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Sie sorgte sich um alle

Als die Mutter starb, brach eine Welt zusammen

  • Von Gisela Tews , Berlin
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der 7. Mai 1946 - das war der furchtbarste Tag in meinem Leben. In den frühen Morgenstunden schloss meine geliebte Mutter ihre Augen für immer. Ich war erstarrt, unfähig das Unfassbare zu fassen. Ich verlor mit ihr meine beste Freundin, mit der ich alles besprechen konnte, die immer geradebog, was schiefgelaufen war. Jetzt war sie der Tbc, jener Hungerseuche, erlegen!

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Sie hatte sich erkältet: Kein Wunder wenn man Abend für Abend aus dem warmen Bett in den eiskalten Luftschutzkeller eilen musste, und dort meist bis früh um 2 Uhr angstvoll dem Schießen, ja Schreien zuhörte. Dann kam Fieber dazu, schweißnass saß sie im Keller, unaufhörlicher Husten quälte sie, und kein Arzt kam zu Hilfe. Die Mediziner waren ja fast alle im Krieg. Endlich gelang es Mutter, einen Termin bei einer Ärztin zu bekommen. »Ist eine Rippenfellentzündung« stellte die fest. »Da hustet man eben lange.« Wenn täglich Tausende an den Fronten und unter Bomben starben, was war da schon ein Menschenleben wert? Als endlich im August 1945 die Tbc entdeckt wurde, hätte nur das Schweizer Medikament »PAS« sie retten können. Doch es war unmöglich, es zu bekommen.

Was musste meine Großmutter leiden, die in dieser Nacht am Totenbett ihrer Tochter gewacht hatte. Als Opfer des Ersten Weltkrieges hatte sie wegen der gleichen Krankheit ihren 18-jährigen Sohn verloren. Der Zweite Weltkrieg nahm ihr nun die Tochter. Immer waren es Hunger und Entbehrungen. Wir hatten ja keine Verwandten auf dem Land, niemand schickte uns dicke Pakete. Von den schmalen Rationen hatte Mutter das meiste meinem Vater und mir gegeben.

Ich musste daran denken, wie sie mit Klugheit und Umsicht alle Hausbewohner während der Bombenangriffe auf Berlin gerettet hatte. Der letzte Führerbefehl lautete: Alle Bewohner der Randbezirke - also auch wir aus Weißensee - sollten in die Innenstadt fliehen. Doch Mutter widersetzte sich, sagte ganz ruhig und überlegt: »Sollen wir da alle zusammengeschossen werden? Wir bleiben!« Und das war die einzig richtige Entscheidung, denn ein einziges Flugzeug kam, warf eine Bombe ab, während die Innenstadtbezirke in Schutt und Asche zerfielen. Zum Glück gab es bei uns nur einen Toten und vier Verwundete, die Mutter versorgte. Dann tauchten plötzlich fünf alte Männer mit Armbinden »Volkssturm« auf, die für den »Endsieg« noch verheizt werden sollten. Mutter überredete sie, nach Hause zu gehen. Am 21. April rollten die Panzer der Roten Armee in die Weißenseer Straße, an der Grenze zu Heinersdorf. Befreit! Was blieb, war der Hunger. Auf der Wiese hinterm Haus säten wir Mangold, rissen alles essbare Unkraut aus.

1949 fand die erste Röntgen-Reihenuntersuchung in Berlin statt. Mein Befund: Tbc. Da dachte ich - die Leiden meiner Mutter noch in Erinnerung - ans Aufgeben. Doch dann stand mein damaliger Chef, Prof. Kahn vor der Tür, packte mich ins Auto und fuhr mich nach Buch ins Dr. Heim-Lungenkrankenhaus. Weihnachten holte er mich geheilt wieder ab. Woche für Woche besuchten mich meine Kollegen, immer hatten sie für Essbares gesammelt.

Erst nach vielen Jahren erfuhr ich, dass die Russen dem Krankenhaus »PAS« geliefert hatten.

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