Notenmenschen

Jürgen Amendt findet, dass Schüler mehr sind als ihre Zensuren

Es ist ein Sturm im Wasserglas, der derzeit durch die Berliner Schullandschaft weht. Die Schüler, die derzeit den Mittleren Schulabschluss (MSA) schreiben, profitieren davon, dass die Noten für die Zulassung zur Prüfung schlechter sein dürfen als früher; auch das Bestehen des MSA wurde erleichtert. Zudem dürfen Sekundarschüler jetzt mit einem schlechteren Notendurchschnitt auf die gymnasiale Oberstufe wechseln. Kritik daran kommt von Schulleitern wie Elternvertretern und Politikern. Übersehen wird dabei, dass es nicht um eine Nivellierung der Qualität der schulischen Bildung nach unten geht. Der Schwierigkeitsgrad der Prüfungsaufgaben in Deutsch und Mathematik sei ähnlich dem vergangener Jahre, heißt es aus Schulkreisen. Insofern ist die Behauptung, mit der Reform würde das Niveau des MSA gesenkt, aus der Luft gegriffen.

Es werden künftig aber weniger Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen. Das ist zu begrüßen, denn ohne Schulabschluss ist der Zugang zur beruflichen Bildung so gut wie unmöglich. Zudem besitzen Abschlussnoten eine eingeschränkte Aussagekraft über die Leistungsfähigkeit eines Schülers. Eine Vier in Mathe kann vieles bedeuten: sie kann Ausdruck mangelnder Begabung, mangelnden Fleißes, aber auch Ergebnis eines gestörten Schüler-Lehrer-Verhältnisses oder eines langfristigen Unterrichtsausfalls sein. Ausbildungsbetriebe wissen das und haben schon heute Auswahlverfahren entwickelt, mit denen sie sich die für sie geeigneten Schulabgänger aussuchen. Persönliches Erscheinungsbild und soziales Verhalten von Bewerbern werden immer wichtiger - und diese Merkmale lassen sich mittels Schulnoten nur unzureichend ausdrücken.

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