»Glaube mir: Niemand fühlt mit uns«

Für eine neue Dokumentation über Flüchtlinge in Berlin muss noch Geld gesammelt werden

Die Filmemacherin Susanne Dzeik geht neue Wege: Für ihre Dokumentation über Menschen, die aus politischen Gründen nach Deutschland flüchteten, will sie per Crowdfunding 5000 Euro sammeln.

Berlin-Hellersdorf, 20. August 2013. Auf dem Alice-Salomon-Platz stehen rund drei Dutzend Neonazis mit Transparenten, eng abgeschirmt von der Polizei. Drumherum hunderte Antifas, auch AnwohnerInnen, Lokalprominenz und PolitikerInnen. Die NPD demonstriert gegen eine Sammelunterkunft in der nahe gelegenen Carola-Neher-Straße, wo soeben die ersten Geflüchteten, unter anderem aus Syrien, eingezogen sind.

Mittendrin steht Susanne Dzeik mit ihrer Kamera, vor ihr ein junger Mann, den Tränen nahe. Es ist Shaher Z., einer »ihrer« Protagonisten, wie die Berliner Filmemacherin Dzeik die Menschen in ihren Dokumentationen liebevoll nennt. Der 29-Jährige ist aus Palästina geflüchtet, lebte zunächst im Berliner Erstaufnahmelager in der Motardstraße, sollte in das alte Schulgebäude in Hellersdorf transferiert werden. Während die Kamera auf sein Gesicht hält und hinter ihm PolizistInnen in Kampfmontur und GegendemonstrantInnen zu sehen sind, sagt Z.: »Ich musste mein Land verlassen, weil ich keine andere Wahl hatte. Jetzt bin ich hier und überrascht über diese Situation.« Er ringt sichtlich um Fassung: »Das war sehr schwierig. Glaube mir, niemand fühlt mit uns.«

Für ihr aktuelles Filmprojekt begleitet und dokumentiert Susanne Dzeik seit gut einem Jahr mit der Kamera Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, die nach Deutschland geflüchtet sind, stellt ihre alltäglichen Probleme, ihre Sorgen, ihre Ängste und Wünsche dar. »Cloud Making Machine« heißt der Film, die »Wolkenmaschine«. Das Wort stammt von einem der Bewohner der Motardstraße, in deren unmittelbarer Nähe das Heizkraftwerk Reuter steht. Zwei Schornsteine und ein riesiger Kühlturm blasen Dampf in den Himmel - hier werden die Wolken für Berlin gemacht.

»Der Name ist eine Metapher für die Situation, auf die die Geflüchteten hier stoßen. Zum einen drückt der Wolkenteppich von oben auf die Gegend rund um die Motardstraße, der für die dort Lebenden undurchschaubar ist«, erzählt Susanne Dzeik beim Besuch in der nd-Redaktion Anfang Mai. Für sie ist der Wolkenteppich zum anderen ein Symbol für »die undurchschaubare Bürokratie, mit der Flüchtlinge in Deutschland konfrontiert sind«. Jeder und jede in der Motardstraße zittere vor dem großen Interview beim Bundesamt für Migration. Die Menschen stehen vor hohen Hürden, sie müssen große Erwartungen erfüllen, um als Asylsuchende, als politisch in ihrer Heimat Verfolgte anerkannt zu werden. »Nach Hellersdorf transferiert zu werden, war für viele ein unglaublicher Einschnitt«, sagt Dzeik. Auch da versteht man, was mit diesem Wolkenteppich gemeint ist: Nichtverstehen und Unsicherheit.

»Ich wusste nicht, was Nazis sind«, sagt der in Pakistan politisch verfolgte Muhammad Z., »aber wenn jemand wegen dir demonstriert, fühlt sich das sehr befremdlich an.« Der 21-Jährige ist ein weiterer Protagonist in Dzeiks neuem Film. Dass er wegen seiner Hautfarbe, seiner Herkunft von Neonazis angefeindet wird, nennt er schlicht »Bullshit«.

