Vier Minuten Seligkeit

»Wort zum Sonntag«: Die zweitälteste deutsche Fernsehsendung wird 60

Kaum zu glauben, aber wahr: Unter den TV-Sendungen der piefigen Fünfziger, die bis heute überlebt haben, finden sich weder bunte Shows noch Mordermittler, sondern zwei Formate mit dem Unterhaltungswert leichter Wadenkrämpfe. Ganz oben: Die frisch sanierte »Tagesschau«. Und einen Platz tiefer, weniger renoviert: »Das Wort zum Sonntag«.

Seit dem 8. Mai 1954 schippert die mehr oder weniger erbauliche Kurzpredigt durchs sichere Fahrwasser des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dessen Gründungsvertrag ihm den Bestand garantiert. An jedem einzelnen Wochenende seit Theodor Heuss Bundespräsident wurde und Hannover 96 zuletzt Fußballmeister, sprachen katholische und evangelische Theologen erst zehn, nun vier Minuten im paritätischen Wechsel über Gott in der Höhe und zusehends auch über die Welt darunter. Grund genug, die spärlichen Ereignisse darin mal aufzulisten.

1954: Ausgerechnet am Tag der Arbeit verhindert ein Kabelbruch das Debüt des Sonntagswortes. Nachdem katholische Kleriker bereits eifrig gegen die Übertragung der hl. Messe gepredigt haben, werfen Protestanten den Papisten folglich Sabotage vor. Statt des Aachener Prälaten Mund spricht eine Woche später der Hamburger Pastor Dittmann übers Sehen und Hören.

1969: Nicht, dass 68er oder freie Liebe irgendwas am Zölibat ändern, aber mit Liselotte Nold vom Bayerischen Mütterdienst darf in diesem Jahr die erste Frau zum Sonntag sprechen.

1977: Der evangelische Pfarrer Zink aus Hessen legt als erster Sprecher aus aktuellem Anlass sein Manuskript beiseite und redet frei über die Entführung der »Landshut« nach Mogadischu. So viel Politik in der Sendung galt bis dahin als unschicklich, wird im Anschluss allerdings zum Strukturprinzip.

1979: Für ein Politikum sorgt ebenjener Jörg Zink dennoch in einer seiner gut 100 Predigten, als der Wahl-Schwabe im November die Umweltzerstörung beklagt und den Grünen so angeblich in Baden-Württemberg zum Einzug in den ersten deutschen Landtag verhilft.

1983: Isa Vermehren ist ein echtes Original. Die Lübecker Ordensschwester mischt das Format bis in die Neunziger mit ihrer frischen Art im vollen Ornat auf. Kein Wunder: vor ihrem Gelübde war sie Kabarettistin, die dafür sogar im KZ gelandet war.

1987: Im April spricht mit Johannes Paul II. erstmals ein Papst das »Wort zum Sonntag«. Die Sendung erzielt nicht nur eine Rekordeinschaltquote, sondern gilt zu dieser Zeit als politisches Signal Richtung Osten, dem der Pole kritisch gegenübersteht.

2000: Erstmals wird live von der Reeperbahn gesendet, wo die offizielle Party des Eurovision Song Contests stattfindet. Gegen das johlende Publikum und Stefan Raab als deutschen Vertreter hat es Pastorin Andrea Schneider aus Oldenburg indes schwer.

2011: Mit Papst Benedikt XVI. erweitert sich die Promi-Liste. Unter mehr als 300 Sprechern finden sich zudem der Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, die Kardinäle Döpfner und Ratzinger, der kritische Theologe Hans Küng, TV-Pastor Jürgen Fliege.

2014: Zum 60. Geburtstag spricht Annette Behnken das Wort zum ESC, pardon: Sonntag von der Reeperbahn. Und wie der Ort des Geschehens hat die evangelische Pastorin mit dem alten Bild der Kirche ähnlich viel zu tun wie Papst Franziskus mit dem 1. Konzil von Nicäa von 325, der ersten ökumenischen Zusammenkunft.

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