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Das »Hypezig«-Phänomen

Leipzig wird derzeit derart gelobt, dass Experten schon eine »Informationsblase« befürchten

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Sachsens größte Stadt Leipzig gilt heute als angesagte Szenemetropole. Fans, die es längst aus ganz Deutschland hierher lockt, preisen ihren Charme. Doch wo liegen die Kehrseiten dieses Booms?

Sachsens größte Metropole ist auf der Überholspur, schon seit Jahren hält der Hype um Leipzig an. In allen großen Blättern wird sie als »hipste« Großstadt der Republik belobhudelt. Vom »Disneyland des Unperfekten« las man in der F.A.Z., »vom Biotop der Schwulenszene« in der »Zeit«. Immer wieder fällt auch ein gewagter Vergleich: »Wie Berlin, nur besser«, befand etwa »Spiegel Online«. Selbst die New Yorker Szene-Experten sind nicht nur überzeugt: »Berlin is over.« Auch auf ihrer Alternativliste steht nun ganz oben Leipzig. Drei Studenten versuchen gegenwärtig, dieses Phänomen im Rahmen eines wissenschaftlich-journalistischen Projekts zu hinterfragen.

Es sei der »unfertige«, auch etwas »rotzige« Charme, der hier noch zu finden sei, nachdem Berlins Prenzlauer Berg zunehmend in Spießigkeit erstarre, behaupten Fans, die von der Spree an die Pleiße umzogen. Hier feiern sie die »entspannte Szene ohne Ghettos und Schickeria«, loben preiswerten Wohnraum, bezahlbares Theater, reichlich Radwege, eine Kette neuer Tagebauseen sowie die Vielfalt an Kneipenmeilen, wie sie Berlin und Hamburg nicht zusammen bieten. Es gelinge hier noch, »ein bisschen zu arbeiten, um viel zu leben«, schwärmen junge Hipster. Nicht zuletzt die Universität partizipiert von dem Boom.

»Leipzig - the better Berlin«, heißt es denn gar auf 16 000 Stickern, die bundesweit kursieren. Der Erfinder des Slogans steht indes eher nicht für das Milieu, das in gelifteten Industriebrachen auch eine höchst kreative Maler- und Galeristenkolonie um den in den USA gefeierten Neo Rauch gebar. Es ist vielmehr Bernhard Rothenberger, Wirt des mondänen »Auerbachs Keller«. In dem 600 Jahre alten Lokal, in dem einst Goethe in »Faust I« seinen Mephisto auf dem Weinfass davonreiten ließ, speisen jährlich 350 000 Gäste aus aller Welt.

Selbst wenn Leipzigs Stadtobere den Berlin-Vergleich eher ablehnen, fühlen sie sich doch bestätigt durch eine EU-Analyse, in der der Geograf und Ethnologe Bastian Lange vom Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde seine Stadt etwa mit Amsterdam, München, Toulouse oder Riga vergleicht. Wie auch dort werde man offenbar mit einer »blühenden Kunst- und Kreativszene und viel Platz, Neues auszuprobieren« attraktiv für internationale Wissensarbeiter. Eben das sei ein Vorzug post-sozialistischer Metropolstädte mit ihren gewaltigen ungenutzten Altbauflächen und Industriequartieren, die »noch nicht durchdefiniert, noch nicht vom Immobilienmarkt entdeckt« seien. Für Lange ist das der »Humus der Kreativwirtschaft«.

So wächst Leipzig entgegen dem ostdeutschen Trend jährlich um 10 000 Menschen. Prognosen erwarten bis zum Jahr 2032 zwischen 560 000 und 640 000 Einwohner; momentan sind es 525 000. Dabei liegt die Arbeitslosenquote noch immer bei gut zehn Prozent. Indes sollen allein 2014 rund 6000 sozialversicherungspflichtige Jobs neu hinzukommen. Porsche baut bereits mehr Autos in Leipzig als in Stuttgart.

Und wie überall, wo sich eine authentische Szene etabliert, ist es eine Frage der Zeit, bis Spekulanten oder Immobilienhaie die trendigen Signale für sich zu nutzen suchen. So wird auch Europas größtes Gründerzeitviertel nun peu à peu wieder »in Wert gesetzt«. Noch nehmen sich Quadratmetermieten von 5,30 Euro im sanierten Altbau moderat aus, doch mit dem Leipzig-Hype wachsen sie bereits beständig. Einstige Hausbesetzer suchen nunmehr Kindergartenplätze. Immerhin ist Leipzig dank Zuzug und einem so nicht erwarteten Babyboom laut Ranking der Zeitschrift »Focus« auch bereits die Stadt mit dem bundesweit größten Bevölkerungszuwachs im Verhältnis zur Stadtgröße.

Doch die Metropole sei eben »mehr als illegale Partys und schöne Altbauviertel. Leipzig ist auch, wenn Wohnraum luxussaniert wird und die Bewohner ausziehen müssen«, stellen etwa drei zugereiste Studenten fest: Sie versuchen momentan, sich dem »Hypezig«-Phänomen wissenschaftlich-journalistisch zu nähern. Auf einer Internetplattform stellen sie dazu die Stadt und ihre Bewohner vor. Sie wollen das Thema nüchtern diskutieren und die bisher vor allem gefühlte Entwicklung empirisch be- oder auch widerlegen.

Unterstützt werden sie ebenfalls vom Leibniz-Institut für Länderkunde. Dessen Direktor Prof. Dr. Sebastian Lentz hält es durchaus für möglich, dass sich in Bezug auf Leipzig gerade »eine kleine Informationsblase aufgebläht« habe, die vielleicht »morgen schon wieder eine andere Stadt trifft«. Indes fügt er hinzu: »Was an Leipzig nach wie vor toll ist, sind seine Möglichkeitsräume.«

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