Die 46-jährige Wahlberlinerin Susanne Dzeik macht seit über 20 Jahren Filme. Anfangs arbeitete sie bei Ak Kraak, einem regelmäßig erscheinenden Videomagazin der Hausbesetzerszene. Dort drehte sie kleine Berichte und kurze Reportagen bei Demonstrationen, Häuserräumungen, linken Aktionen, die auf Videokassetten verteilt und in den Infoläden der Szene für kleines Geld abgegeben wurden. Ende der 1990er Jahre habe sie begonnen, auch längere Dokumentationen zu drehen, sagt Dzeik - meist ging es um Themen der sozialen Bewegungen. Viel war die Autodidaktin an der Kamera in Lateinamerika unterwegs, einmal im Jahr, immer für mehrere Monate. Nach einer dieser Reisen zusammen mit ihrer Kollegin Kirsten Wagenschein entstand ein Film über Zanon, eine seit der Übernahme durch die Arbeiterinnen und Arbeiter im Jahr 2002 unabhängig produzierende Keramikfabrik in Argentinien. »Unser Zanon-Film wurde in mehrere Sprachen übersetzt und in vielen verschiedenen Ländern gezeigt. Der ist richtig gewandert«, sagt Dzeik.

Eine spätere Reise führte sie nach Brasilien, wo sie über die grassierende Polizeigewalt, die Toten und deren Familienangehörige berichtete. Nach dem Film »Von Mauern und Favelas - Polizeigewalt in Rio« (2005), der weltweit gezeigt wurde, sei endgültig die Entscheidung gefallen, »sich professionalisieren zu wollen«, sagt Dzeik, die dann an der Filmarche Berlin, der größten selbstorganisierten Filmhochschule Europas, Kamera zu studieren begann.

Ihr Anspruch hat sich seit den Anfangstagen kaum geändert. Sie will den Menschen mit der Kamera auf Augenhöhe begegnen, sie nahbar machen. Für die Dokumentation »Nach dem Brand«, in der die Überlebenden des rassistischen Anschlages im schleswig-holsteinischen Mölln porträtiert werden, hat sie als Kamerafrau fünf Jahre lang die Arslans begleitet, die damals drei Familienmitglieder verloren. »Es ist mir wichtig, die Situationen der Menschen darzustellen, zu zeigen, was sie bewegt. Dafür muss man Vertrauen gewinnen. Das dauert eben sehr lange.«

Wie hält sie das aus, ist die Frage, sie spricht über Jahre mit schwerst traumatisierten Menschen, hält die Kamera auch dann drauf, wenn die Menschen stark emotional reagieren, weinen, zusammenbrechen. »Gerade der Dokumentarfilm ist darauf angewiesen, dass Menschen das geben, was sie bereit sind zu geben«, sagt Dzeik, aber ihr Gegenüber wisse stets, dass es die Möglichkeit gibt, »Stopp« zu sagen, und vertraue darauf. »Das ist unglaublich wichtig, die Entscheidung, wann Schluss ist, wann sie etwas nicht erzählen wollen, liegt bei meinen Protagonisten.«

»Einmal haben wir eine 14-Jährige interviewt, deren Freund erschossen wurde. Sie war schwanger.« Nach dem Gespräch habe sie gesagt: »Ihr seid die Ersten gewesen, denen ich überhaupt meine Geschichte erzählt habe.«

»Sie hat die ganz Zeit mit einem Lächeln erzählt«, sagt Dzeik. »Erst im Nachhinein haben wir gemerkt, dass das ein Zeichen für eine starke Traumatisierung war. Sie hatte keinerlei psychologische Betreuung, mittlerweile ist sie tot. Da frage ich mich im Nachhinein, ob wir ...«, sie stockt, »... nein hätten wir nicht, aber ...« Manchmal frage sie sich, »wie ich meine Leute mehr unterstützen kann - und du kannst es nicht«. Aber einen Widerspruch zwischen ihren Tätigkeiten als Journalistin und als politische Aktivistin sieht sie nicht, »das läuft auch parallel«. Wenn sie jemand um Rat frage, vermittle sie auch Anwälte oder helfe anders weiter.

