die Betriebsräte vor Ort nuancierter. »Es leuchtet ein, dass sich die Bereiche beider Gruppen ergänzen«, meint Edouard Collin, Mitglied des Alstom-Betriebsrats. »Das scheint eine Lösung zu sein, die unserem Standort Chancen bis weit in die Zukunft sichern kann.« François Fontana vom GE-Betriebsrat verweist allerdings auf die unterschiedliche Unternehmenskultur. »Auch in Frankreich ist General Electric ein durch und durch amerikanisches Unternehmen«, betont er. »Zwar sind hier die Jahresprämien höher als bei Alstom, aber der Druck auf jeden einzelnen Mitarbeiter ist enorm. Flexibilität wird groß geschrieben und der Wettbewerb innerhalb der Belegschaft angefacht, um höchste Leistungen zu erzielen.«

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