Ökonom für die 99 Prozent

Thomas Pikettys Studie über das »Kapital im 21. Jahrhundert«

In der vergangenen Woche dokumentierte die Wochenzeitung »Die Zeit« eine US-amerikanische Kontaktanzeige. Eine 25-jährige Schönheit sucht darin einen Mann, »der mehr als 500 000 Dollar im Jahr verdient«. Angeblich habe ein Manager von J.P. Morgan mit einem weit darüber liegenden Jahresgehalt darauf Folgendes geantwortet: »Wer mehr als 500 000 Dollar verdient, ist kein Idiot, wir würden mit Ihnen ausgehen, aber Sie nicht heiraten.« Der Grund dafür sei, dass Schönheit schnell vergehe, Reichtum aber nicht. »Ökonomisch gesehen sinkt Ihr Wert«, schreibt der sich selbst als »professioneller Investor« bezeichnende Banker, »aber meiner steigt, sogar exponentiell«. Ob die aufstiegswillige Dame ihren big spender gefunden hat, wissen wir nicht und auch nicht, ob sie wenigstens ein Date mit dem Mann hatte - aber dass der gute Mann recht hat, wissen alle.

Für diejenigen, die es - jenseits der Binsenweisheit, dass die Reichen immer reicher werden, auch in Bezug auf die offensichtlich wachsende Ungleichheit, was unser Manager mit dem exponentiellen Wachstum seines Vermögens ausdrückt - genauer wissen wollen, hat der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty nun seine monumentale Studie »Capital in the 21st Century« vorgelegt. Und es sind offensichtlich nicht wenige. Immerhin schaffte es die englische Übersetzung des im vergangenen Jahr im französischen Original erschienenen Buches nach ihrem Erscheinen vor knapp zwei Monaten an die Spitze der US-amerikanischen Bestsellerlisten.

Als »neuen Superstar« bezeichnete die Rezensentin Andrea Köhler Piketty so auch in der »Neuen Zürcher Zeitung«, die »Financial Times« konstatierte zumindest einen »Rockstar-Status« und Nobelpreisträger Paul Krugman bezeichnete die Studie gar als »bahnbrechendes Meisterwerk«, das »die Art und Weise, wie wir über Wohlstand und Armut denken, völlig neu ausrichten« werde. Selbst im Männermagazin »Esquire« wurde Pikettys Werk zum »wichtigsten Buch des 21. Jahrhunderts« erklärt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Zweifellos hat der an der Paris School of Economics lehrende 43-Jährige mit seiner Studie den Zeitgeist getroffen. Pulitzer-Preisträger Sam Tanenhaus bezeichnete ihn in der »New York Times« so auch treffend als »intellektuelle Overnight-Sensation«, die in der Lage sei, »die Moden und Gefühle des Augenblicks« zu reflektieren. Die wachsende Ungleichheit, die Piketty für die letzten beiden Jahrhunderte und knapp 30 Länder statistisch erstmals wirklich für so lange Zeiträume mit äußerster Akribie belegt, ist spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise zum Dauerbrennerthema geworden. Anfang des Jahres hatte selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), ansonsten kaum für seine kapitalismuskritische Ausrichtung bekannt, vor einer Zunahme der Ungleichheit in der Welt gewarnt. Eine Studie der Organisation Oxfam hatte zu Beginn des Jahres spektakuläre Zahlen dazu veröffentlicht: 85 Prozent des globalen Vermögens befänden sich in den Händen des reichsten einen Prozents, die reichsten 85 Personen besäßen gar so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. In der Parole der Occupy-Wall-Street-Bewegung schlug sich dieses Verhältnis nieder: »We are the 99 %!«

Piketty kann auch dies belegen. 95 Prozent des Einkommenszuwachses zwischen 2010 und 2012 seien in die Taschen des einen Prozent an der Spitze der globalen Vermögenspyramide geflossen, konstatiert er. In den USA sei der Grad sozialer Ungleichheit »höher als in jeder anderen Gesellschaft - und das seit Menschengedenken und überall auf der Welt«, heißt es weiter. Dass es sich hier allerdings beileibe um keine Momentaufnahme handelt, ist der Kern des »Kapitals im 21. Jahrhundert«.

Piketty bringt das »Gesetz der kapitalistischen Reichtumsverteilung« auf die einfache Formel, dass die Rendite auf Privatvermögen im Normalfall größer sei als das Wirtschaftswachstum. Oder kurz: r > g. Während sich die Zuwächse der Bruttoinlandsprodukte in den vergangenen Jahrhunderten durchschnittlich zwischen einem und eineinhalb Prozent bewegten, hätten die Erträge auf Anlagen in Aktien, Anleihen oder Immobilien sich im Schnitt auf viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr belaufen. Vor allem seit in den 1970er Jahren die Goldbindung des Dollar aufgehoben und die Finanzmärkte liberalisiert wurden, hat sich die Dynamik der Vermögensbildung noch erweitert. Denn für Finanzprodukte habe die Rendite »eher bei sechs oder sieben Prozent« gelegen, wie Piketty der »Süddeutschen Zeitung« in einem Interview mitteilte.

