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Zum Glück kamen dann die Panzer ...

Wie zwei Berliner Jungen Hitler & Co. entkamen: Kurt Hillmann und Peter Neuhof

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Kurt Hillmann verlor seine Mutter. Der Ostberliner Hillmann arbeitete später im Außenhandel der DDR.
Kurt Hillmann verlor seine Mutter. Der Ostberliner Hillmann arbeitete später im Außenhandel der DDR.

Der Außenhändler wiegt bedenkenvoll den Kopf. »Drohgebärden bringen nix. Det wird sich als Bumerang erweisen.« Kurt Hillmann meint die Haltung der Bundesregierung im Ukraine-Konflikt. Über drei Jahrzehnte hat er Werkzeugmaschinen aus DDR-Kombinaten in alle Welt verkauft. »Ick hab zu meinem Generaldirektor jesagt: Du kannst mich überall hinschicken, nur nicht in die Bundesrepublik.« Der Shoah-Überlebende wollte weder alten noch neuen Nazis begegnen. Das gestörte Verhältnis zu Russland schmerzt den Mann, der einst auch in Moskau verhandelte: »Man kann nur noch auf den Eigennutz des deutschen Kapitals hoffen. Vielleicht gelingt es dem Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, die kirre gewordenen Politiker zu bändigen«, meint der Pankower Veteran.

Peter Neuhof, ihm nahmen die Nazis den Vater. Der Westberliner Neuhof arbeitete für deren Rundfunk.
Peter Neuhof, ihm nahmen die Nazis den Vater. Der Westberliner Neuhof arbeitete für deren Rundfunk.

Auch der Journalist Peter Neuhof ist empört. Die Gründe für das Drama in und um die Ukraine sieht er in den Umbrüchen 1989/91. Die »Stimme der DDR« in Westberlin - Neuhof arbeitete über drei Dezennien für den Rundfunk in der Ostberliner Nalepastraße - erinnert sich: »Als Gorbatschow über ein gemeinsames Europäisches Haus redete, fragten wir uns: Was meint er? Wessen Haus? Wir waren baff, dass er einem mündlichen Versprechen des Westens, es werde keine NATO-Osterweiterung geben, vertraute.«

Von »Bild« und »BZ«, kalte Krieger wie eh und je, habe er nichts anderes erwartet. Als aber auch der Teppichverkäufer und Hinterbänkler Steffel, CDU-Spitzenmann in Neuhofs Bezirk Frohnau, in deren Geschrei, »die Russenpanzer in Berlin müssen weg«, einstimmte, griff er zur Feder. Neuhof liest mir vor: »Mir haben russische, sowjetische Panzer das Leben gerettet. Und sie haben meine Mutter auf dem Todesmarsch befreit. Hätte die Roten Armee Hitler und seine Wehrmacht nicht 1941 vor Moskau gestoppt und in Stalingrad geschlagen, würde Europa noch heute unter dem Terror der Braunen und ihrer Generalität leiden.«

Der junge Neuhof soll noch kurz vor Schluss in den Krieg ziehen. »Am 20. April 1945, zu Hitlers Geburtstag, flogen US-Bomber erneut Angriffe auf die Heinkel- und Auer-Werke in Oranienburg. Ich arbeitete damals in einer kriegswichtigen Fabrik in Wittenau.« Der Leiter des Betriebs, in dem Gewindeschleifmaschinen hergestellt werden, heißt Herbert Lindner; er beschäftigt heimlich Kommunisten und Sozialdemokraten. Die Bombardements unterbrechen den Strom, legen die Produktion lahm. Einer der wenigen Nazis unter den Arbeitern befiehlt: »Ich erwarte, dass jeder zum Volkssturm geht!« Peter Neuhof ist 19 und denkt nicht daran. Vater und Mutter sind von der Gestapo verhaftet. Er will zurück ins vereinsamte elterliche Haus in Frohnau. Die S-Bahn fährt nicht mehr. Ein Lkw, beladen mit Soldaten, nimmt ihn mit. Als er absteigen muss, rät ihm der Fahrer: »Pass auf Junge, lass dich nicht schnappen. Wir haben in Seelow erlebt, wie sie die HJ verheizten.« Neuhof ist nicht HJ-Mitglied. Sein Vater gilt als »Volljude«, die Mutter als »Arierin« und er selbst gemäß der Rassenideologie der Nazis als »Mischling 1. Grades«.

