Endstation Paris

Georg Stefan Troller bekommt den Schillerpreis

Von Exil wollte er nicht sprechen. Er bestand darauf, Emigrant zu sein. »Nie habe ich mich damals«, schrieb er, »als Exilant empfunden. Solch hehrer Begriff stand vielleicht den politisch Verfolgten und Verfemten zu«, den Brecht, den Seghers, den Kisch und Thomas Mann, wie er gleich hinzufügte. Er, Georg Stefan Troller, 1921 in Wien als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers geboren, hatte sich 1938 vor den Nazis in letzter Minute über die Schweiz nach Frankreich gerettet, aber bald machte es keinen Unterschied mehr, ob man sich nun als Exilant oder Emigrant sah: Sie alle, verfolgt, vertrieben, geflohen, waren im September 1939, nach dem Einmarsch deutscher Truppen, plötzlich »feindliche Ausländer«, zusammengepfercht in französischen Internierungslagern. Auf Stroh faulten sie dahin, berichtet Troller, »von den Familien getrennt, überwältigt von der Sehnsucht nach Freiheit, ohne Zeitungen, Radio, Bücher«. Nachts diskutierten sie über den Krieg, über ihre missliche Lage, über die Sprache, die deutsche, die sie mitgenommen hatten in die Fremde.

Für ihn, Troller, war die Sprache die Rettung. In einem Aufsatz über die Emigration berichtet er, dass er von da an begann, »wie ein Besessener alles deutsch Gedruckte herunterzuschlingen, immer mit dem Stift in der Hand. Notierte Wörter und Phrasen, legte endlose Listen an, übertrug sie in jeweils neue Kladden, eine Manie bis heute«. Er, gerade mal achtzehn Jahre alt, wurde zum »Deutschtümler«, die Sprache zur Heimat. Sie war das Letzte, was ihnen allen geblieben war. Notgedrungen machten sie weiter, schrieben, dichteten, wurstelten sich durch und wussten zugleich, dass es keinen Adressaten, kein Publikum mehr gab.

In Marseille, wo die Hoffnungen vieler auf eine Ausreisemöglichkeit starben, hat Troller später, 1941, ein Visum für die USA ergattert. Er arbeitete für die US-Army, war 1945 an der Befreiung Münchens beteiligt, versuchte wieder in Österreich Fuß zu fassen, was nicht gelang, und hat seit 1949 (»Man emigriert eben auf Lebenszeit«) seinen Wohnsitz in Paris. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Dokumentarfilmer und Regisseur, wurde berühmt mit seiner TV-Reihe »Pariser Journal«, die zehn Jahre lang großartige, ungewöhnliche Ansichten der Weltmetropole und ihrer Bewohner bot und dabei Fernsehgeschichte schrieb, produzierte ungefähr hundert Filme und veröffentlichte sechzehn Bücher.

Einige Arbeiten aus den letzten Jahren, getippt auf seiner Hermes Baby, der achten schon, die Troller besitzt, hat der entdeckungsfreudige Thomas B. Schumann jetzt in einem Band seiner Edition Memoria gesammelt, Geschichten, Begegnungen, Erinnerungen, Porträts, eine kurzweilige Wanderung durch die Zeit, hingetupft mit manchmal hintergründigem Humor, ein Lebensrückblick der besonderen Art. Troller erzählt von der Kindheit in Wien, vom Pelzhandel des Vaters, den »sauren Zeiten der dreißiger Jahre« und wie er sich in der Kunst des Buchbindens profilierte, von der Lust am Dokumentarischen, der Kunst des Interviews, den Unbekannten und Berühmten, die er traf. Er befragte Edith Piaf und Romy Schneider, Juliette Gréco, Woody Allen oder den Amerikaner Ron Covic, der aus dem Viet-namkrieg als Krüppel heimkam. Es gibt kleine, farbige Porträts der Fotografen Man Ray und Henri Cartier-Bresson, Karl Valentins, Marlene Dietrichs, Josephine Bakers, Sartres und der Beauvoir oder den amüsanten Bericht über eine denkwürdige Interviewbegegnung mit der spindeldürren Wallis Simpson, der Herzogin von Windsor. Am Ende geriet der Gemahl dabei völlig aus der Fassung, weil Troller, nachdem die vorgeschriebenen Fragen brav abgehakt waren, ihn mit der Erwähnung seines Hitler-Besuchs 1937 überrumpelte.

Der letzte Text, ein Prosastück von anderthalb Seiten, skizziert einen Albtraum, der das lebenslange Ringen um Zugehörigkeit und Identität ausdrückt. Damals, 1938, als er sich in Sicherheit bringen musste und Wien verließ, fühlte sich Troller als »wertloses Ding, das hin und her geschubst werden konnte«. Er träumte von der Heimat, und als er sie wiedersah, merkte er, dass ihn niemand vermisst, niemand auf ihn gewartet hatte. »Ich war ein Fremder, überall«, schrieb er. »Ich hatte durch die Vertreibung meine Identität verloren.« Paris hat ihn dann erlöst. Den nötigen Halt fand er im Schreiben und Filmen. Mit dem Filmen ist schon lange Schluss. Aber seine Hermes klappert noch immer.

An diesem Sonntag wird Georg Stefan Troller, inzwischen zweiundneunzig Jahre alt und noch immer zu Lesungen unterwegs, mit dem Schillerpreis der Stadt Mannheim ausgezeichnet.

Georg Stefan Troller: Mit meiner Schreibmaschine. Geschichten und Begegnungen, Edition Memoria, 256 S., Klappenbr., 26 €.

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