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Das Monster, das sind die Anderen

Im Kino: »Godzilla« von Gareth Edwards

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Herrlich. Diese Titel: »Godzilla gegen Megaguirus«, »Godzilla - Kampf der Sauriermutanten« oder auch: »Die Brut des Teufels: Konga, Godzilla, King Kong«. Bei einem solchen Fest der cineastischen Schrott-Kultur käme man kaum auf die Idee, die Wurzel der Geschichte um das Echsen-Monster Godzilla bei den Atombomben-Toten des Zweiten Weltkriegs zu suchen: Der erste Godzilla-Film von 1954 muss heute als todernste, künstlerisch gelungene Auseinandersetzung mit Hiroshima und Atomtests gedeutet werden.

Godzilla ist Kind des Atoms - der todbringende Pilz hat die legendäre japanische Riesenechse erst erweckt, bzw. erschaffen. Die neue US-Version des Monstermärchens bietet eine (die US-Armee entlastende) Variante: Die nuklearen Explosionen in den 1950er Jahren im Bikini-Atoll waren laut »Godzilla« des britischen Jungregisseurs Gareth Edwards gar keine US-Tests. Sie waren der verzweifelte Versuch, dem 100 Meter großen T-Rex-Verschnitt mit der ultimativen Waffe des Menschen zu Leibe zu rücken.

Dabei ignorierten die Militärs, dass das launenhafte Mega-Reptil aus Radioaktivität seine monströse Kraft bezieht. Durch menschliche Kurzsichtigkeit also erst unbesiegbar gemacht, schlummert der träge Gigant seither unbehelligt, aber unter scharfer Beobachtung, in den Weltmeeren - bis monstermäßige Konkurrenz auftaucht.

Die Programmierung eines beeindruckenden Leinwandmonsters ist heute keine Herausforderung mehr, wie die majestätischen Kreaturen aus »Pacific Rim« und der umwerfende neue Godzilla zeigen. Das Problem sind die Menschen, die sich zwischen den Schlachten tummeln. Dennoch brauchen diese Filme keine Stars, sie haben ja das Monster. In »Godzilla« tritt sich trotzdem eine beeindruckende Besetzung von Bryan Cranston über David Strathairn bis zu Juliette Binoche auf die Füße.

Monsterfilmregisseure haben zwei Möglichkeiten, mit der menschlichen Ebene umzugehen: mit comichafter Überdrehung oder mit ernster Betrachtung der Folgen von Chaos und Zerstörung. In seinem Film »Monsters« legte Edwards (wie auch Bong Joon-ho in »The Host«) den Fokus nicht auf die Untaten der Kreaturen. Ihn interessierte das Leid der Menschen: Sie werden zur Manövriermasse von Evakuierung, Visa-Regime und Kriegsrecht - der Kampf gegen das Monster rechtfertigt alles. Parallelen zum »Krieg gegen den Terror« sind nicht zu übersehen. Im Grunde ist es egal, ob Erdbeben, Monster oder Taliban Anarchie erzeugen - entscheidend ist der Umgang damit und das Bemühen, im Chaos menschlich zu bleiben. Denn das wahre Monster, das sind die Anderen.

Der neue »Godzilla« ist kein reiner Fantasy-Film. Dafür ist die Darstellung von Zerstörung und Verwilderung zu realistisch, zu düster. Aber im Gegensatz zur furiosen Action-Ebene schwächelt Edwards, wenn es menschelt. Völlig zu Recht bemerkte der »Guardian«, dass man, »während viele Menschen lieber Godzilla sehen würden, einem Haufen Homo Sapiens dabei zusieht, wie sie krampfhaft (und vergeblich) versuchen, dem Drama ein ›menschliches‹ Gesicht zu verleihen«. Der Film zeigt zwar das durch die Kreaturen verursachte Elend, aber nicht, was dieses Elend wiederum monströses aus den Menschen macht. Eher läuft es andersherum: Je schrecklicher die Monster, umso heller strahlen die Menschen, die natürlich auch unter großer Bedrängnis zuerst ihrem Nächsten helfen.

