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Das Elend der Langeweile

Theatertreffen Berlin: Tschechows »Onkel Wanja« am Schauspiel Stuttgart

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Gegen das Unglück hilft dir nur, wenn du es weitergibst. Tu was!, sagt das Leben, also tust du - weh. Das tut gut. Gutsein tut's nicht. Auch nicht Gutsein dir selber gegenüber - irgendwann willst du nicht mehr gerettet werden. Irgendwann gibt es also diese böse Lust, sogar Liebe unbedingt zu verfehlen. Und wäre man jetzt Gott, so würde man allen Vorrat an Gehirn lieber an strohköpfige Vogelscheuchen verteilen statt an Menschen (die denken eh nicht darüber nach, warum sie sich in jeden Wind drehen). Man muss die Enttäuschung in eine Ekstase umwandeln, um vor Enttäuschungen sicher zu sein. Steigere deine Selbstverneinung, und die Welt, die mit dir was anfangen will, hat keine Chance mehr gegen dich. Das ist bitter. Aber schließlich ist Theater keine Süßstoff-Handlung.

Am Schauspiel Stuttgart hat Robert Borgmann »Onkel Wanja« inszeniert. Die junge Ära des Armin Petras schickt ihre ersten Erfolgsboten. Ein Drehbühnen-Kreislauf im wracknahen Volvo Kombi. Das große klassische Landgut-Langeweile-Porträt, bei dem ein jeder den Falschen liebt und alle mit einem jeweils anderen Nicht-Leben beschäftigt sind. Borgmann, der auch das Bühnenbild entwarf, porträtiert jene Erschöpfung, die nach allen Aggressivitäten wiederkommt, weil sie nötig ist, um so weiterzuleben, wie man nicht weiterleben kann. Erschöpfung, die gegen alles siegt, was bewegende Schauspieler hier dagegenwerfen: kühle Geschäftigkeit, plusternde Selbststilisierung, heftiges Verlangen, einsichtsvollen Zynismus, stupide Ordnungskraft.

Tschechow zeigt Menschen, die in keinem totalitären Staat eine wirkliche Lebenschance hätten. In einer Demokratie des Leistungsstresses aber auch nicht. So bittet das Theatertreffen zur Ausstellung totaler Nutzlosigkeit. Im Niemandsland zwischen ausgetrockneten Sehnsüchten. Könnten sich Tschechows Gestalten der Art zusehen, wie sie diese Inszenierung zeigt - sie empfänden wohl ein kleines ethisches Heil: Sie freuten sich gewiss der unbeschönigten Ehrlichkeit gegenüber ihren formlos gewordenen Existenz, dieser rhythmisch nicht beherrschbaren Geschlagenheit zwischen stierender Tristesse und herumtrötender Grobheit. Borgmann legt die Langeweile, die Agonie, die Falschheit aller Regungen wie einen dicken Teppich über alles. Auch übers Publikum. Das ödet an. Das langweilt. Das quält. Das wirkt schmutzig, aufgeladen unbeholfen. Aber es hat doch auch Sog. Und alles ist so langsam, als sei die Zeitlupe das natürliche Geschehen kurz vorm totalen Stillstand. In Slow Motion stürzt Wanja vom Bühnenhimmel aufs Auto. Crash-Krempel gegen die Erwartungshaltung, Tschechow sei Schweben, Träumen. Er ist hartes, unnachgiebiges Tröpfeln. Die Tropfen klopfen auf die immer gleiche Bewusstseinsstelle.

Thomas Lawinky, zum Beispiel, ist der skepsisgetränkte, umworbene Arzt Astrow, bei ihm ist die Wehmut ruppig, die Niedergeschlagenheit räudig, und wo die Seele angesprochen wird, spannt dieser Klotz gleichsam die Abwehrmuskeln. Samoware kann er, wie er sagt, so wenig leiden wie Seufzer. Sein Gemüt ist eine Säge, die bei Birken hungrig aufjaulen würde. Wie die gesamte Inszenierung. Austreibung der Sentimentalität, sich einzuschaukeln ins Russische. Ins handelsüblich zelebrierte Russische, das zu großen Teilen aus Verlogenheit besteht. Das fährt die Inszenierung mit einem grandios sturmfesten Panzer nieder. Der heißt Peter Kurth. Die Titelrolle. Berg aus Bauch und Bärbeiß. Klotz aus Kälte und Kummerspeck. Wanja aus Wucht und Wartestand. Onkel aus Ohnmacht und Ochsengemüt. Komik der Verzweiflung, Tragödien der Lächerlichkeit.

Stuttgart bietet eine weitere Inszenierung jenes schon lange andauernden Versuchs so vieler Bühnen: diesen Tschechow immer tiefer in die Niederungen der Ödnis zu ziehen. Wo der Mensch ausblutet in der Regelmäßigkeit von Lebenszeichen, die nur noch mechanisch absolviert werden. Sage niemand, dies käme dem russischen Klassiker nicht nahe. Etwas nicht leben zu dürfen, bedeutet, es irgendwie anders doppelt zu tun: »Wenn ich nicht lieben soll, liebe ich zehnfach«, heißt es bei Robert Walser. Es lebt also nur lebendiger, was doch schon abgestorben ist. Das ist ein Elend. Das sieht nicht gut aus. Das ist, weil es einen so aufregt, sehenswert.

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