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Mir fehlen intelligente Komödien im deutschen Film

Benjamin Heisenberg spricht über die Komödie »Über-Ich und Du«

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Benjamin Heisenberg, Enkel des Physikers Werner Heisenberg und über seine Mutter mit der Familie von Weizsäcker verwandt, studierte zunächst Bildende Kunst. Seinen Abschluss an der Münchner Filmhochschule legte er 2005 mit dem Film »Schläfer« ab. Nach »Der Räuber« über den österreichischen Krimiellen Johann Kastenberger überrascht er mit »Über-Ich und Du«, eine satirisch-absurde Komödie über die Prägung des Menschen durch seine Vergangenheit. Auf der Flucht vor seinen Schulden taucht der Taugenichts Nick bei einem vergesslichen Psychologie-Professor unter, der sich in einer letzten Rede seiner Vergangenheit im »Dritten Reich« stellen will.

Was zieht Sie in Ihren Filmen nach Österreich?
Heisenberg: Die Geschichte sollte ursprünglich zwischen den Schweizer Bergen und München spielen. Nachdem die Bayerische Filmförderung die Unterstützung abgelehnt hatte, wurden daraus die österreichischen Berge. Ansonsten habe ich eine große Affinität zur österreichischen Filmszene und mehrere Projekte mit dortigen Firmen in der Vorbereitung. Ich schätze auch den intensiven Austausch mit den Kollegen und die Kultur-Szene in Wien.

Wien als Wirkungsort von Freud war nicht ausschlaggebend?
Nein. Der Film lebt von Reminiszenzen, aber wir haben nicht in Österreich gedreht, weil die Psychoanalyse von dort herkommt.

War denn Freud der Ausgangspunkt ihrer Komödie?
Teile von Freuds Theorien faszinieren mich, aber ausschlaggebend war, dass die Analyse als Form des Umgangs mit unserem Leben allgegenwärtig geworden ist. Auch ich habe schon Therapien hinter mir. Es liegt auf der Hand, dieses Phänomen durch den Kakao zu ziehen.

Wollten Sie der düsteren Psychologisierung der Charaktere durch die »Berliner Schule« um Christian Petzold zeigen, dass dies auch heiter funktioniert?
Es stimmt schon, Ich vermisse hintergründige, intelligente Komödien im deutschen Film, wie sie die Franzosen regelmäßig inszenieren. Ich denke da an Truffaut oder Agnés Jaoui. Mir kommt ihr Stil entgegen. Schon »Der Räuber« war ursprünglich als Komödie konzipiert. Das Thema erwies sich damals als zu schwer. Der Stil dieses Films wurde durch die Freundschaft mit meinem Koautor Josef Lechner geprägt, mit dem ich solch spaßhaften Umgang pflege. Der Film verheiratet die unterschiedlichsten Formen von Komödie, Slapstick-Elemente, Wortwitz, Situationskomik, subtilere Anspielungen und er changiert sehr stark. Ich saß ein Jahr im Schnitt, um einen Rhythmus zu finden, bei dem kein Komödienstil dominiert.

War die Konstellation mit dem alten bürgerlichen Gelehrten Curt und dem jungen Hallodri Nick von Beginn an gesetzt?
Sie entspricht dem Leben Josef Lechners. Er hat jahrelang auf dem Flohmarkt Bücher für wenige Euro gekauft und sie anschließend für 10,00 Euro an Antiquariate verkauft. Diese unangepasste Lebensform als Gegenstück zum reichen, großbürgerlichen München existiert weiter. Aber man sieht sie kaum. In Berlin wäre diese Konstellation dagegen kaum zu erzählen, weil die Welt des Prekariats allgegenwärtig ist.

Im Focus steht der Umgang von beiden mit ihrer Vergangenheit. Wie wichtig ist die Analyse für unsere seelische Gesundheit?
Curt leidet unter einem Schuldkomplex. Umso weniger er sich genau an seine Vergangenheit erinnert, umso stärker wird das Gefühl, dass er Schuld auf sich geladen hat, die er aufarbeiten muss. Nick tickt anders. Er schert sich nicht um das Gestern, das finde ich sympathisch. Er zahlt nie alle Schulden zurück, das wäre in seinen Augen falsch. Diese krude Philosophie muss im Konflikt und Chaos enden. Seine Art von Anarchie, nie ein geordnetes Leben zu führen, empfindet Curt als etwas Bereicherndes. Dazu kommt, dass er von ihm anders wahrgenommen wird als von seiner Familie, die ihn nur als alternden Patriarchen sieht.

Sie können doch nicht leugnen, dass Curts Tochter ihn auffordert, über seine Schuld Rechenschaft abzulegen?
Die Wertung ihrer Rolle überlasse ich dem Zuschauer. Natürlich gehört Curt zu einer Generation, die von der Gesellschaft gezwungen wurde, sich mit ihrer Vergangenheit im »Dritten Reich« auseinanderzusetzen. Innerhalb von Familien war dies ein wahnsinnig schwieriger Prozess. Nicks Generation der heute um die 30jährigen will diesen Teil der Geschichte nun Geschichte sein lassen. Das spiegelt sich auch in der künstlerischen Auseinandersetzung wieder. Die intellektuelle Doktrin, dass das »Dritte Reich« eine undarstellbare Zeit sei, die man nicht bebildern darf, ist überwunden. Die Ereignisse werden in klassischen Spielfilmen lebendig. Das ist für die Generation, die damals gelebt hat, in gewisser Weise auch eine Befreiung.

Der »Spiegel« machte gerade mit einer Titel-Geschichte auf, nach der der Druck der Söhne und Enkel bei den Tätern eher Schweigen erzeugt hat?
Für meine Familie kann ich das nicht unterschreiben. Meine Eltern sind mit ihren intensiv ins Gespräch gekommen. Wobei die Älteren wegen innerer Verletzungen oder ihrem emotionalen Durcheinander nicht immer Auskunft geben konnten. Meine Generation hat dagegen Vorwürfe erhoben, ohne die damalige Situation zu verstehen. Wir haben moralisch diskutiert und in schwarzweiß Schemata gedacht. Von den Tätern gibt es trotz der unterschiedlichen Herangehensweise kaum Schuldbekenntnisse, weil sie sich nicht eingestehen wollten, dass diese Schuld ein Teil ihrer Identität bleibt.

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