Auch Kurt Hillmann war nicht in der HJ. In seinem Elternhaus verhält es sich umgekehrt: Der Vater wurde als »Volksdeutscher« geführt, die Mutter war Jüdin, der Sohn somit im NS-Jargon ein »Geltungsjude«. Mehrfach wurde Hillmanns Vater aufgefordert, sich von seiner Frau zu trennen. »Wenn ich das tue«, erklärt der Vater dem Sohn, »seid ihr beide verloren.« Er untersagt den Seinen auch das Tragen des »Judensterns«: »Det wird nicht jetragen!« Neuhofs Mutter wurde wie Hillmanns Vater bedrängt, sich scheiden zu lassen. »Einmal sogar von Eichmann persönlich, als sie sein Judenreferat aufsuchte, um sich nach Vater zu erkundigen«, berichtet Neuhof. Sie widerstand. Nicht alle hatten den Mut, wie Kurt Hillman weiß.

Geboren 1933 im Jüdischen Krankenhaus von Berlin, besuchte Kurt einen jüdischen Kindergarten und ab 1939 die jüdische Schule.Er darf aber nicht am Religionsunterricht teilnehmen, der Vater, Kommunist, interveniert: »Religion ist Opium fürs Volk.« Mit der Mutter besucht Kurt dennoch mitunter den Gottesdienst in der Synagoge in der Oranienburgerstraße. »Wir wohnten am Königstor.«

Anders als bei Hillmanns sind beide Elternteile von Neuhof in der KPD. Als der Vater aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrte, verwundet und dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, das ihm, dem jüdischen Frontsoldaten, Kaiser Wilhelm II. dero selbst verlieh, hatte er genug vom Militär. Und doch oder gerade deshalb griff er noch einmal zur Waffe - 1920, als Kapp & Co. gegen die junge Republik von Weimar putschen. Auch Hillmanns Vater war im ersten großen Krieg, wurde in Flandern verwundet und lernte im Lazarett eine junge polnische Sanitäterin kennen und lieben. Bevor geheiratet wurde, musste er noch die Revolution verteidigen - im Dezember 1919 im Marstall mit der Volksmarinedivision.

Hillmanns Vater ist Tischler, der von Neuhof arbeitet im Getreidehandel. »Wir waren zur Zeit der Weimarer Republik wohlhabend, hatten sogar ein Hausmädchen, natürlich eine Linke.« Als der Freund des Dienstmädchens, Gerhard Weiß, im Wahlkampf 1932 von einem SA-Mann auf offener Straße erschossen wird, erfuhr der Siebenjährige erstmals hautnah, was Naziterror bedeutet. Und dieser kennt keine Grenzen mehr, als Hitler zum Reichskanzler ernannt ist.

Am 1. April 1933, am Tag des »Judenboykotts«, wird das Geschäft, in dem Vater Neuhof arbeitet, geschlossen, erst im folgenden Jahr wiedereröffnet und nach der »Reichskristallnacht« für immer dicht gemacht. Peter hat in der Schule keine Schikanen zu erleiden, obwohl die Lehrer wissen, dass sein Vater Jude ist. Von den brennenden Synagogen in Berlin erfahren die Neuhofs im Norden der Reichshauptstadt durch einen »fliegenden« Gemüsehändler. Tags darauf erhalten sie aufgeregte Anrufe von der Familie des Vaters im hessischen Friedberg, wo in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 gleiches geschah. Karl Neuhof wird bei der Farbenfirma Warnecke & Böhm zwangsverpflichtet. Sein Sohn muss im September 1942 die Schule verlassen. Er freut sich: »Ausschlafen, tun und lassen, was man will.«

