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Ein Sieg für die Toleranz

Dragqueen Conchita Wurst gewinnt den Eurovision Song Contest

  • Von Bengt Arvidsson
  • Lesedauer: 3 Min.
Die bärtige Dragqueen Conchita Wurst aus Österreich hat das Finale des Eurovision Song Contest für sich entschieden. Aus Russland, das heftig ausgebuht wurde, hatte es Kritik an Wurst gegeben.

Die neue Königin trägt Bart. Conchita Wurst ist der neue Stern am europäischen Schlagerhimmel. Die österreichische Dragqueen mit dem ursprünglichen Namen Tom Neuwirth konnte das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Kopenhagen in der Nacht zum Sonntag mit der an James-Bond-Filmlieder erinnernden Ballade »Rise Like A Phoenix« überraschend deutlich für sich entscheiden. »Ich habe keine Worte. Mir fällt nichts ein«, schluchzte Wurst direkt nach der Gewinnerbekanntgabe. So groß war die Freude.

Mit dem Sieg beschert die 25-jährige Kleidermacherin aus der Steiermark der Alpenrepublik erstmals seit Udo Jürgens »Merci Cherie« im Jahr 1966 wieder den Titel und die Austragung des Wettbewerbs in der österreichischen Hauptstadt Wien im kommenden Jahr. Mit 290 Punkten errang Conchita Wurst das viertbeste Ergebnis seit Anbeginn des ESC. Insgesamt sollen europaweit zwischen 120 und 180 Millionen Menschen das Fernsehspektakel verfolgt haben. Sängerinnen und Sänger aus 37 Ländern nahmen am 59. Grand Prix teil.

Auf Platz zwei folgte das niederländische Country-Duo The Common Linnets mit »Calm After The Storm« gefolgt von der Schwedin Sanna Nielsen und ihrer melancholischen Ballade »Undo«. Das deutsche Folk-Pop-Trio Elaiza landete auf Platz 18. Das ist immerhin eine Verbesserung der deutschen Platzierung von Rang 21 im Vorjahr. Der Schweizer Sebalter pfiff sich charmant zum 13. Rang, was für die Schweiz immerhin die beste Platzierung seit 2005 war.

Der europaweite Triumph der österreichischen Dragqueen, die mit ihrer Geschlechter übergreifenden Erscheinung die Unabdingbarkeit herkömmlicher Konventionen hinterfragen möchte, wurde von den Kommentatoren im Gastgeberland Dänemark als Sieg für das tolerante Europa und gegen Engstirnigkeit und Homophobie gefeiert.

Der ausdrücklich unpolitische Schlagerwettbewerb sei noch nie zuvor unterschwellig so politisch gewesen, hieß es. In der Tat fordert Conchita Wurst alte Konventionen heraus. Auf ihrer Internetseite steht, dass ihr Vorname in Kolumbien ein verniedlichender Ausdruck für Vagina sei. Der Nachname Wurst bedeutet nicht nur in Österreich »egal«. Neuwirth hat sich seine Kunstfigur als Travestiekünstler auch als Reaktion auf die Diskriminierung erschaffen, die er als homosexueller Jugendlicher erlebt hat.

Schon im Vorfeld des Finales in der dänischen Hauptstadt wurde Kritik an dem österreichischen Beitrag laut. Vor allem aus einigen konservativeren Teilnehmerländern gab es negative Stimmen. Daher solidarisierte sich die dänische Moderatorin Lisa Rönne schon während des Semifinales durch demonstrative Umarmungen und wiederholte Ausrufe (»Du bist so wunderschön Conchita!«) mit Wurst. Rönne fragte Wurst auch scherzhaft, ob sie nicht mit ihr eine Platte aufnehmen wolle und hielt ihr das bereits fertige CD-Cover in die Kamera. Auf dem war in Anlehnung an einen ABBA-Song zu lesen: »The Wiener takes it all«. Auch vom Publikum und vielen anderen Artisten erhielt Conchita Wurst wegen der zahlreichen Anfeindungen viel Rückendeckung.

Zu den Kritikern von Wurst gehörte Aram MP3 aus Armenien, der die Dragqueen öffentlich für »nicht normal« und »inakzeptabel« hielt, und bekundete, sie solle »entscheiden ob sie eine Frau oder ein Mann ist«. In Russland sollen angeblich über 100 000 Unterschriften eingesammelt worden sein, um eine Übertragung des österreichischen Beitrags zu verhindern.

Doch so eindeutig wie erwartet ließ sich Europa dann doch nicht in der Wurstfrage spalten. Hohe Punktzahlen erhielt Österreich unter anderem auch aus Georgien, Ungarn und Litauen. Sogar Russland vergab fünf Punkte für die Alpenrepublik. Für Russland selbst war die diesjährige Teilnahme ein Desaster. Bei der Punktevergabe wurde fast jede Wertung für die russischen Teilnehmerinnen von Buhrufen in der Kopenhagener Festarena begleitet.

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