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Freifunk für den Freistaat

Thüringen ist weltweiter Vorreiter beim unentgeltlichen Internetzugang

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Thüringen ist weltweit Vorreiter bei der Einrichtung kostenloser Internetverbindungen. Dieser »Freifunk« funktioniert in Weimar schon recht gut.

»Freifunk« nennt sich eine Bewegung, die in ganz Deutschland freies und anonymes Internet zur Verfügung stellen will - ohne finanzielle Interessen, oft unentgeltlich und getragen nur von der Gemeinschaftsidee. Was kaum jemand weiß: Thüringen ist weltweit Vorreiter bei diesem Projekt. Weimar und das kleine Sundhausen gehören zu den Pionieren der Idee.

»Jemandem Internet zu geben ist vergleichbar mit einer Tasse Kaffee: Es ist eine Sache der Gastfreundschaft«, bringt Bastian Bittorf vom »Weimarnetz« die Idee hinter dem Projekt Freifunk auf den Punkt. Seit der Jahrtausendwende ist in der Klassikerstadt eine Gruppe von Internet-Begeisterten dabei, die Idee vom »Freien Netz für Alle« in die Tat umzusetzen. »Neben Berlin und London gehört Weimar zu den weltweiten Pionieren«, ergänzt Andreas Bräu, ebenfalls lang gedienter Mitstreiter bei der momentan etwa 15 Aktive umfassenden Gruppe. Ausnahmsweise spielten die USA bei der Idee kaum eine Rolle. »Das ist prinzipiell ein europäisches Ding«, sagt Bräu.

Für die beiden Männer, die im normalen Leben als Softwareentwickler tätig sind, hat das Projekt in Zeiten günstigster Internet-Verbindungen nichts von seiner Attraktivität verloren. Im Gegenteil: »Eigentlich ist das Ganze vor allem eine politische Angelegenheit: Wichtige Dinge gehören einfach in die Hand der Gemeinschaft, nicht in die einzelner Unternehmen.« Die kommerziellen Anbieter sind die größten Konkurrenten der Idee: Noch vor wenigen Jahren hatte es in Weimar rund 250 Router über die gesamte Stadt verteilt gegeben. Seit die Anschlüsse so billig wurden, sei die Zahl auf etwa 100 geschrumpft, sagt Bittorf.

Einen großen Pluspunkt können die professionellen Firmen jedoch nicht bieten: Weil die Daten innerhalb des Freifunk-Netzes nicht nachverfolgt werden können, ist darüber absolut anonymes surfen möglich. Vor allem die NSA-Affäre hat deshalb für deutlich mehr Nachfrage gesorgt. »Missbrauch hat es damit aber bisher keinen gegeben«, sagt Bittorf. Und selbst wenn es einmal Probleme gäbe, seien die Freifunk-Nutzer auf der sicheren Seite: Alle Daten laufen über einen zentralen Server, der von der Freifunk-Community als Provider betrieben wird. Und diese könnten aufgrund des sogenannten Provider-Privilegs nicht für Vergehen der Nutzer zur Verantwortung gezogen werden.

Bei dem Kampf um diese Rechtssicherheit war ausgerechnet das kleine Sundhausen (Unstrut-Hainich-Kreis) ein weltweites Modellprojekt: »Wir waren der Vorreiter, was das rechtliche Grundkonstrukt angeht. Noch vor Berlin oder anderen Metropolen«, sagt Thomas Kühn, die treibende Kraft hinter dem Projekt. 2007 schlossen sich die Nutzer im Ort in einer Genossenschaft zusammen. Damals war Sundhausen noch ein weißer Fleck auf der Internet-Landkarte. Die Verbindung musste umständlich über Richtfunk hergestellt werden. Heute sind insgesamt fünf Dörfer um Sundhausen untereinander und mit dem Internet vernetzt, rund 100 Nutzer sind Teil der Genossenschaft. Inzwischen sorgen mehrere Schnittstellen für eine gute Anbindung. »In Sundhausen hat man im ganzen Dorf W-LAN-Empfang.«, sagt Kühn. »Vor allem für die jungen Leute ist das extrem positiv und wichtig.«

Je größer der Ort, umso schwieriger natürlich auch die Abdeckung. In Weimar gebe es vor allem am Goethe-Platz und am Markt derzeit Hotspots, der Rest der Stadt ist in unregelmäßigen Abständen versorgt, sagt Bittorf. »Für eine Komplettabdeckung bräuchten wir ungefähr 6666 Geräte, davon sind wir leider noch weit entfernt - aber man weiß ja nie, wie sich das entwickelt.«

Das Prinzip ist zumindest in Weimar dank vieler Teilnehmer ganz einfach: Wer mitmachen will, kann schon mit einem etwa 15 Euro teuren Basis-Router einsteigen, auf den eine eigene, freie Software installiert wird. Profis in dem Geschäft installieren dagegen auch mal eine eigene Antenne auf dem Dach oder dem Balkon. »Bei Problemen stehen wir natürlich auch mit Rat und Tat zur Seite«, sagt Bittorf.

In Weimar ist den Freifunk-Streitern indes ein neuer großer Wurf gelungen: In allen städtischen Gebäuden dürfen künftig Router des Weimarnetzes aufgestellt werden, die Kommune hat erst kürzlich grünes Licht gegeben. Kosten für die Kommune entstehen dabei keine, der Nutzen für die Bürger und Besucher, die nicht auf kommerzielle Angebote zurückgreifen müssen, ist umso höher. »Wenn es so etwas auch in anderen Städten gäbe, wäre das ein großer Schritt in die Richtung«, sagt Bittorf.

Auch in Erfurt und Jena gibt es Freifunk-Gemeinden. Von Zuständen wie in Weimar oder Sundhausen können diese Städte aber bisher nur träumen. In Jena gibt es rund 35 Einwahlknoten in der Stadt, vor allem in der Nähe der Krautgasse. »Das Projekt ist aber hier immer wieder eingeschlafen«, sagt Michael Stöcker vom Freifunk-Team in Jena. »2013 sind wir neu durchgestartet, innerhalb von wenigen Monaten sind fast 20 neue Router ans Netz gegangen.« Einer der Gründe: Bis heute lasse die Internetversorgung vor allem in der Innenstadt Jenas doch sehr zu wünschen übrig.

Schlusslicht in der Entwicklung in Thüringen ist ausgerechnet die Landeshauptstadt. Auch hier war das Projekt eingeschlafen und wird erst seit ein bis zwei Jahren wieder verfolgt. Hier mangelt es nicht nur an Interessenten und Personen, die sich auf der technischen Seite auskennen, sagt Stephan Jauch, der das Projekt vorantreibt. »Bezogen auf die Größe von Erfurt gibt es einfach zu wenige Interessenten. Ich bezweifle, das sich das sehr schnell ändern wird«, sagt Jauch. Derzeit stünden die Router meist noch völlig vereinzelt, eine größere Abdeckung etwa in der Innenstadt gebe es nicht. »Das ist schade - dabei kann man vor allem über das Intranet viel machen. Aber vielleicht ist Erfurt auch einfach zu provinziell.«

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