In jenem Jahr 1942 rollen bereits die Deportationszüge gen Osten. Bei Hillmanns tauchte eine Bekannte auf, die am Ku'damm wohnt. »Sie hatte die Aufforderung zum Transport erhalten. ›Ich geh nicht mehr nach Hause‹, sagte sie. Sie blieb zwei Nächte bei uns, dann schickte mich Mutter mit ihr und einer Adresse im Norden los.« Der junge Kurt Hillmann ist blond und blauäugig. Keiner wird ihn als »Juden« verdächtigen. Er ist ihr Schutzengel. Alles geht gut. Wenige Tage später steht jedoch die Frau wieder bei Hillmanns auf der Schwelle. Sie war verhaftet und ins Sammellager in der Großen Hamburger gebracht worden, konnte aber fliehen. Erneut nächtigte sie bei Hillmanns, Kurt begleitet sie zu einem neuen Quartier. »Meine Eltern gehörten einem Netzwerk an, das Verfolgten half, obwohl wir selbst bedroht waren.«

Auch die Neuhofs sind aktiv. Da es in Frohnau - »damals und heute ein schwarzer Bezirk« - keine Zelle der KPD gibt, engagieren sich Peters Eltern in einer Gruppe im benachbarten Glienicke. Im September 1942 steht ein Mann vor ihrer Tür: Wilhelm Beuttel, vor 1933 KPD-Landtagsabgeordneter in Hessen und aus den deutsch-okkupierten Niederlanden zurückgekehrt, um im Auftrag der Partei eine neue illegale Organisation aufzubauen, die »Knöchel-Gruppe«, wie sie in der Geschichtsschreibung später heißt. »Ihm und uns zum Verhängnis wurde, dass er sich seinen Wintermantel aus Holland nachschicken ließ.« Die Gestapo observiert die Aktion.

Als Peter Neuhof am 10. Februar 1943 nach Hause kommt, wundert er sich: »Garten- und Haustür standen offen. Im Haus Männer in Ledermantel und Schlapphut, wie in einem schlechten Film - die Gestapo.« Deren erste Frage lautet: »Wer ist der Mann, der bei euch gewohnt hat?« Beuttel haben sie bereits weggebracht und Karl Neuhof bei Warnecke & Böhm verhaftet, was der Sohn noch nicht weiß. Kurz nach ihm trifft die Mutter ein. Beide werden unsanft in einen Mercedes gestoßen, der ins Stadtzentrum rast.

Peter Neuhof wird noch am gleichen Tag entlassen. Zu Hause vernichtet er als erstes die illegalen Schriften und die unsichtbare Tinte. »Die Gestapo hatte noch keine Hausdurchsuchung gemacht.« Sein Vater wird über ein Jahr in diversen Berliner Haftanstalten verhört und am 15. November 1944 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo man ihn noch am gleichen Tag ermordet. Zu DDR-Zeiten war eine Schule in Glienicke nach ihm benannt. »Nach der Wende haben sie beschlossen: Der Name kommt weg. Auch das große Wandbild mit Vater, Mutter und Genossen verschwand spurlos. Nur den riesigen Findling ›Für den Kommunisten Karl Neuhof‹ haben sie nicht bewegen können«, freut sich Peter Neuhof und erzählt weiter Unerhörtes: Zum Auschwitz-Gedenktag im vergangenen Jahr wurde er nach Glienicke eingeladen. »Ich sprach ein paar Worte am Findling. Dann ging es in die Kirche. Dort faselte der Gemeindevorsteher von kommunistischen und nazistischen Horden, die gemeinsam die Republik zerschlagen hätten. Da sprang ich auf: ›Das muss ich mir nicht anhören!‹ Ich ging.« Neuhof schwor sich, »nie wieder den Alibijuden zu geben«. Doch auch in diesem Januar folgte er der Einladung aus Glienicke. »Und keiner quatschte dummes Zeug.«

