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Fischsuppe

Zum Tod Rolf Boysens

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Protagonismus als Faszinosum aus Duo und Duell. Vor Jahrzehnten am Landestheater Halle: Kurt Böwe und Martin Trettau - barocke Präsenz gegen hageren Hintergrund; am Berliner Ensemble - Ekkehard Schall und Hilmar Thate: Konstrukt gegen Fleisch; am Burgtheater Wien - Gert Voss und Ignaz Kirchner: lässiger Herr und listiger Knecht. Und an den Münchner Kammerspielen - Thomas Holtzmann und Rolf Boysen: hochragende knarrige Kraft wider einen vorsichtig melancholischen Ausdrucksadel. Nun ist Schauspieler Rolf Boysen im Alter von 94 Jahren gestorben.

Shakespeare war seine große Liebe und Form die ihm fortwährend große Aufgabe - maßlos darin zu sein, das höchste Maß zu halten (nicht nur: maßzuhalten!) Für ihn war dies die Quelle des Theaters: Sprache, Rhythmus, Erinnerung. Sprache ist Körperschaft, Rhythmus ist Schwingungsvermögen bis in den Atem und die Finger-, Fuß- und Gefühlsspitzen, Erinnerung ist Bewusstsein für den Mythos der Bühne: alles Große vorbei, aber lebendiger Geist nistet beobachtend in den roh gemauerten Wänden. »Wir müssen erkennen, dass wir hier ein poetisches Ensemble sind. Nichts anderes.« Heilige Arroganz, erhabener Wahnsinn, großartige Standortbeschwörung - Boysens »Rotweinspruch« (Jens Harzer) über die Münchner Kammerspiele, wo der in Flensburg Geborene junger Lernender bei Fritz Kortner war und aufstieg zum jahrzehntelangen Meister im Theater des Dieter Dorn.

Zauber galt ihm mehr als Zynismus, die Suche nach einem Menschenbild war ihm mehr wert als der Hohn auf jene tröstende Einbildungen, die ein hoffender Geist immer wieder gegen die Wände voller Menetekel malt. In allen bedeutenden Rollen der Weltdramatik war Boysen einer, der mit Zartheit zündeln, mit schneidender Schärfe liebkosen konnte. Ein Aristokrat der wärmsten Anrührungen wie des kalten Blicks durch alle Schichten Welt - mit einem kapitulierenden Innehalten vor jeder letzten Schicht Wahrheit. Der blinde Michelangelo tastete den Torso vom Belvedere ab, so wird Marmor zur Haut, und so wurde diesem Schauspieler Text zur Gestalt. Nein, wurde Annäherung - an das Geheimnis einer Gestalt. Für Boysen bestand der Mensch zur Hälfte aus Angst, zur anderen Hälfte aus Gewalt - die Kunst war ihm »Ausdruck der Sehnsucht, diesem Fluch zu entkommen.«

Ein Essaybuch schrieb er, »Nachdenken über Theater«. Darin glänzende Sentenzen: »Der Realismus ist der Erstickungstod der Wahrheit … Alles Lachen versandet. Alles Weinen erlöst … Das Mitgefühl des Menschen verliert sich immer dann, wenn das Objekt des Mitgefühls ganz nah an ihn herankommt.« In einem Text von Herbert Achternbusch hatte der Schauspieler aus dem vorgeschriebenen Wort »Fischschuppe« versehentlich »Fischsuppe« abgeleitet - und es in den weiteren Aufführungen beibehalten. Ein kleines Exempel für Boysens Kunst, den Zufall und das Gesetz, die Fügung und das Planbare, das heiter Komödiantische und den tiefen Ernst zu Prinzip und Aura seiner Darstellung zu verbinden.

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