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Einzug der Moderne in die Alte Försterei

Mit Norbert Düwel wird ein Fußballlehrer der Nachfolger von Trainer Uwe Neuhaus beim 1. FC Union Berlin

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Beziehung zwischen dem 1. FC Union und dem neuen Chefcoach ist eine Chance für beide - die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen.

Trainer oder Fußballlehrer? Der 1. FC Union Berlin hat am Dienstag einen wertvollen Beitrag zur Differenzierung des Berufsbildes geleistet. Als Norbert Düwel im VIP-Bereich der Haupttribüne in der Alten Försterei als neuer Chefcoach des Fußballzweitligisten vorgestellt wurde, betonte Vereinspräsident Dirk Zingler mehrfach, »einen hervorragend ausgebildeten Fußballlehrer« gefunden zu haben.

Düwel, gebürtiger Altöttinger, übernahm es dann selbst, sich und damit den Typus Fußballlehrer vorzustellen. »Ich bin sehr kommunikativ, habe eine hohe Sozialkompetenz und arbeite grundsätzlich gern mit jungen Spielern«, sagte der 46-Jährige in seinem leicht bayerischen Akzent. Anschaulicher hätte man den »mentalen und emotionalen Neustart«, den sich der Verein mit der Trennung von Uwe Neuhaus gewünscht hatte, nicht beschreiben können.

Über Neuhaus heißt es, dass manch Spieler seine Stimme gar nicht kenne. In der Mannschaft waren zuletzt wohl nur noch Torsten Mattuschka und Benjamin Köhler seine Ansprechpartner. Entscheidungen, ob ein Spieler auflaufen, auf der Bank sitzen oder gar nicht im Kader sein wird, habe Neuhaus nicht selten andere mitteilen lassen. Sein problematisches Verhältnis zu jungen Spielern gilt als verbürgt. In sieben Jahren hat sich kein Talent aus dem eigenen Nachwuchs zu einem unumstrittenen Stammspieler entwickelt. Der 1. FC Union Berlin stellte auf Betreiben von Neuhaus den ältesten Kader in dieser Zweitligasaison.

Das alles klingt wenig modern. Ist es auch nicht. Der 54-jährige Uwe Neuhaus ist ein Trainer, fußballerisch sozialisiert als Erst- und Zweitligaspieler. Und das in einer Zeit, als Erfahrung ein noch sehr viel entscheidenderes Kriterium und Nachwuchsleistungszentrum noch ein Fremdwort war. Als die Trainerausbildung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verglichen mit heutigem Standard kaum eine (sozial)pädagogische Komponente hatte und verdienstvollen Ex-Profis das Zertifikat nach einem Kurzbesuch überreicht wurde. Auch Neuhaus' Wechsel vom Spielfeld auf die Trainerbank bei der SG Wattenscheid 09 verlief Mitte der 90er Jahre nahtlos.

Fußballlehrer sind natürlich auch Trainer, aber eben mit dem Zusatz »modern«. Auch dieses Attribut verpasste sich Norbert Düwel am Dienstag selbst. Für diesen Typus Trainer ist es nicht zwingend notwendig, selbst jahrelang höherklassig Fußball gespielt zu haben. Ihre Arbeit basiert nicht auf der Erfahrung ewiger Zweikämpfe, ihre Autorität speist sich nicht aus der Trophäensammlung. Düwel schaffte es als Aktiver bis in die Bayernliga, spielte dort für Türk Gücü München und Wacker Burghausen.

Der Geruch des Rasens ist den Fußballlehrern natürlich nicht fremd, das Wissen ist aber auch zu einem großen Teil aus der Theorie gewonnen. Wie zum Beispiel Thomas Tuchel vom FSV Mainz hat auch Düwel einen akademischen Hintergrund. Er ist Diplom-Sportlehrer und dozierte jahrelang an der TU München über Fußball. Auch zwei Bücher - »Dribbeln, passen, schießen« und »Richtig Frauenfußball« - stammen aus seiner Feder.

Nun ist es also für Düwel an der Zeit, all sein Wissen erfolgreich in die Praxis umzusetzen. Der 1. FC Union Berlin ist seine erste Station als Cheftrainer im Profifußball. Zuletzt arbeitete er bis zum Ende der Saison 2012/13 dreieinhalb Jahre als Co-Trainer von Mirko Slomka bei Hannover 96. Die Verantwortlichen in Köpenick haben sich versichern lassen, dass er einen beachtlichen Anteil am Erfolg der Niedersachsen hatte. Und auch seine dreijährige Arbeit zuvor als Scout und Gegneranalyst für Trainer Alex Ferguson, der in dieser Zeit mit Manchester United die Champions League gewinnen konnte, hat die »Trainerfindungskommission« des 1. FC Union sicherlich beeindruckt. Norbert Düwel setzte sich gegen 41 Mitbewerber durch.

Beide, Düwel und der Verein, sehen in ihrer Zusammenarbeit, die vertraglich auf drei Jahre festgelegt wurde, eine Chance. Inbegriffen ist darin natürlich die Möglichkeit des Scheiterns. Auch deshalb, weil der »alte« Trainer Uwe Neuhaus trotz aller Kritik sieben Jahre lang sehr erfolgreich gearbeitet hat.

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