Man kennt das aus Monster-Krachern wie »Independence Day« oder »War of the Worlds«, wo in Drucksituationen die Proleten von nebenan ebenso wie US-Präsidenten zu besseren Menschen werden. Das ist herzerwärmend, konterkariert aber in »Godzilla« Edwards’ offensichtlichen Anspruch, die hanebüchene Fantasy-Story mit Realität zu unterfüttern.

Die Realität drängt sich dennoch in den Film. Oder ist es Zufall, dass der bodenständige Godzilla gegen riesenhafte Heuschrecken antreten muss? Soll mit solch flacher Symbolik der Konflikt zwischen mittelständischer »sozialer« Marktwirtschaft und Hedge-Fonds als epische Monsterschlacht verarbeitet werden?

Auch eine Parallele zur Situation in der Ukraine ist auszumachen. Die Erde im Film ist, wie das osteuropäische Land, das zufällige Schlachtfeld zweier hoch überlegener Spezies. Wie eine Naturgewalt zerstören sie die Gesellschaften, ohne an den Menschen zwischen den Fronten im geringsten interessiert zu sein. Dieses Szenario teilt sich »Godzilla« mit zahlreichen Genrefilmen, etwa mit der »Alien vs. Predator«- oder (eingeschränkt) der »Transformer«-Reihe.

Wie beim ersten »Godzilla« ist auch bei Edwards das eigentliche Monster der menschliche Einsatz des Atoms - wobei mit AKW-Super-Gau und anschließendem Tsunami nicht auf Hiroshima, sondern auf Fukushima verwiesen wird. Wie die Japaner es wohl finden werden, dass Filmfirmen der Verursacher-Nation des ersten Atom-Traumas nun die Geschichte des jüngeren Atom-Traumas deuten?

Godzilla - einst Strafe und Symbol für menschliche Hybris - entwickelte sich im Laufe der Reihe »vom großen Zerstörer zum großen Freund«, wie Kritiker Georg Seeßlen beobachtet. Der Abstieg der einst tragischen, furchterregenden und bitterersten Figur Godzilla zum Mummenschanz ist, neben einer unersättlichen Produktionsfirma, auch der deutschen Synchronisation geschuldet. Die schmuggelte in die jeweiligen Titel gerne noch andere Monster wie Frankenstein oder King Kong - auch wenn die gar keinen Auftritt in den Filmen hatten.

Bei den über 25 japanischen Folgefilmen seit 1954 stapfte noch bis zur vorerst letzten Folge von 2004 ein Schauspieler im Monsterkostüm durch Pappmaché-Städte - in sogenannter »Suitmotion-Technik«. Roland Emmerichs Version von 1998 bleibt übrigens in stiller Übereinkunft in fast allen Listen der Filmreihe unerwähnt. Sie ist bei den echten Fans dermaßen durchgefallen, dass sie nicht mal mehr Ziel von Spott ist.

Am Anfang des Monster-Movie-Genres standen »Frankenstein« (1910), »Nosferatu« (1922) und »King Kong« (1933), es folgte der Oldschool-Grusel der 50er Jahre wie »Tarantula« oder »Creature From The Black Lagoon«. Die modernen Stars heißen »Alien«, »Cloverfield« oder (in »Pacific Rim«) »Kaiju«.

Gemessen an Ruhm, Anzahl der Filme und Relevanz hat »Godzilla« sie alle auf die Plätze verwiesen. Der »König der Monster« ruft im Fanhirn ebenso wie »King Kong« und Dracula die ganze Palette an Grusel-Kultur seit den 50er Jahren ab. Im Vergleich zu Affe und Vampir aber hat die Echse (schon allein durch die hochmoderne Nähe zum Atom) erheblich mehr Zukunftspotenzial - und also noch einige Fortsetzungen vor sich.

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