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Arbeiten und kämpfen: Gisela Kessler ist tot

»Das Scharnier sind solidarische Gefühle«: Die frühere Vizevorsitzende der IG Medien und des Ältestenrates der Linken starb im Alter von 78 Jahren

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Gewerkschafterin und Linke Gisela Kessler ist tot. Wie die Zeitschrift »Sozialismus« jetzt mitteilte, starb die frühere Vizevorsitzende der IG Medien bereits in der vergangenen Woche. Kessler wurde 78 Jahre alt. Geboren in Frankfurt am Main hatte die engagierte Frau ihr Leben ganz dem gewerkschaftlichen Engagement verschrieben. »Der Wind bläst uns ins Gesicht, aber ich glaube wenn wir unsere Chance wahrnehmen, kann uns der Wind nicht umschmeißen« - das war das Credo von Gisela Kessler.

Bekannt wurde sie unter anderem für ihren Einsatz für die so genannten Heinze-Frauen. 29 Angestellte der Gelsenkirchener Firma Photo Heinze hatten Ende der 1970er Jahre auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit geklagt. Es entstand eine bundesweite Solidaritätsbewegung - nichts zuletzt Dank des Einsatzes von Gisela Kessler. 1981 setzen sich die Heine-Frauen in einem viel beachteten Arbeitsgerichtsprozess in letzter Instanz durch. Kessler sagte damals: »Dieses Urteil beweist, dass sowas geht für Frauen: Zu klagen, durchzuhalten, Recht zu bekommen. Wichtiger aber als das Urteil selbst ist die öffentliche und politische Diskussion, ist die ganz unglaubliche Solidarität, die entstanden ist. Die hat mitgeholfen, dass Lohndiskriminierung endlich wieder ein Thema ist.«

Kessler hatte bei der Post Kontoristin gelernt, später Jura an der gewerkschaftlichen Akademie der Arbeit in Frankfurt studiert. Sie war im DGB-Rechtsschutz tätig, wurde Frauensekretärin im Hauptvorstand der IG Druck und Papier und später stellvertretende Vorsitzende der IG Medien. »In die Gewerkschaft bin ich gegangen, weil ich zur Jugendvertreterin gewählt und dann zu einem Seminar eingeladen wurde. Es gefiel mir. Das ergibt sich dann so«, hatte Kessler einmal gesagt. Kollegen achteten sie vor allem für ihren hartnäckigen Blick von unten auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, Postenegoismus und Funktionärskultur waren ihren fremd. Kessler war in der Friedensbewegung aktiv, als Mitglied der DKP wurde sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

2005 gehörte sie zu den Mitgründern der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit, wo sie sich im bayerischen Landesvorstand engagierte. »Die Wirkung wird sein, dass in der Gesellschaft wieder über Alternativen nachgedacht wird«, so hat Kessler damals ihre Hoffnungen auf einen parteipolitischen Frühling der Linken formuliert. »Mich interessiert nicht die wahlarithmetische Seite, sondern der Prozess. Hände und Kopf sind nötig, das Scharnier aber sind solidarische Gefühle. Und die entstehen schon in so einem Wahlkampf: Die da mitgemacht haben, sind nach den Wochen nicht mehr dieselben wie vorher.« In der fusionierten Linkspartei war sie Vizevorsitzende des Ältestenrates.

Die Zeitschrift »Sozialismus« zitiert Kessler mit Worten, mit denen sie sich auf dem Gewerkschaftstag 1995 von ihrer Organisation verabschiedete: »Am schönsten war es eigentlich, nach Veranstaltungen, nach Betriebsversammlungen ganze Nächte mit Kolleginnen nachdenklich in der Küche zu sitzen, oft bis die Sonne aufgegangen ist. Da haben wir die Dinge von unten, vom Leben her beleuchtet und betrachtet. – Ich will arbeiten und kämpfen, dort, wo das Leben ist.« Die Journalistin Marina Achenbach hat Gisela Kessler zum 70. Geburtstag für eine Gewerkschaftszeitung porträtiert. Sie »erzählt alles mit einer Stimme, die tief und heiser ist, und raucht dabei. Sie ist wunderbar im Gespräch, nimmt jeden Faden auf, und dann erzählt sie anschaulich in ihrem hessischen Tonfall«, heißt es da. Viele werden Gisela Kessler genau so in Erinnerung behalten.

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