Einen Monat, nachdem Neuhofs Mutter ins Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt wird, im Oktober 1944 ist eine Karte im Briefkasten der Hillmanns: Kurt soll auf Transport, in ein Kinderheim in Österreich. Der Vater ahnt Schlimmes. Dank seiner Kontakte - der Tischler hat Bombenschäden bei vielen Behörden beseitigt - gelingt eine List, eine Listenfälschung. Der Name Kurt Hillmann wandert auf eine eine Fahrtliste in den Allgäu, zur Lungenheilanstalt Wangen. Da Kurts Mutter schwer an Tuberkulose erkrankt ist, wirkt die Überlebenslüge glaubhaft. Aber wieso fiel der nach jüdischem Brauch beschnittene Junge in der katholischen Klinik in Süddeutschland nicht auf? »Ja, es gab eine Ganzuntersuchung«, sagt Kurt Hillmann. »Ich vermute, der Chefarzt wusste, wen er vor sich hatte, fragte und sagte aber nichts. Auch die Nonnen schwiegen.«

Dem Berliner Jungen geht es gut. Liegekuren, sparsamer Schulunterricht, ausgiebige Spaziergänge in die Natur. Er weiß nicht, dass seine Mutter zehn Tage nach seiner Ankunft in Wangen stirbt. »Das war Mord. Jüdische Ärzte gab es nicht mehr. Und deutsche Ärzte durften Juden nicht behandeln.« Bei Kurt ist es anders. Als er an Masern erkrankt, wird er aus dem riesigen Schlafsaal in ein separates Zimmer verlegt und liebevoll von Schwester Trudlinde betreut. Er teilt das Zimmer mit zwei Jungs. »Der eine war der Sohn eines beratenden Ingenieurs von Hitlers Leibarchitekten Albert Speer, der andere Sohn eines höheren SS-Offiziers.« Wenn deren Eltern geahnt hätten ... Die Heilanstalt liegt auf einem Hügel. »In den letzten Kriegswochen färbte sich der Horizont blutrot. Und eines Tages kamen die Panzer. Franzosen.« Kurt Hillmann kann jedoch erst im Oktober 1945 nach Berlin zurück - »endlich wieder mit Vater vereint. Und doch war es einsam, ohne Mutter.«

Peter Neuhof erwartet sehnsüchtig »die Russen«. Sie kommen. Nicht mit Panzern. In Frohnau ziehen sie mit Panjewagen ein. Ein schmächtiger Rotarmist springt von einem Pferdefuhrwerk und geht auf den Berliner Jungen zu. Der will ihn umarmen. Der Soldat weicht zurück und fragt fordernd: »Skolko tschasow?« Neuhof versteht nicht, errät dann jedoch dessen Gesten und krempelt seinen linken Hemdsärmel hoch. »›Halb acht.‹ Und schwups war die Uhr weg.« Er verübelt es dem Soldaten nicht und macht sich nun auf die Suche nach der Mutter. »Am 30. Juli 1945, an meinem 20. Geburtstag, konnte ich sie in Crivitz in die Arme schließen.« Die Stimme des Veteranen versagt. Neuhof schiebt mir ein Buch über den Tisch zu, er hat die Geschichte seiner Familie aufgeschrieben: »Als die Braunen kamen«.

Kurt Hillmann traf vor Jahren den Ingenieurssohn aus Wangen wieder: »Ich erzähl dir jetzt mal eine Geschichte ...« Der Stuttgarter Rentner, der bei Mercedes arbeitete, glaubte ihm nicht: »Das kann nicht sein! Du, ein Jude? Und wir haben nichts bemerkt.«

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