In das aktuelle Projekt »Cloud Making Machine«, in dem Dzeik sowohl Kamerafrau als auch Regisseurin ist, sei sie eher zufällig gerutscht. Die Sozialarbeiterin Maryam Somaya Grassmann hatte in der Motardstraße das Projekt »Impulse« gestartet. Wöchentlich konnten jugendliche BewohnerInnen des Aufnahmelagers bei erfahrenen KünstlerInnen oder TänzerInnen Workshops besuchen. Entstanden ist das Tanztheaterstück »Do Butterflies Have Borders?« (Haben Schmetterlinge Grenzen), in dem sich die Jugendlichen mit ihrer Flucht, ihren Traumata und ihrer Identität auseinandersetzen. Im Budget enthalten waren Mittel für die filmische Dokumentation. So wurde Dzeik gefragt, ob sie den Film realisieren wolle. Sie sagte ja, heraus kam ein halbstündiger Film, »und ich habe gemerkt, dass ich weitergehend die Schicksale der Menschen darstellen möchte«, sagt Dzeik.

Seit einem Jahr sitzt sie mit dem Produzenten Armin A. W. Eichhorn nun an dem Langfilm. Der größte Teil ist bereits abgedreht, nun soll es an den Schnitt gehen, eventuelle Nachdrehs organisiert werden. »Wir wollen uns in die Lage versetzen, uns ausschließlich auf den Film konzentrieren zu können« - und das kostet Geld.

»Geld ist ein großes Thema. Da muss man über Finanzierung und Filmförderung sprechen, und das ist alles ein großer Scheiß!« Klare Worte der Filmemacherin, die weiß, wovon sie spricht. Viele ergebnislose Anträge und Konzepte hat sie verschickt. Ob »Filmförderung bekommen« ein Euphemismus für erfolgloses Klinkenputzen sei? »Ja«, sagt sie und lacht.

Eine Förderung gebe es nur noch, wenn ein Fernsehsender ein Projekt unterstützt. Doch Dokumentarfilme seien in den letzten Jahren stark reduziert worden, und Sendeplätze wie »Das kleine Fernsehspiel« im ZDF seien völlig überlaufen, sagt Dzeik. »Dokumentarfilmer haben in Deutschland die prekärste Situation unter den Filmemachern.« Einer steigenden Anzahl von Filmenden - die Technik ist erschwinglich geworden, die Hürden niedriger - stehen immer weniger Sendeplätze und schrumpfende Budgets gegenüber.

Ein Jahr lang hatten sie und das Team um Regisseurin Malou Berlin erfolglos versucht, für »Nach dem Brand« eine Förderung zu bekommen. Erst als eine Redakteurin des Norddeutschen Rundfunks einen Rohschnitt des Filmes gesehen hatte und schwer beeindruckt war, trat der NDR als Co-Produzent ein. Mit einer Finanzierung hätte die Produktion nicht so lange gedauert.

»Cloud Making Machine« soll nun über Crowdfunding finanziert werden, die Finanzierung durch die Menge (siehe Kasten). »Für mich war das die Möglichkeit, es anders zu probieren, nicht wieder diesen langen Weg gehen.« Das Gute daran sei, »dass man für sein Projekt schon im Vorfeld eine Zielgruppe aufbauen kann«. Wer spendet, ist dabei, interessiert sich im Vorfeld für den Film, das Album, was auch immer finanziert werden soll. 5000 Euro wollen Susanne Dzeik und ihr kleines Team so sammeln, bislang haben sie kaum die Hälfte des Geldes zusammen. 30 Tage sind noch Zeit.

Infos zu Film und Finanzierung: startnext.de/cloud-making-machine

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Das Blättchen Heft 21/17