Dass all dies eine »Tendenz hin zu einer Oligarchie« begründet, die den zunehmend entkleideten bürgerlichen Mythen von Chancengleichheit und Leistungsprinzip diametral entgegensteht, ist der Kern der Empörung, den Piketty mit seiner Studie empirisch unterfüttert. Denn auch, dass das Einkommen aus Arbeit »nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten« könne, wie Piketty schreibt, ist alles andere als überraschend. Wie gering die soziale Mobilität auch in den westlichen Industriestaaten ist, hatte zuletzt der britische Historiker Gregory Clark anhand einer breit angelegten Analyse von Familiennamen der Oberschicht gezeigt. Vor allem die Vererbung immer größerer Vermögen begründet eine fast feudal anmutende Stabilität am oberen Rand der Gesellschaften. Auch dazu kann Piketty Zahlenmaterial liefern. Während im Frankreich des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts jährlich Vermögen in Höhe von 20 bis 25 Prozent des Volkseinkommens vererbt wurden, sei dieser Wert zwar in den 1950er Jahren auf weniger als fünf Prozent gefallen, liege inzwischen aber wieder bei etwa 15 Prozent. »Die Vergangenheit frisst die Zukunft auf«, kommentiert Piketty.

Wie sich allerdings schon bei den Erbschaften zeigt, war diese Entwicklung immer höherer Vermögenskonzentrationen weder ungebrochen noch gesetzmäßig. Denn in die Epoche zwischen 1910 und 1950 und teilweise bis in die 1970er Jahre hinein fand eine Umkehrung des Verhältnisses von Rendite und Wirtschaftswachstum statt, die Piketty in politische Forderungen übersetzt. Weniger die Vermögensvernichtungen durch die beiden Weltkriege, deren Ausmaße den größten Anteil an dieser Gegentendenz ausmachten, haben es Piketty dabei nachvollziehbarerweise angetan, sondern die politischen Maßnahmen, die seit den 1920ern, vor allem aber im New Deal in den USA der 1930er und den westlichen Nachkriegsgesellschaften ergriffen wurden. Vor allem die zunehmende Besteuerung von hohen Einkommen und Vermögen zum Aufbau von Sozialsystemen und öffentlicher Infrastruktur habe laut Piketty für ein halbes Jahrhundert ein wenig mehr Egalität schaffen können - wenn auch auf geringem Niveau.

Von all diesen Reformen ist allerdings nicht viel übrig geblieben. So wurden beispielsweise die Erbschafts- und Vermögensbesteuerungen in den meisten untersuchten Ländern entweder reduziert oder gänzlich abgeschafft. In Deutschland etwa existiert durch die Freistellung von Betriebsvermögen faktisch kaum mehr eine Besteuerung der Erben, die ohnehin schon geringe Vermögenssteuer wurde 1996 gleich gänzlich kassiert. Noch dramatischer stellt sich die Entwicklung der Spitzensteuersätze in den meisten anderen Ländern dar. In den USA etwa lag dieser noch in den 1960er Jahren bei 94 Prozent und wurde dann sukzessive bis auf 28 Prozent im Jahr 1988 abgesenkt. Derzeit liegt er zwar mit 35 Prozent wieder leicht höher, weist aber in Bezug auf Ausnahmeregelungen eine Durchlöcherung auf, die an einen Schweizer Käse erinnert. So erinnern Piketty die untersuchten Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch wieder an die des 19. Jahrhunderts.

Die Lösung sieht der politisch ansonsten ausgesprochen zurückhaltende Ökonom in einer globalen Vermögensbesteuerung zwischen 0,1 und 10 Prozent je nach Vermögenshöhe. Dass dies angesichts des Wettbewerbs der Standorte um das global fluktuierende Kapital aktuell unrealistischer erscheint als jemals zuvor, lässt den sonst an den kapitalistischen Grundlagen von Eigentum, Warentausch und Ausbeutung der Arbeitskraft nicht rüttelnden und dennoch in einigen Feuilletons als »Marx des 21. Jahrhunderts« gefeierten Piketty als utopischen Denker erscheinen, der er eigentlich nicht ist und auch gar nicht sein will.

»I don’t care for Marx« - »Marx interessiert mich nicht«, hatte Piketty gegenüber der Zeitschrift »New Republic« klargestellt. Piketty selbst belegt immerhin, dass jenseits des Medienhypes die Hoffnung auf eine Umverteilung innerhalb des Kapitalismus derzeit genauso wenig auf der Agenda der Politik steht, wie die »Expropriation der Expropriateure« (Marx) auf der der Proletarier aller Länder.

Es scheint, als hätte die New Yorker Schönheit tatsächlich einen der letzten verbliebenen Wege sozialen Aufstiegs beschritten. Hoffentlich hat wenigstens sie ein wenig Erfolg.

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